Skandalberichte und Berichtskandale

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 5.-11. August

Sie zucken nicht bloß, sie zappeln richtig, bäumen sich geradezu auf, sind also lang noch nicht so tot wie Thomas Roth, der in den Tagesthemen so locker wirkt, als würde ihn jemand von hinten mit der Waffe bedrohen: Die alten Medien. Ob im Regelprogramm gesendet oder auf Papier gedruckt bleiben sie – trotz Internet, Digital Natives und Tausend Totentänzen – spürbar relevant. Den besten Beleg dafür lieferte Dienstag die Freilassung des Nürnberger Justizopfers Gustl Mollath, den ein rechtsbeugendes Gericht wider besseres Wissen sieben Jahre lang in der geschlossenen Psychiatrie vermodern ließ – bis, ja bis sich erst das ARD-Magazin Report Mainz und dann die Süddeutsche Zeitung der Sache des vermeintlich gemeingefährlichen Aufdeckers eines bayerischen Bankenskandals annahm. Durch fast verbissene Berichterstattung sorgte besonders die SZ damit für die Wende eines Skandals, der ohne klassischen Journalismus wohl ewig ungeklärt geblieben wäre.

Schwer zu glauben allerdings, dass sich Jeff Bezos wegen dieser Kraft des gedruckten Wortes ein Spielzeug namens Washington Post gekauft hat. Für 250 Millionen Euro, also weniger als ein Hunderstel vom geschätzten Vermögen des Amazon-Chefs. Die Exredakteure Bob Woodward und Carl Bernstein würden sich im Grabe umdrehen, lägen sie bereits drin, denn zu ihrer Zeit, als die Aufklärung der Watergate-Affäre das Bild des systemrelevanten Zeitungswesens prägten, waren Reporter wie sie noch angesehene Menschen und Bücher wurden in Buchläden verkauft; heute macht Amazon mehr Umsatz als die gesamte Print-Branche der USA zusammen und kauft sich das Flaggschiff investigativer Rercherche zum Schnäppchenpreis.

Den sich Monika Piel allerdings nicht mal dank ihrer Zulagen hätte leisten können. Wie der Spiegel vor acht Tagen schreibt, kassierte die frühere WDR-Intendantin zu ihrer üppigen Jahresgage von 341.000 Euro nämlich nochmals 59.000 für diverse Aufsichtsratsposten, in denen sie vertragsgemäß zu sitzen hat. Und damit ist sie keinesfalls allein. Von ihren sieben Kollegen anderer Funkhäuser bezieht einzig der beim winzigen Radio Bremen ein Grundgehalt unter dem der Kanzlerin (das mit 199.000 Euro ja auch nicht grad ein Gnadenbrot ist). Dennoch bessern sich bis auf den BR-Boss Ulrich Wilhelm alle ihr Salär spürbar auf. Dass es bei Piels Nachfolger Tom Buhrow nur 3027 zu den fürstlichen 367.000 Euro sind, dürfte den Grimm der Gebührenzahler kaum mildern.

Auch wenn er nicht so harsch ausfallen dürfte, wie bei Kritikern der Dokusoap Auf der Flucht (http://www.berliner-zeitung.de/medien/zdfneo-ein-bisschen-flucht,10809188,23939732.html), die gerade Petitionen gegen das ZDF-Experiment, aus sechs Wohlstandsbürgern für 18 Tage Flüchtlinge zu machen, initiieren. Noch lauter indes war der Protest vieler Lindenstraßen-Fans, die sich nach dem dritten Ausfall ihrer Leib- und Magenserie in 28 Jahren eine volle Woche im Web ausgekotzt haben. Vor allem über den Anlass: DFB-Pokal. Wenn es wenigstens die weit relevantere Bundesliga gewesen, deren Start seit Freitag wieder Fußballdauerbeschuss auf allen Kanälen bedeutet… Den feierte das ZDF Samstag mit einer Jubiläumsausgabe zum 50. Geburtstag vom aktuellen sportstudio, dessen charmante Rückblicke und geladene Altmoderatoren nochmals zeigen, dass manchmal früher doch vieles besser war.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 12.-18. August

