Franka Potente, L.A. via Skype, 2011

Ich bin jetzt in Amerika

Ob das nun ihrer künstlerischen Güte geschuldet ist oder doch eher dem bemerkenswerten Aussehen – Franka Potente (39) ist international Deutschlands international derzeit erfolgreichste Schauspielerin. Umso erstaunlicher, wenn die Westfälin fast 20 Jahre nach ihrem Durchbruch Nach Fünf im Urwald mal hiesiges Fernsehen statt amerikanische Blockbuster macht – und dann noch als Beate Uhse – Das Recht auf Liebe (heute, 20.15 Uhr, ZDFkultur). Ein freitagsmedien-Gespräch über Emanzipation, Doppelmoral und Deutsche in Hollywood

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Potente, ist Beate Uhse ein Film über eine starke Frau, oder ist es einer über eine Gesellschaft, die mit ihr nicht zurechtkommt?

Franka Potente: Das eine bedingt das andere, weil eins ohne das andere gar nicht denkbar wäre – die Stärke dieser Persönlichkeit ohne den Widerstand des Umfeldes, in dem sie sich entwickeln musste. Sie war schon eine Pionierin, was als Thema ja bereits genügen würde. Der Kontrast zu ihrer Zeit aber macht es zutiefst spannend.

Konnten, können Sie sich mit ihr identifizieren oder ist der Handlungsrahmen dieser piefigen Bundesrepublik zu abstrakt?

Es gibt bei aller Abstraktion Berührungspunkte. Ich erlebe es ja am eigenen Leib, dass Außenstehende sich eine Meinung über mich bilden, die mir nicht entspricht. Spannung entsteht auch da erst, wenn sie in sich zusammenfallen. Mich hat an Beate Uhse besonders das scheinbar Unvereinbare ihres Lebens interessiert: Hausfrau, Unternehmerin, Mutter. Häuslich, freiheitsliebend, unternehmerisch. Diesen Vereinbarungskampf kennt man selbst als emanzipierte Frau in der Gegenwart. Bei Beate kam hinzu, dass die Mauern, die sie einrennen wollte, alles andere als alltäglich waren; sie hat ja nicht um ein Stückchen Freiheit gekämpft, sondern Sexspielzeug verkauft. Und das als Frau.

Wäre das auf weniger Widerstand gestoßen, wenn es ein Mann getan hätte?

Würde ich mal vermuten. Es ist ja heute noch so, dass Frauen in führenden Positionen ganz anderen Widerständen ausgesetzt sind als Männer, dass die pure Möglichkeit der Schwangerschaft als Aufstiegshindernis gilt. Es gibt so viele hässliche Typen in der Politik, aber bei keinem wird das Äußere so diskutiert wie bei Angela Merkel. So emanzipiert die Tatsache einer Kanzlerin ist, so groß scheint das Bedürfnis, das auch ein wenig abzustrafen.

Sind Sie selber von Ungleichheiten dieser Art betroffen?

Am Anfang der Karriere eher. Während meine männlichen Kollegen damals häufiger in den Feuilletons zum Inhalt ihrer Filme befragt wurden, waren es bei mir mehr Gespräche in Frauenmagazinen über Haarfarben. Heute stehe ich in der Hierarchie am Set natürlich ein bisschen höher als zu Beginn meiner Karriere, aber von dort aus betrachtet entdecke ich die gleichen Mechanismen wie immer.

Ihre Beate Uhse schafft es, den patriarchalen, verlogenen, spießigen Irrsinn um sie herum oft wegzulächeln. Gelingt Ihnen das auch?

Ich brauche da etwas mehr als Lächeln (lacht). Wenn etwas gegen meinen Willen geschieht, kann ich mich sehr aufregen, verändere allerdings im Zweifel etwas an der Situation. Ich würde immer kämpfen, auch vor Gericht. Beate musste auch oft den Kopf hinhalten, aber das ist mit offenem Visier nicht immer zu ertragen. Die Menschen damals waren noch mehr zu Entbehrung und Demut erzogen.

Welches Bild hatten Sie vor dieser Rolle von Beate Uhse?

Das bekannte: Die Frau, die das Sexspielzeug verkauft, weniger die politische Aktivistin, die Mutter, die Frau. Aber ich habe nicht gewertet, schon gar nicht negativ. Ich habe keine Berührungsängste zu ihrer Ware.

Haben Sie sie als Feministin wahrgenommen?

