Reportage: Vom Kiez zum Kap

pic.phpDer Weg war das Ziel

Einfach zur Fußball-WM zu fahren ist leicht. Kay Amtenbrink und Bernd Volkens aus St. Pauli war das Ziel allein nicht genug, als 2010 das Turnier in Südafrika anstand – es musste die Fahrt durch zwei Kontinente Richtung Kapstadt sein. Eine Odyssee voll himmlischer Erlebnisse und Höllentrips, dokumentiert in Jo Bornemanns grandiosem Dokumentarfilm Vom Kiez zum Kap und jetzt auch in den freitagsmedien.

Von Jan Freitag

Die Reportage eltmeisterschaft Größer könnten Gegensätze kaum sein. Fünf Grad minus zeigte das Thermometer, als für Kay Amtenbrink und Bernd Volkens vor vier Monaten das Abenteuer ihres Lebens begann. Verwandte waren gekommen, Freunde, selbst ein paar Reporter, um sie auf ihre Reise von Hamburg nach Südafrika zu schicken – im uralten VW-Bus vom Kiez zum Kap. Beim Abschied aus der Winterpause Richtung WM herrschte bei den zwei St. Pauli-Fans beste Laune, Aufbruchstimmung, fast Euphorie am Stadion ihres Heimatclubs. Von Euphorie ist rund 12 000 Kilometer weiter südlich wenig geblieben.

Es ist Frühling, irgendwo in Äthiopien, und bei 42 Grad stehen die fußballverrückten Männer knietief im braunen Wasser des Mago. Zwei volle Tage haben sie geschuftet, bis zur Erschöpfung, pausenlos. Ihr T3 hatte sich festgefahren. Mit ungeahnten Kräften aber, dem Geländewagen ihres Münchner Mitreisenden Claus und viel, viel Glück, landen Mensch und Material doch am Ufer. »Ungeduld hat in Afrika nichts zu suchen«, stöhnt Bernd. Nur weil der Globetrotter von 40 Jahren in Ausnahmesituationen wie dieser ruhig bleibt und besonnen, geht die Reise weiter.

Eine, die alles bietet: Unglücksfälle jeder Art, Krankheit und Entbehrung, Feuer, Wasser, Sturm und Schmerz, aber eben auch kontemplative Naturerlebnisse, sozialer Kontaktreichtum, atemberaubende Architektur. Extreme also, gepaart mit Entspannung. Da wird der Weg zum Ziel, das mit jedem Staat, jeder Wüste, jeder Erfahrung an Bedeutung verliert: 24 Tickets der Weltmeisterschaft in der Tasche nämlich, für die Kay, der freiberufliche Grafiker, und Bernd, angestellter Autojournalist, ein halbes Jahr auf Einkünfte und noch einiges mehr verzichten. Komfort etwa, fließendes Wasser, saubere Toiletten, die gewohnte Sicherheit, das geregelte Leben. Heimat.

Deutsche auf Reisen: Dem Zufall keine Chance

Dies ist die Geschichte einer Schnapsidee nach dem Training zweier Freizeitkicker, ihrer Realisierung und all der Folgen. Monatelang hatte das Duo Routen gelegt, Gepäcklisten erstellt, Visa besorgt und Impfungen erduldet, hatte örtliche Sitten studiert, medizinische Eingriffe geübt, vor allem aber den Wagen, das Herz des Unterfangens, zugerichtet auf die Straßen eines Erdteils, dessen Bewohner diesen Begriff sehr eigenwillig definieren. Dem Zufall keine Chance, Deutsche auf Reisen eben. Doch schon wenige Tage nach dem Start im zähen Hamburger Winter sind die ersten Pläne hinfällig. Noch in Europa ändert das Navigationsgerät die Route nach Kroatien statt Ungarn. Beim Übertritt nach Serbien erinnert sich Kay an die grüne Versicherungskarte fürs Ausland auf seinem Schreibtisch. »Faul und trocken liegt sie da«, man hört ihn förmlich fluchen auf dem Balkan. Die kleine Unachtsamkeit kostet fortan ähnlich viele Nerven wie die unzähligen Pannen, kaum weniger Devisen und früher als gedacht: ein neues Zeitmanagement. Grenzen werden nun nachts passiert, wenn die Zöllner müde sind und milder.

