Lindenend und Rothbeginning

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 29. Juli – 4. August

Es dreht und dreht und dreht – das Personalkarussell der ganz wichtigen Redaktionen im alten Medienland. Dpa-Chef Wolfgang Büchner wechselt zur Spitze des Spiegels, dessen geschasste Ex-Doppelspitzenhälfte Mathias Müller von Blumencron zur FAZ geht, wo er bald alle Digitalangebote verantwortet, was direkt zum Stern führt, dessen Vize, der 47-jährige Hornbrillenhipster Steffen Husmann, den entlassenen Chefredakteur beim Manager-Magazin Arno Balzer beerbet und durch Anita Zielana ersetzt wird, die beim Illustriertenfossil zudem die Internetstrategie ordnet und das ist – aufgepasst! – künftig nicht weniger als eine Frau in leitender Funktion eines Leitmediums.

Klingt nach Emanzipation, ist aber am Ende doch noch immer nur ein einzelner Ausreißer in die hermetische Welt kungelnder Y-Chromosomen. Die ist sich nämlich noch immer nicht zu dämlich, bei Unfällen zu vermelden, es seien nicht nur auch Kinder, sondern auch Frauen betroffen, wie Samstag in der Tagesschau, deren Reporter offenbar immer noch leicht unbeholfen staunen, wenn sich die weibliche Hälfte der Weltbevölkerung mal aus ihrer häuslichen Schutzzone in die Gefahr des öffentlichen Lebens begeben.

Umso mehr würden wir die kompromisslos emanzipierte Lindenstraße vermissen, deren Fortbestand scheinbar ungesichert ist. Okay – wer Journalismus einigermaßen ernst nimmt, sollte unter keinen Umständen die als „Kollegen“ getarnten Erregungsjongleure der Bild zitieren. Aber wenn sie hier mal ohne populistische Verzerrung (immerhin geht es hier ja um eine eher progressive, fast linke Idee von Fernsehen, aus Bild-Sicht also Teufelszeug) richtig läge, wäre das mal ein echtes Reality-TV-Drama: Weil der WDR seinem seriellen Platzhirsch angeblich den Geldhahn zudreht, muss ihr Erfinder Hans W. Geißendörfer noch angeblicher zwei Folgen à 185.000 Euro aus eigener Tasche vorfinanzieren. Klingt nicht grad, als würde der Vertrag übers Jubiläumsjahr 2015 hinaus verlängert. Dann wird sie – nach modernen Hornbrillenhipstermaßstäben fast jugendliche 30.

Also dreimal so alt wie die strunzstumpfe Fake-Doku K11, die seit 2003 das Vorabendprogramm von Sat1 verschmutzt. Nach der 11. Staffel, die derzeit mit hektoliterweise Ketchup statt Kunstblut und Groschenromandramaturgie statt Drehbüchern gedreht wird, soll Schluss sein. Endgültig. Was man vom Genre gescripteter Realität leider nicht behaupten kann. Aber es ist ein kleiner Anfang.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 5. – 11. August

Den feiert heute ein altersweiser Weißkopfadler namens Thomas Roth in den allwissenden Tagesthemen, wo der 61-Jährige nun seinen Teil dazu beiträgt, dass sich jüngere Zuschauer auch weiterhin weit weniger fürs Öffentlich-Rechtliche interessieren, als würde sein weit jüngerer Kollege Ingo Zamperoni an erster Stelle neben Caren Miosga moderieren. Aber um nicht ungerecht zu werden: der weitgereiste Feldreporter zählt seit langen zu den profiliertesten TV-Journalisten im Land – und hätte auch deshalb einen etwas würdevolleren Einstieg verdient, als in der Halbzeitpause des gebührenfinanzierten Dauersubventionsprogramms für den FC Bayern München, das selbst Liveübertragungen gegen irgendeinen gänzlich chancenlosen Amateurverein rechtfertigt. Ganze sieben Minuten Zeit hat Roth also dafür, auf seine Abschiedsformel hinzumoderieren, auf die seine Branche weit gespannter ist als auf die Inhalte.

Die gehen bei der Konkurrenz vom Zweiten, genauer: ZDFneo gerade bemerkenswerte Wege. Wege, die vielleicht nicht revolutionär sind, aber zu erstaunlichen Ergebnissen führen. Oder wie es der Sender ausdrückt: Experimenten. Das nämlich soll ab Donnerstag ein Format namens Auf der Flucht sein, wo sechs mehr oder weniger unterschiedliche Leute von der türkischen Streetworkerin bis zum Naziaussteiger 18 Tage lang Migration in umgekehrter Richtung erproben. Was oberflächlich nach berechenbare Gefühlsduselei klingt, entpuppt sich bei allen Schwächen modernen Sachfernsehens rasch als interessanter Culture-Clash voller Erkenntnisgewinne für alle – Beteiligte, Zuschauer, die vor allem.

Und da Erkenntnisgewinne insgesamt eher selten sind auf wahrnehmbaren Sendeplätzen selbst ernstzunehmender Kanäle, freuen wir uns mal über Formate, die dazu führen könnten: Zum Beispiel heute das australische Mysterydrama Picknick am Valentinstag auf Arte, das den Regisseur Peter Weir 1975 berühmt gemacht hat. Oder immer wieder beeindruckend: John Hurt in 1984 (Sonntag, Tele 5). Etwas leichter unterhält morgen im Rahmen der ZDF-Reihe Shootingstars die deutsche Kinoproduktion Arschkalt (23 Uhr) mit Herbert Knaup als misanthropischen Tiefkühlkosttransporteuer. Dokumentarisch lässig dagegen das Roadmoviemagazin Wissen auf Rädern, in der uns ZDFneo ab Samstag zehn Folgen lang sehr wissbegierig durch zehn Länder führt.

Alles sehenswert, aber alles nichts gegen den Übertermin der nächsten Woche, passend zur Rückkehr der Fußballbundesliga: Das aktuelle Sportstudio wird 50 Jahre und feiert Samstag mit allerlei putzigen Rückblicken, vor allem aber ein letztes Mal mit Dieter Kürten am Mikro, der ja mindestens so weißhaarig ist wie Thomas Roth, am Ende aber doch ein klein bisschen älter, weiser, entertainender. Zumindest letzteres trifft auch auf den Tipp der Woche zu: ab Sonntag, 13.40 Uhr auf ZDFneo: Breaking Pointe – Tanz um dein Leben, eine sechsteilige Tanzdoku übers Ballet West in Salt Lake City. Abseitiges Fernsehen, liebe ARZDFRTLPro7, kann so interessant und spannend sein…

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