Bis zum Drehbuch nicht. Ich wusste aber, dass Alice Schwarzer, die ich sehr schätze, ein Problem mit Beate Uhse hatte, weil die ja auch Pornos vertrieben hat. Das stört mich übrigens auch ein bisschen bei all dem, was sie zum Guten bewegt hat. Ich habe zwar ein relativ entspanntes Verhältnis zur Pornografie, sehe es aber kritisch, dass darin strukturell die Tendenz besteht, sich auf Kosten anderer zu vergnügen. Andererseits steht dem Angebot eine Nachfrage entgegen. Wenn jemand Pornos gucken will, soll er es also tun, solange bestimmte ästhetische Rahmenbedingungen erfüllt sind. Und wenn sich jemand daran stört, sollte er sich vor Doppelmoral hüten.

Sie leben gerade in den USA, wo die Doppelmoral gerade hoch im Kurs steht.

Ach, diese Doppelmoral entspricht letztlich der aller kapitalistischen Länder: Was sich verkauft, wird geduldet. Und die USA sind nun mal ein ausgesprochen kapitalistisches Land, in dem die größte Pornoindustrie der Welt in puritanischer Atmosphäre gedeihen kann. Aber es kommt auch immer drauf an, wo man ist. In Kalifornien, wo ich lebe, geht es im Vergleich zum Landesinneren sehr liberal zu. San Franzisko ist nicht ohne Grund das Schwulenmekka, aber im Bibelgürtel kann es richtig gefährlich sein, sich zu outen.

Hat ein Film wie Beate Uhse ein aufklärendes, emanzipierendes Element oder ist es erstmal nur ein Biopic?

Idealerweise beides. Der Film vermittelt etwas über Zivilcourage, Leidenschaft und darüber, für seine Ideale einzustehen. Da viele Frauen, ob in den USA oder Deutschland, noch immer Probleme haben, wie sie eigentlich seit Beates Kampf ausgestanden sein sollten, kann so ein Biopic auch im Jahr 2011 noch viel in den Köpfen bewirken. Weibliche Häuslichkeit ist immer noch der Standard.

Entstammen Sie einem Elternhaus mit klassischer Rollenverteilung?

Meine Eltern haben zwar beide immer gearbeitet, aber Karriere durfte eher mein Vater machen.

Was prädestiniert Sie für die Rolle der Beate Uhse?

Die große Ähnlichkeit (lacht). Nein – Hansjörg Thurn ist zwar ein Regisseur, der viel Wert auf Präzision legt, aber die Ähnlichkeit spielte hier nur eine untergeordnete Rolle. Zumal von Beate Uhse ja auch kaum Bilder ihrer jungen Jahre kursieren. Ansonsten ist die Rolle eben einfach zu mir gekommen und hat es hat mich interessiert, die gängigen Klischees über diese spannende Frau aufzulösen

Jetzt kommen Sie zum deutschen Fernsehen, was Sie in Ihrer Karriere gar nicht oft getan haben.

Das folgt aber keiner Entscheidung für oder gegen das Medium. Zumal ich gerade mit drei Projekten in Deutschland zu sehen sein werde: Laconia und Beate Uhse im Fernsehen, Valerie im Kino. Ich habe keine Vorbehalte gegen Deutschland, aber mein Lebensmittelpunkt ist nun mal Amerika und man versucht dort zu arbeiten, wo man wohnt. Das sind ganz praktische Gründe. Und ich freue mich jedes Mal, in die alte Heimat zu kommen.

Wenn man wie Sie große internationale Produktionen spielt und in Serien wie Dr. House als Gaststar besetzt wird – muss man da um seine Bodenhaftung fürchten, sich als Schauspielerin zu wichtig zu nehmen?

(lacht) Ich glaube, mein bisheriges Wirken widerlegt diese These. Valerie ist ein Hardcorekunstfilm für wenig Geld und ich entscheide über kein Projekt nach dem Grad meiner Bekanntheit; das wäre der Anfang vom Ende. Noch entscheidet das Interesse über meine Zusagen. Und man hat auch gar nicht diese Sicht auf sich herab wie sie Außenstehende haben. Ich steuere mein Image ja weniger als es die Medien machen.

Als was gelten deutsche Schauspieler in den USA heute – die Nazis vom Dienst wie früher, Verkaufsargumente für den internationalen Markt oder Darsteller wie alle?

Die Herkunft spielt eine weit geringere Rolle als man aus der Ferne denkt. Die Französin Marion Cotillard hat für ihre Rolle als Édith Piaf erst 2008 den Oscar gekriegt, Die Branche hier ist viel zu offen und professionell, um die Herkunft gegen den Nutzen für die Rolle abzuwägen. Was es insgesamt schwieriger macht, ist die sinkende Zahl von Filmen. Da sitzen auch viele amerikanische Kollegen auf dem Trockenen und machen mehr Fernsehen als zuvor.

Kommen Sie mal wieder zurück nach Deutschland.

Ich bin jetzt in Amerika und bleibe da erstmal, komme aber immer gern nach Deutschland.

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