Die machen ohnehin auf der ganzen Odyssee Schwierigkeiten, ob syrische, serbische, sudanesische. »Echte Unfreundlichkeit«, betont Bernd, »reduziert sich fast überall auf Grenzer«. Probleme bereiten aber auch jordanische Langfinger, die in der Hafenstadt Aqaba technisches Gerät erbeuten. Außerdem haben sie zudem offenbar »unser Schietwetter« mitgebracht, mault es aus der Felsenwüste Wadi Rum. Schnee und Hagel – später werden sie sich häufiger nach Abkühlung sehnen.

Überhaupt – Sehnsucht. Auch ohne zugehöriges Gerät navigiert vor allem sie die Allradtour durch knapp zwei Dutzend Nationen. Eine nach Ferne und Abwechslung, nach Ersatzteilen für die permanenten Autopannen und einem Goldesel, der die ständigen Schmiergelder, Abgaben und Fantasiegebühren finanziert. Wichtiger aber ist die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und Trubel, dem Unbewohnten, Unbehausten. Nach Sinneswandel, wie ihn auch jene Handvoll Polizisten erzeugt, die den Bus auf der Reise am Nil entlang begleitet, ihre Kalaschnikows stets im Anschlag. Als würden Waffen Sicherheit suggerieren, in dieser gefährlichen Gegend für Touristen. Auch wenn bald der Sudan droht, das Schlagzeile gewordene Katastrophenszenario.

Ursprünglich sollte der Trip die Westküste entlang führen, durch die WM-Teilnehmer Afrikas hindurch. Bis das Auswärtige Amt warnte. Die Ostroute galt als sicher. Bis auf Sudan eben. »Welch ein Trugschluss«, stellt Maria Pineiro klar, Bernds Freundin, die in Kairo für zehn Wochen zusteigt. Statt das Land wie geplant mit Vollgas zu durchfahren, wenn möglich im Konvoi, am besten ohne auszusteigen, lässt sich die Gruppe ausgerechnet hier Zeit. »Wir haben uns nirgends sicherer gefühlt«, sagt die Deutsch-Portugiesin nach der Heimkehr. Sudans Bevölkerung sei ein Inbegriff der Gastfreundschaft – und fußballbegeistert, für WM-Touristen eine Art Passierschein durch heikle Gebiete. Einzig der zwanzigstündige Grenzübertritt durch den Nasserstausee weiter nach Khartoum ist für Auswärtige so qualvoll wie das islamische Alkoholverbot rings um die Hauptstadt. Von wegen Schnapsidee: »Sudan liegt trocken«, klagt Kay, der seinen 41. Geburtstag Ende Mai abstinent verbringt. »Kein Tropfen aufzutreiben.« Ein Luxusproblem, ohne Frage – und eines, das sich diesseits der äthiopischen Grenze, nach der bürokratischen Routinetortur auf staubigen Posten ohne Computer, aber voller Stempel, in einen bierseligen Rausch am Strand auflöst.

Racism divides, Football unites

So wie all die Vorurteile über das angeblich hungernde, aber herzliche Horn von Afrika. Stattdessen tummelt sich zwischen blühenden Tälern, vielschichtiger Kultur und baulicher Faszination ein eher egoistischer Menschenschlag, wie die drei Fremden berichten. Immerhin versorgt sie ein äthiopischer St. Pauli-Fan mit dem wichtigsten Aufstiegsspiel ihres Clubs im arabischen Fernsehen. Live und in Farbe. Das grenzt nun wieder an ein Wunder.

Racism divides, Football unites, sagen Fans über die völkerverständigende Kraft des Fußballs. Auch deshalb scharen die Weißen mit dem edlen Spielgerät ständig Massen Einheimischer um sich, vor denen in Reiseführern bisweilen gewarnt wird. Selbst der weltläufige Bernd, dem kein Kontinent, kaum ein Land, nichts Exotisches fremd ist, beklagt sein Dasein als längst vollbärtige Sensation, die selbst bei der Notdurft halbe Dörfer anlockt. »Das nervt!«