Bis zum 16. August 1988 konnte man das eigentlich auch über die aktuelle Berichterstattung seriöser Nachrichtenformate sagen, die zwar seinerzeit staubig trocken und oft unverhohlen parteiisch, aber auch von Seriosität und Intellekt geprägt war. Das änderte sich allerdings diesen Dienstag vor 25 Jahren, als zwei Männer eine niedersächsische Bank überfielen, was anschließend als Gladbecker Geiseldrama in die Geschichtsbücher einging. Denn die Presse, darunter ein junger Reporter namens Frank Plasberg, berichtete nicht nur von der tödlichen Flucht, sie nahm daran aktiv teil, interviewte Täter und Opfer in deren Auto, machte sich folglich gemein mit der Tat, statt sie zu vermitteln.

Das war in gewisser Weise wie 30 Jahre RTL2, komprimiert auf drei Tage. RTL2, ein Kanal, der von der allerersten bis zur aktuellsten Sendeminute nichts als Unrat versendet, also nie besser oder schlechter war als früher oder irgendwann. Ob das Fernsehen früher mal besser gewesen sein wird, als die Event-TV-Schmiede noch eine eigenständige Tochter der Ufa war, oder nun erst gut wird, wenn teamWorx ab sofort als Teil der Muttergesellschaft UFA FICTION unter Leitung des alten neuen Chefs Nico Hofmann weiter am historischen Filmgedächtnis der Deutschen bastelt, bleibt abzuwarten. Aber jetzt, wo die Sommerpause langsam in die Herbstflut neuer Fernsehfilme mündet und Sonntag sogar der Tatort keine Konserve (aus Münster), sondern ungebrauchte Ware (aus der Schweiz) ist, dürfen an dieser Stelle endlich mal wieder neue statt alte Produktionen gelobt werden.

Neben Wiederholungen wie die des brillanten Tatort: Weil sie böse sind am Dienstag im SWR oder auch des Gaunerklassikers Topkapi, Sonntag auf Tele 5, wäre da die frische Kinoadaption Der Räuber, heute im ZDF, das fiktive Porträt eines Marathonläufers, der ähnlich verbissene Energie auf seine Raubzüge verwendet. Leider läuft sie erst nach Mitternacht, weshalb man vielleicht bis Freitag um 20.15 Uhr auf ZDFkultur warten sollte. Oder auf den Mittwoch, wenn Hermine Huntgeburths wunderbarer ARD-Film Das Glück ist eine ernste Sache mit famosen Darstellern wie Eva Löbau als neurotische Einzelkämpferin zeigt, dass Deutsche längst auch grotesk und gut können. Zu blöd, dass er sich mit einem sportlich belangloses Fußballländerspiel im ZDF messen muss, das selbst dann mehr Zuschauer haben wird, wenn es gegen einen Gegner wie Paraguay geht.

Wenn also schon Fußball, dann doch lieber passiv, mit einer unterhaltsamen Idee von Sport1, das ab heute um 17.45 Uhr einen Fantausch betreibt, bei dem sich Anhänger rivalisierender Clubs – zum Auftakt Schalke und Dortmund – eine Weile unter die des Feindes mischen müssen. Um das zu vertragen, sollte man allerdings Fußball wirklich innig lieben, so wie man eben Leichtathletik lieben sollte, um die unablässige Live-Übertragung der WM in Russland ertragen zu können. Bleibt – nach einen Tagestipp am Donnerstag, dem Arte-ThemenabendGriechenland – noch der Tipp der Woche, täglich zur besten Sendezeit auf Nickelodeon und Comedy Central: die amerikanische Comictrahsserie American Dad, grandios überdreht und ausnahmsweise gut synchronisiert.

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