Prinzenbrut und Shootingstars

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 22.-28. August

Ach, wäre die Welt doch der Guardian. Zur Ankunft eines Thronfolgers im Vereinigten Königreich konnte man per Mausklick entscheiden, ob die royalistische oder republikanische Version der englischen Zeitung auf dem Bildschirm erscheint. Da die Welt aber ein gigantischer Boulevard ist, der sich für Ereignisse vor allem dann interessiert, wenn sie katastrophal oder bonbonbunt sind, tat selbst die Tagesschau zur Geburt von Klein Georgie etwas Ungewöhnliches und überzog am Dienstag die Sendezeit, um erste Bilder der blaublütigen Brut zu zeigen. Das tut diese Institution der Seriosität sonst nicht mal bei japanischen Kernschmelzen, aber die gute Nachricht: es gab im Anschluss keinen Brennpunkt.

Den gab es dagegen gestern zur Hitzewelle in Deutschland, womit abermals belegt wäre, dass die ARD am liebsten bei Wetterphänomenen von zu viel Regen bis zu viel Sonne Sondersendungen bringt. Da musste selbst der vorhergehende EM-Titel der deutschen Fußballerinnen – deren Halbfinale gegen Schweden zur beachtenswerten Vorverlegung der bedeutungslosen, aber aufgeladenen PR-Partie Bayerns gegen Barcelona geführt hatte – mit der Spitzenmeldung unserer Hauptnachrichtensendung Vorlieb nehmen. Auch das darf man allerdings wie die Zuschauerzahl von fast neun Millionen (zwei mehr als das Supercup-Finale abends zuvor) als Beweis der wachsenden Relevanz des Frauenfußballnationalteams ansehen.

Auch wenn ARD-Reporter Bernd Schmelzer wie auch der ZDF-Kollegbe Norbert Galeske die erstaunliche Formulierung „Fußballfrauennationmannschaft“ vorzog, was ähnlich emanzipiert ist wie sein gesamtes Machogeschwurbel aus Zeiten, als Männern Frauen noch fürsorglich den Job kündigen durften. Schmelzer lobte mal eine Spielerin der norwegischen Frauenfußballnationalmannschaft dafür, abends nach dem Kicken noch ihre Kinder zu wickeln, mal eine Linienrichterin dafür, dass sie ein Abseits von drei Metern „wirklich gut gesehen“ habe, und zeigt damit, dass ihm auch beim TV-Duell am 1. September vermutlich vier Journalisten lieber wären, da ihre Kolleginnen daheim doch noch Windeln wechseln und die Abseitsregel lernen müssen.

Aber leider, liebe Sportreporter der ganz alten Schule, sind zwei Frauen dabei, wenn die Kanzlerkandidaten von vier Kanälen zugleich befragt werden. Und seit voriger Woche wissen wir auch, in welchen Teams sie das tun werden: Maybrit Illner (ZDF) mit Peter Kloeppel (RTL) und Anne Will (ARD) mit Stefan Raab (Pro7). Bei so viel Wertschätzung für den letztgenannten Kaugummikanal, dem Politik noch unwichtiger ist als, sagen wir: die inneren Werte seiner Pressdekolleteemoderatorinnen, dürfte es dem Springer-Konzern nochmals mehr nerven, dass er die ProSiebenSat.1 Media AG 2006 nicht kaufen durfte. Und jetzt schaut das Kartellamt beim nächsten Riesendeal von Europas Verlagsriesen genau hin: ob er nämlich seine Geschichte, sein Herz und den Restbestand des Gehirns für 920 Millionen Euro an die Funke-Gruppe (WAZ) verticken darf. Dabei wäre die Trennung vom gesamten Presseportfolio bis auf Bild und Welt insofern nur logisch, als richtiger Journalismus bei Springer ohnehin bedeutsam ist wie das Kommunistische Manifest.

