Martina Hill: Parodistin und Knallerfrau

Schlank, blond, krass

In der Sat1-Sketchshow Knallerfrauen (ab Freitag, 2. August, 22.50 Uhr) ist Martina Hill mal ganz sie selbst, statt Sonya Kraus, beweist also nachhalztig, dass sie weit mehr kann als Parodieren anderer in Switch Reloaded. Zum Beispiel derb sein. Und zwar richtig.

Von Jan Freitag

Gut, man braucht schon einen Hang zu derbem Humor, um über Witze mit Frauen zu lachen, die auf Partys lautstark ihren Slip suchen. Mit Frauen, die öffentlich furzen, im Supermarkt Melonen kugelstoßen oder brüllend durch den Park laufen, weil der Kaffee zu kalt ist. Die Kopfsalat als Pompon benutzen, Wurst als Schlagstock und Babys als Feudel. Witze mit Frauen also, die plump sind, laut sind, böse sind, taktlos sind, unflätig sind und meist alles in einem. Man muss folglich eher grob gestrickt sein, um Knallerfrauen lustig zu finden, die neue Sat1-Sketchcomedy.

Vielleicht reicht es aber, wenn man jemanden lustig findet, den lustig zu finden nicht schwer fällt: Martina Hill. Seit gerade mal fünf Jahren ist sie im ulkigen Fernsehfach daheim und bereits eine der wenigen Leuchten. Anderseits sind fünf Jahre in dem Metier eine Menge, um ohne Soloshow tätig zu sein. So gesehen folgt es dem Gesetz des Marktes, dass Deutschlands schönste gute Komödianten mit 37 Jahren endlich auch allein zeigen darf, was sie kann. Im Grunde ist Knallerfrauen zwar ein Spaßformat wie viele: Mit argen Zoten, schlüpfrigem Inhalt und wenig Sinn, voller Klischees, Schenkelklopfern und Fremdschammomenten als heiterem Kernbestand. Wie im Durchlauferhitzer Comedy üblich, der selbst die alte Scheibenwischer-Bühne für pappeflache Possenreißer freigibt, den Antispaßvogel Oli Welke zum Träger seriöser Preise macht und Kurt Krömers einzige Pointenressource (Berliner Schnauze) mit öffentlich-rechtlichen Sendeplätzen adelt. Es wäre also auch in dieser halben Stunde ab 22.15 Uhr wenig mehr als Stromlinie zu erwarten, stünde da nicht diese, pardon: Knallerfrau im Zentrum. Und nur sie.

Seit 2007 verkörpert Martina Hill ja in der Pro7-Parodie Switch Reloaded diverse Figuren des realen TV-Lebens und ist dabei oft echter als die Originale. Heidi Klum und Anja Kohl, Gundula Gause und Ina Müller, Bill Kaulitz und Katja Burkard, Sonya Kraus oder in der heute-show Bettina Schausten – nach wenigen Jahren im Geschäft schien die gelernte Radiosprecherin ihre Berufung beim Kopieren anderer gefunden zu haben. Das tat auch Not. Denn als Teil dämlicher Serien wie Cobra 11, schlechter Filme (Schwer verknallt) oder der fulminant gescheiterten Parodie C.I.S., dessen Witz schon im Piloten irgendwo zwischen Mario Barth und Buster Keaton verendet, schien ihre Karriere abseits von Switch festzustecken.

Umso mehr erstaunt es, wie „die pure Marina Hill“ (Martina Hill) nun beim Schwesterkanal Sat1 funktioniert. In knapp zwei Dutzend Sketchen pro Folge „spiele ich ganz normale Frauen in ziemlich alltäglichen Situationen“, wie sie selbst schildert. Solche, die ihrem Bräutigam bei der Hochzeit auf den Kopf kotzen oder sich nachts per Defibrillator am Bett fit fürs schreiende Baby machen. Es sind nicht grad Frauen wie du und sie, aber es sind handelnde Frauen, Frauen der Tat also, die nicht immer komisch sind, aber ihr Tun so selbstverständlich und siegesgewiss vollführen, dass sie zu etwas werden, was in der Haut dieser Berlinerin ohne Schnauze leicht verstörend wirkt: männlich. Schließlich ist die spät berufene Schauspielerin, der erst mit Ende zwanzig die erste Rolle zuteil wurde, ein Privatfernsehbild von einem Weib: Groß, blond, schlank, schön, sexy und stets bereit zum Minirock. Ergo: die Essenz dessen, was der Mainstream unter femininer Attraktivität verbucht. Grad das macht „Knallerfrauen“ so relevant, obwohl es so mit Stereotypen spielt.

Denn auch die Hill weiß um ihre Attribute, die sie in 106 Charakteren, verteilt auf 220 fertige Sketche, so oft zur Schau stellt, wie es die Branchengesetze erfordern. Hinter all der nackten Haut zu hohen Hacken zeigt sich aber ein Übermut, der jede Eitelkeit im Mimikchaos erstickt. Komik, erklärt sie ihren Beruf und klingt dabei mal unsicher, mal selbstbewusst, wie ganz normale Frauen, „entsteht über den Faktor Überraschung“. Und das komme bei attraktiven Menschen mit Mut zur Hässlichkeit sogar mehr zur Geltung. Der Zuschauer jedenfalls, glaubt sie, schaue durchs Äußere hindurch, „wenn ein Komödiant den Bezug zu seinem inneren Kind herstellt“. Martina Hill kann das. Vielleicht kann sie es auch, weil Otto Waalkes ihr „Kindheitskomiker“ war, Didi Hallervorden ein früher Held wurde und Anke Engelke ein später. Weil sie „eine Prise derben Slapstick“ mehr schätzt als politisches Kabarett, das sie erst noch lernen will. Weil sie nicht über alles Witze machen muss, aber über alles lachen dürfen will. Weil sie ihre körperlichen Grenzen ebenso sucht, findet, aber nicht übertritt wie die des Geschmacks. „Schockieren war nie mein Ansatz.“ Verletzungen sind ihr zuwider. „Ich will unterhalten.“ Mehr nicht. Bei Knallerfrauen gelingt das schon mal ganz gut. Luft nach oben bleibt trotzdem.

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