Götz George, Hamburg 2011/13

535px-Götz_George,_ROMY_2009Ich war als Kind schon renitent

Wird der auch mal älter? Ja, gestern, 75 Jahre alt. Götz George bei einem seiner Lebenswerkpreise. Foto: Manfred Werner/Tsui

Manche Schauspieler sind so groß, so unantastbar und übermächtig, dass sie sogar ihren eigenen Vater spielen können, ohne anbiedernd zu wirken. Einer davon ist Götz George, den die ARD heute zu seinem gestrigen 75. Geburtstag damit ehrt, seinen umstrittenen Vater Heinrich darzustellen (George, 21.45 Uhr). Aus diesem Anlass, und um einen der besten lebenden Schauspieler deutscher Sprache zu ehren, ist hier ein Interview mit Götz George aus dem Jahr 2011.

freitagsmedien: Herr George, Ihre Rollen sind seit jeher gern kratzbürstig, mittlerweile aber spielen sie immer häufiger Charakere wie halsstarrige Witwer und verbohrte Umweltaktivisten. Entdecken Sie solche Züge im Alter auch an sich selbst?

Götz George: Eher nicht, denn ich werde mit dem Alter immer ruhiger und gelassener. Milder, wenn man so will. Aber ich bin ja durch meinen Beruf auch gesegnet, der mir die Möglichkeit gibt, Dutzende von Leben zu durchleben. Das Altern fällt womöglich leichter, wenn man seine Untiefen schon mal spielerisch durchspielen, also proben konnte. Das steht man schon ein wenig auf der Sonnenseite.

Die aber auch nicht mehr so hell strahlt wie früher.

In der Tat. Die Anforderungen an die Schauspielerei sind heute ungleich extremer. Zu meiner Zeit wurde ich noch behutsam an den Beruf herangeführt. Die Branche ließ mir alle Zeit der Welt, mich zu entwickeln. Ich musste auch nicht unter Hochdruck Geld verdienen und auf Teufel komm’ heraus jede Rolle annehmen, um für schlechte Zeiten gerüstet zu sein. Während junge Kollegen jetzt also von Beginn an viel zu kämpfen haben, bin ich nach 60 Jahren im Geschäft zutiefst gelassen. So gelassen, dass ich mir mittlerweile sogar eingestehen kann: Eigentlich brauche ich diesen Beruf gar nicht mehr.

Kündigen Sie gerade den Rücktritt an?

Nein, ich sehe seiner Möglichkeit nur mit größter Entspannung entgegen. Und ich muss nicht mehr alles spielen, ich will vor allem nicht abblättern wie alte Farbe und durch Filme tingeln, die mir nicht gefallen. Wenn mir eine Krankheit oder andere Unglücksfälle die Berufstauglichkeit nehmen würden, wäre ich nicht vor den Kopf gestoßen, sondern könnte es mit Langmut annehmen. Da hilft mir sicher, dass ich mein Leben lang Fatalist war; ich habe nie sonderlich am Leben gehangen, sonst wäre ich pfleglicher mit mir umgegangen. Ich habe in allen Lebenslagen extreme Dinge mit mir angestellt und es ist nie was Schlimmeres passiert. Tiefschläge haben mich nie aus der Bahn geworfen, sie haben mich nicht verwandelt, sondern gefestigt.

Sie sind schicksalsgläubig?

Ganz stark sogar, aber das ist keineswegs religiös fundiert. Ich bin ja nicht mal konfirmiert (lacht). Ich denke nur – wenn man Gutes tut, kommt Gutes zurück, eine Art selbst bestimmtes Schicksal.

Klingt da nicht doch ein buddhistischer Ansatz durch?

Überhaupt nicht, dazu fehlt mir der Glaube. Aber diese Philosophie hat allzu großen Höhenflügen ebenso vorgebeugt wie allzu tiefen Abstürzen. Ich stand ja schon öfter auf der Kippe, nach Unfällen, nach Operationen – aber es hat nie Trauer darüber eingesetzt, weil ich mir stets vor Augen gehalten habe, dass es auch gute Tage gab und wieder gute kommen werden.

Was bringt Sie dennoch aus dieser Ruhehaltung?

Intrigen und Denunziation. Da bin ich ein Elefant, das vergesse ich nie und reagiere durchaus mal hart. Wenn auch nicht mehr so ungehalten wie früher manchmal. Aus dem Heißsporn von einst ist ein Diplomat geworden. Dabei gäbe es genügend Gründe, aus der Haut zu fahren, denn Verlogenheit und Verrat sind groß in Mode und Zivilcourage am Aussterben. Das ist vielen einfach zu anstrengend.

Glauben Sie da noch an das Gute im Menschen?