Doch dafür entschädigt am Ende aufs Neue: die Natur. Wie im Mago-Nationalpark, 500 Meilen unterhalb Addis Abebas. Das Feierabendpils im Sonnenuntergang nach ewigem Offroad-Geschaukel, der Blick über die Savanne, allein mit Flora und Fauna und diesem Fluss, der ihre Reise beinahe beendet und doch bloß eine weitere Verheißung ist. »Zwischen Himmel und Hölle«, meint Kay, »liegt oft nur ein Stück Schotterpiste«. In diesem Fall eine Straße aus Vulkangestein, irgendwo im Nirgendwo Kenias. Der Himmel, das ist heute das Sibiloi Naturreservat am malerischen Turkana-See tief im Osten Afrikas. »Ein weißer Sandstrand, weit und breit keine Menschenseele«, so schildern sie ihr Etappenziel vorab. Dann wird der Traum zum Albtraum.

Stolze 14 Länder haben sie bereits hinter sich und wieder wechselt der Himmel auf Erden zur Hölle wie wenige Tage zuvor, diesmal im Wortsinn: der Motor steht in Flammen, überhitzt von strapaziösen Stunden über unwegsames Terrain bei sengender Hitze, gelöscht unter Einsatz des gesamten Trinkwassers. Drei Getriebene im Angesicht ihres ruinierten Heims auf Rädern – damit lassen sich die Abgründe solch einer Odyssee bestens bebildern. »Fassungslos und ausgebrannt wie der Bus stehen wir da«, berichtet Bernd aus der Einöde fernab jeder Zivilisation. Er überlegt, aufzugeben. Zum ersten Mal. – und zum letzten Mal. Denn Claus, der Münchner mit dem bärenstarken Toyota, auch er auf dem Weg zur WM, schleppt seine Begleiter ab. 750 Kilometer nach Nairobi, zur Hälfte über Buckelpisten, ganz nah am Totalschaden. Ziel: Jungle Junction, unter Globetrottern berühmt, das Schrauber-Paradies eines Exilbayern gerade dort, wo selbst Schrauben Mangelware sind. Sie meistern auch diese Prüfung unter großer Anteilnahme Einheimischer, deren Improvisationstalent, Selbstbehauptungseifer und Stolz so gar nicht passen mag zum Bild kollektiver Abhängigkeit, das nicht nur die Medien hierzulande zeichnen.

Licht am Ende des Tunnels: Ein Kühlschrank voller Bier

Im Sog der WM kolorieren sie es ein wenig anders, immerhin. Und für ein paar Wochen existiert ein Kontinent jenseits von Hunger, Exotik und Krieg. Doch nach dem letzten Abpfiff werden viele zur Tagesordnung übergehen wie 2008, nach den Spielen in Peking. Kay und Bernd und Maria und Claus und all die anderen auf ähnlicher Route, sie dagegen werden noch lange berichten vom vielfältigen Afrika. Richtung Tansania platzt zwar das nächste tragende Teil im sanierten Maschinenraum und das erste Lebenszeichen nach wochenlanger Funkstille lautet: »Kay hat Malaria«. Aber was soll’s: In Nairobi habe man eine nette Werkstatt gefunden, freut sich Bernd, »und einen Kühlschrank voller Bier«. Am Ende des Tunnels brennt immer noch Licht.

Allein das war es wert, erzählt, zurück in Hamburg, Maria Pineiro, die alltags weltweit Windparks plant. Ob ihr Freund und sein Copilot zum Eröffnungsspiel im Stadion sitzen werden? Wer weiß … Dabei ging’s doch exakt darum. Einerseits. Andererseits geht es um so viel mehr. Ein kurzes Gefühl von Wohlstandsverslust etwa, auch um Entbehrungen, Konflikte, Gefahr, Verlorenheit. »Extremsituationen zu meistern, ist wertvoller als jede WM« – das sagt mit Kay Amtenbrink ausgerechnet einer, dessen halbes Leben um Fußball kreist. In vier Jahren will er mit Bernd nach Brasilien. Natürlich. Egal wie. Und vorher? Nun, da wären ja noch die Karten für fünf Spiele in Kapstadt, dort, wo seine Schwester lebt. Für Fußballverrückte ist das Ziel eben doch noch ein wenig mehr als der Weg.

Der Text ist 2010 in mehreren Tageszeitungen erschienen

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