Borgia, erfolgreiches Blockbusterfernsehen

Shakespeare trifft Tarantino

Der fiese Sohn (Mark Ryder) und seine fast so fiese Tochter (Isolda Dychauk) – die Fernseh-Borgias sind schon eine finstere Sippe.

Kostümfernsehen boomt so sehr, dass sich das ZDF im Vorjahr sechs 100-minütige Teile über ein mittelalterliches Papstgeschlecht geleistet hat. Die sensationellen Quoten der ersten Staffel von Borgia (Wiederholung zurzeit donnerstags, 23.15 Uhr) haben gezeigt: es hat sich gelohnt. So sehr, dass – noch bevor die zweite Staffel Ende September anläuft – bereits die dritte in Arbeit ist.

Von Jan Freitag

Kaum ein Wort beschreibt die Welt von heute besser als Netzwerken. Dank ihr können dabei alle mit allem irgendwie in Kontakt treten, um den Kernwährungen der Globalisierung unter die Arme zu greifen: Macht, Ansehen, Profit. Nun klingen Begriffe wie Netzwerk verteufelt aktuell, nach Internetboom, Nullerjahre und FDP, Facebook, Bill Gates und Billigflieger. Wie sehr der falsche Klang jedoch unserer Arroganz im Umgang mit dem Vergangenen entspringt, die rückblickend – wenn nicht wie üblich Krieg war – so spießig, lahm, öde also gestrig wirkt, zeigte derzeit eine internationale Koproduktion im ZDF.

In sechs Teilen erzählt Borgia den erfolgreichsten Netzwerker seiner Zeit, der globalisierten Frühphase des Kapitalismus. Die Titelfigur aber, Vorname Rodrigo, ist weder Börsenguru noch Mafiaboss oder Präsident, sondern das Oberhaupt eines Adelsgeschlechts an der Schwelle vom gottesfürchtigen Mittelalter zur geldfürchtigen Neuzeit. Mit Blut, Schweiß und Tränen in toller Kulisse, schildert der dreifache Emmy-Gewinner Tom Fontana die Geschichte der mächtigsten Familie im Vatikan des 15. Jahrhunderts. Wie Rodrigo Borgia (John Doman) seine Verwandten, Vertrauten, selbst Gegner so versiert an die Hebel der Macht verteilt, bis er zum Papst gekrönt wird und die Borgias als Alexander VI. zur höchsten Blüte führt.

All dies sind Zutaten eines Fernsehmonuments von 600 Minuten Länge, mit 25 Millionen Euro teurer als der Etat europäischer Königshäuser und fast so verwurzelt im ganzen Kontinent: 126 Schauspieler aus 18 Nationen haben Sprechrollen, darunter die Deutsche Isolda Dychauk als Rodrigos wichtige Tochter Lukrezia oder Andrea Sawatzki als ihre Ziehmutter. Rund 4000 Statisten kommen an Drehorten wie Prag oder dem originalgetreuen Nachbau der Sixtinischen Kapelle zum Einsatz, ganz zu schweigen von digitaler Technik, Special Effects und 157 Litern Kunstblut. Staffel 2, die am 30. September im ZDF startet, war sogar nochmals um ein Sechstel teurer, von der dritten, noch aufwändigeren, die derzeit in Prag entsteht, ganz zu schweigen.

Doch das allein ist es nicht, was Borgia so beeindruckend macht. Die opulente Ausstattung, der dauergespannte Handlungsbogen, alle Authentizität des restaurierten Spätmittelalters brennen die Macht der Bilder erst durch die Sprache ins Zuschauerhirn, eine realistische Theatralik zwischen pathossatt verspielt und jetztzeitig derb. „Ich scheiße auf Rom und pisse auf Neapel“ – als Hörspielsequenz könnte Rodriko Borgia damit die Antagonisten seines Erfolgs meinen, aber eben auch italienische Hooligans oder Konkurrenten der Schwerindustrie. In karmesinroten Mantel, ein fürstliches Schloss dahinter aber, atmet die Szene das Aroma leibhaftiger Renaissance. Also der ganz großen Bühne.

Und die hat Konjunktur. Weltweit gute Einschaltquoten für europäische Mehrteiler wie Napoleon von 2002 oder sechs Jahre später Krieg und Frieden zeigen aus Sicht von Produzent Jan Mojto, „dass das Publikum historische Stoffe auch dann will, wenn sie komplex sind.“ Es wolle vor allem die riesigen Ränkespiele, Schlachtfelder, Alphatiere beim Auf- wie Abstieg zusehen, ergänzt Autor Fontana. „Wir leben in Zeiten der Angst, Extreme und Unsicherheiten.“ Da sei es doch beruhigend, anderen dabei zuzusehen, „wie sie das in ihrer Zeit gemeistert haben“. Tatsächlich aber faszinieren selbst die realistischsten Historienschinken und glaubhaftesten Filmdynastien erst durch eine Hintertür ins Märchenhafte. So wie die gefeierte HBO-Serie Rom füttert auch Borgia unsere Lust am Bösen, ohne ihre Konsequenzen wirklich fürchten zu müssen. Ist ja doch bloß Antike, Mittelalter, lange her. Und Rodrigo Borgia gibt vor über 500 Jahren einen JR Ewing ab, der wie in Dallas dann doch zu abgehoben, irreal, zu künstlich wirkt, um wahr zu sein.

Die verstörend spürbare Horrorreihe Saw dagegen, eine unprätentiös frontale Verbrechersaga wie die Sopranos oder das heruntergekommene Baltimore der fantastischen Krimiserie The Wire dagegen finden auch deshalb vor allem auf DVD statt, weil dem Durchschnittszuschauer die dunkle Seite der Macht im Lichte der Wirklichkeit gar nicht so lieb ist. Auch deshalb hat Borgia in Deutschland, vor allem aber in Italien und Frankreich Quotenrekorde gebrochen. Und das, obwohl die Reihe hier in sechs spielfilmlangen Teilstücken läuft statt wie andernorts verteilt auf zehn Abende. Unter der Regie von Regisseur Oliver Hirschbiegel (Der Untergang) gleitet die Kostümschlacht nämlich zu Beginn stets am Rande der Überzeichnung, tritt aber selten drüber.

Die Fieberkranke, die zur Heilung von einer Hexe mit Schweinekot beschmiert wird; der Sohn, der einem Widersacher aus dem Nichts das Ohr abschlägt; sein Bruder, der sich selbst zur Sühne kreuzigt; Papa Rodrigo, der sein sexuelles Ego ähnlich bildgewaltig pflegt wie sein politisches; dazu Udo Kier als Papst Innozenz VIII., der eineinhalb Stunden so grotesk durch den ersten Teil stirbt, dass ihm am Ende selbst eine weibliche Brust nicht mehr helfen kann – all dies pendelt permanent zwischen Shakespeare und Tarantino. Und beides geht bekanntlich immer.

Da ist es kein Wunder, dass die 2. Staffel in Arbeit ist, noch bevor die 2. gezeigt hat, ob sich das auch gelohnt haben wird. Das ZDF jedenfalls hat noch keine Abnahmegarantie gegeben. Einerseits. Andererseits  ist Zuversicht geboten, wenn das europäische Produkt selbst nach Amerika verkauft wurde. Und das, obwohl dort zeitgleich eine eigene weit ruhigere Version mit Jeremy Irons als Rodrigo Borgia entstanden ist. Ein Machtpolitiker, der zwei sündhaft teure Hochglanzproduktionen zugleich verträgt – das schafft außer ihm eigentlich nur noch Adolf Hitler.

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