(lacht) Tja, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen führt immerhin zu einem neuen, geläuterten, sensibleren Denken. Aber Philanthropie fällt mir zusehends schwer. Die Raffer sind eben in der Mehrzahl und werden dabei doch nicht glücklich. Schauen Sie mal nach Afrika, wo die Menschen noch im Elend herzlicher lachen als wir im Überfluss. Wer sich heutzutage schlecht fühlt, dem sage ich gerade gern: Leute, schaut auf Japan, das rastet einen schnell wieder ein. Die dortige Demut gegenüber den Gegebenheiten fehlt uns in Europa völlig.

Wir denken zu viel?

Wir kommen aus dem Denken gar nicht mehr raus!

Zumindest diejenigen, denen es nicht so gut geht.

Ich weiß, es ist leicht, das aus einer Situation wie meiner heraus zu sagen, in der alles gut läuft und die Sorgen überschaubar sind. Das macht es aber nicht weniger richtig. Denken hilft nicht immer, manchmal muss man einfach fühlen. So wie Theo Winter auch erst gütiger wird, als er plötzlich allein ist. Da trägt er es sogar mit Fassung, dass sein Sohn sich als schwul outet. Ohne die Überwindung seiner Einsamkeit wäre ihm das kaum gelungen.

Kennen Sie das – Einsamkeit?

Nein. Ich bin gern alleine, das ist meine große Qualität. In der Abgeschiedenheit auf Sardinien kann man sich aufs Wesentliche konzentrieren und findet zu sich selbst. Aber es kommt leicht zu Alibihandlungen: Hier noch das von da nach da räumen, da das Bäumchen stutzen, noch mal und noch mal. Bis nichts mehr zum Stutzen übrig bleibt. Du musst dich beschäftigen.

Klingt nach einem Seniorenleben.

Dafür steckt noch zuviel Arbeit drin. Ich hab immer drei Drehbücher auf dem Tisch, das Lernen hört nie auf. Weil ich morgens oder abends arbeite, muss ich nur schauen, wie ich die Tage rumkriege. Aber mit 71 darf ich ja wohl Senior sein.

Stärkt die Erfahrung, die dahinter steckt, Ihren Einfluss bei der Arbeit?

Ich bin jedenfalls einer, der immer Einfluss nimmt.

Und erhört wird?

Zunehmend.

Hat das mit Respekt vor dem Alter selbst zu tun?

Im Gegenteil, dem Alter bezeugt man zunehmend weniger davon. Als ich jung war, hatte man den Alteingesessenen zu glauben, deshalb war meine Frechheit, die Renitenz damals so ungewohnt für sie. Pflegeleicht zu sein, galt ja als Garant für Weiterbeschäftigung. Egal, wie alt der Regisseur war.

Heute könnten manche von denen ihr Enkel sein.

Aber deshalb haben die jetzt keine besondere Ehrfurcht vor mir. Regisseur ist ein diktatorischer Beruf. Für fünf Wochen dürfen einige von ihnen all das rauslassen, was sie zuhause bei Frau und Kind nicht dürfen. Hier sind sie mal der Chef und machen große Fässer auf, sperren Straßen ab, schreiben rum. Denen muss man auf die Schulter klopfen und sagen, pass mal auf: Wir haben bislang noch keinen Erfolg, nicht mal Quote, also mal ganz langsam bitte! Bescheidenheit ist doch eine Zier… Dieser Beruf ist immer eitler geworden, voller Stars oder solcher, die sich dafür halten. Das macht diese Vorsilbenflut: Alles Mega, Super, Genial und Titan.

Beklagen Sie grad die Verrohung der Sprache insgesamt?

Nein, die Verrohung der Bewertungskriterien für Qualität. Mein Vater wurde mal genialisch genannt, das war das absolut Größte und trotzdem irgendwie am Boden. Heute würde man ihn wahrscheinlich turbomäßig geil nennen. Das Mittelmaß wird immer größer, ist  aber dauerpräsent. Große Schauspieler machen sich rar.

Was Sie selber gar nicht tun, ihre Filmliste ist endlos.

Ich habe immer gearbeitet, weil das mein Beruf ist, aber nie das gespielt, was mir widerstrebte. Andererseits habe ich in jungen Jahren gar nicht verstanden, woher die Nachfrage kam; ich fand mich nicht sonderlich schön oder begabt. Und die Karl-May-Filme finde ich im Nachhinein naiv. Fürchterlich!

Aber spaßig zu spielen.

Absolut. Und toll besetzt. Aber totales Kindertheater.

Vor gut zehn Jahren haben Sie den ersten Preis fürs Lebenswerk erhalten. Fühlten Sie sich da Jopi Heesters nahe oder doch geehrt?

Weder noch (lacht). Älter wurde ich dadurch ja nicht und Preise haben mir nie viel bedeutet. Auch beim deutschen Fernsehpreis stellte sich nach drei Stunden Zeremoniell ein Trauermoment ein: Eigentlich geht’s gar nicht um mich, es geht um euch!

Kein Anflug von Sentimentalität?