Und so trauern wir also nicht über den endgültigen Wandel eines einst ernstzunehmenden Zeitungsverlags zur reinen Renditemaschine, trauern wir um den verstorbenen Heinz Meier, der bei Loriot einst als Erwin Lindemann mit dem Papst eine Herrenboutique in Wuppertal eröffnen wollte und dabei bewies, wie viel Präzision und Güte den deutschen Fernsehhumor mal geprägt hat.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 29. Juli – 4. August

Heutzutage prägen ihn schließlich eher Schmunzelkrimis im Ersten, die diese Woche dank der Live-Übertragung von der Schwimm-WM wenigstens Montag, Mittwoch und Freitag vom Vorabend verschwinden. Auch sonst kehrt der Fernsehsport mit Nachdruck zurück. Ab Mittwoch überträgt RTL ein Marketingevent namens Audi-Cup, in dem die reichsten Clubs der Welt von Bayern München bis Manchester City zur besten Sendezeit ein bisschen mehr Werbegelder anhäufen dürfen. Samstag dann geht es mit dem DFB-Pokal in die heiße Phase der neuen Bundesligasaison. Und weil die neun Zweitligapartien mittlerweile sieben verschiedene Anstoßzeiten haben, gibt es für Sky massig Möglichkeiten zur Übertragung zweitklassiger Werbepausenüberbrücker.

Da kümmern wir uns doch lieber um erstklassige Fiktion. Das britische Adelsmelodram Young Victoria etwa, dessen schwulstiger Titel über die wunderbar kostümierte Güte der Kinoadaption hinwegtäuscht. Noch erstklassiger verspricht jedoch die Reihe Shootingstars zu werden. Ab Donnerstag gibt das ZDF darin einigen Talenten des jungen deutschen Films die Gelegenheit, sich auf vergleichsweise akzeptablen Sendeplätzen zu präsentieren. Den Auftakt macht die großartige Alina Levshin als Kriegerin zwar erst um 22.15 Uhr, aber angesichts des harten Neonazi-Stoffs ist das sogar nachvollziehbar. Mehr jedenfalls als die der zweiten Folge Luks Glück, einer charmanten Culture-Clash-Komödie von Ayse Polat, am Freitag um halb zwölf.

Wirklich richtig viel zu spät läuft indes Durch die Nacht mit…, diesen Samstag mit Bootsy Collins und Jamie Lidell, nach Mitternacht, aber wie gewohnt großartig. Arte ist eben irgendwie immer sehenswert. Wie auch tags drauf um 21.45 Uhr, wenn der Kulturkanal seinen Schwerpunkt Summer of Soul mit der famosen Dokumentation Detroit, Michigan – Zentrum des Soul über die Motownstadt fortsetzt. Oder wie am Freitag zuvor Die Gentleman baten zur Kasse, einer wirklich sehenswerten Bearbeitung des legendären Postraubs 50 Jahre zuvor.

Empfehlenswert wäre außerdem eine neue Krimiserie namens Silent Witness, die zwar ab heute (22 Uhr) bei ZDFneo wenig revolutionär von drei brillanten Rechtsmedizinern handelt, das aber – wie so oft bei britischen Importen – einfach besser als viele deutsche Produkte tut. Ansonsten herrscht auch öffentlich-rechtlich die gesittete Sinnlosigkeit ausklingender Sommerlöcher vor. Sonntag etwa, wenn seine Kernklientel grad Mittagsschlaf hält, muss der brachialfröhliche TV-Koch Horst Lichter in Bares für Rares nun auch noch den ZDF-Trödelsammler spielen, dicht gefolgt vom Magazin LandGut, das sechs Folgen lang um 14 Uhr baugleich aufs lukrative Pferd der sagenhaft erfolgreichen Stadtfluchtillustrierten LandLust setzt. Und es sagt einiges über die Innovationsbereitschaft des Leitmediums aus, wenn so etwas schon zum Hervorhebenswerten der Fernsehwoche zählt. So wie der Fernsehtipp des Tages: Die schlechtesten Filme aller Zeiten, die Tele 5 zwar ohnehin seit jeher sendet, ab Freitag aber offensiv präsentiert von Oliver Kalkhofe. Da klingt das D-Movie Knochenbrecher im Wilden Westen doch gleich nach Pasolini…

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