Es gab diesen kurzen Moment, aber er ist der Verwunderung gewichen, dass die Leute minutenlang applaudiert haben, obwohl ich nichts von mir preisgebe, bis heute nicht. Da merkte ich: Es funktioniert! Man kann gemocht werden, ohne es darauf anzulegen.

Dennoch haben Sie sich den Ruf erarbeitet, ein schwieriger Typ zu sein, unberechenbar, im Interview zuweilen kompliziert.

Ach, meine Kollegen finden mich gar nicht schwierig, dort denkt man einfach, ich liebe meinen Beruf und bringe mich darin ein. Schwierigkeit ist auf einer anderen Ebene für gute Schauspieler bedeutsam: So wie gute Maler oder Musiker wollen sie nicht anderen das Leben schwer machen, sondern sich selbst. Wir stehen uns oft selbst im Weg, weil wir uns über alles einen Kopf machen und dabei die Messlatte zu hoch oder zu niedrig legen. Trotzdem wollen manche Schauspieler ja geradezu als schwierig gelten.

Um Anspruch zu suggerieren.

Vielleicht. Aber dafür bin ich ein viel zu sinnlicher Mensch. Wer in meinem Beruf zu anderen schwierig ist, versaut die Atmosphäre wie saurer Regen den Boden. Beim Drehen muss die Atomsphäre ganz locker, angenehm, geliebt sein. Sonst entfernt sich die Rolle von ihrem Ziel.

Klingt fast harmoniesüchtig.

Am Set bin ich das auch. Notgedrungen. Mit bloßem Druck erreicht man nichts; wenn man uns Schauspieler zu sehr verunsichert, brechen wir zusammen. Deshalb mögen allzu fordernde Regisseure das Letzte aus einem rausholen, aber wenn man beim Zubettgehen nur ’Arschloch!’ denkt, ist dem Film nicht gedient. Bei einem wie Dominik Graf zum Beispiel wird man sicher permanent gefordert, aber er gibt einem zugleich unablässig das Gefühl, dich zu lieben.

Echte, hingebungsvolle Liebe?

Ja, und zwar zu seinem Beruf, zu seinem Film, zu seinem Ziel und dadurch mittelbar auch zu mir. Du musst nicht der Quote hörig sein, sondern dem Beruf. Dann darf man seine Darsteller auch mal liebevoll quälen.

So wie bei Werner Herzog und Klaus Kinski?

Da überwog die Qual. Und das sieht man daran, dass ich noch keinen Film der beiden durchgestanden habe. Konfrontation macht verkrampft und niemand war verkrampfter als dieser Egomane Kinski.

Sieht man einem Film an, ob es beim Entstehen harmonisch zuging?

Durchaus, aber es geht nicht um Harmonie, es geht um Zielstrebigkeit. Man muss eine Vorstellung von der Idee hinter dem Buch und der Umsetzung gewinnen. Es gibt Schauspieler, die man dahin quälen muss, kreativ zu werden. Solche, die von sich aus kreativ sind, lässt man laufen. Filmemachen ist ein Tasten, ein Geben und Nehmen. Aber auf freundschaftlicher Basis.

Brauchen junge Schauspieler da mehr Führung als alte wie Sie?

Mag sein, aber ich war als Kind schon renitent, ich habe von klein auf opponiert. Man musste mich stets bremsen, so ein Heißsporn war ich. Schon zu einer Zeit, als mir die nötige Erfahrung und Kenntnis dazu eigentlich noch fehlte, sagte ich oft, das könne man so nicht spielen.

Hat Ihnen das den Karrierestart erschwert?

Irrsinnig! Ich wusste ja noch gar nicht, wo meine Stärken liegen, aber meine Kreativität hat mir suggeriert, alles zu können, alles zu wissen. Das ist eine Charaktereigenschaft. Schon zuhause musste ich immer eingreifen. Ob jemand ein Bild aufhängen wollte, ein Konzept erstellen musste oder nicht weiter wusste – ich wollte es ihm abnehmen. Das war zwar eine Form der Hilfsbereitschaft, aber auch grenzenlose Selbstüberschätzung. Andererseits führte genau die dazu, dass mir viele Regisseure schon frühzeitig zuhörten. Ich war frech und mutig, das kannten die damals nicht und hat mich zu großer Eigenständigkeit erzogen. Aber eben auch eingeschüchtert, wenn der Zuspruch ausblieb. Heute weiß ich dieses Wechselspiel zwischen Regisseur und Schauspieler besser zu lesen.

Ist dieser Austausch modern?

Nee, heute wird ja gar nicht mehr diskutiert. Dazu fehlen die Zeit und das Geld. Dabei lautet mein Motto: Ein Film entsteht beim Drehen, durch Interpretation, durch Nachdenken. Ich bin jemand, der immer Einfluss nimmt.

Und erhört wird?

Zunehmend.

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