Alter Wein und alte Schläuche

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 12.-18. August

Die gute Nachricht vorweg: Der Tatort ist zurück aus der Sommerpause. Die schlechte Nachricht danach: Der Schweizer Tatort ist zurück aus der Sommerpause. Immerhin spielte er mal nicht im Banken- und Finanzmilieu, also nicht in der Welt des Geldes wie so oft im Westalpenkontext, wo man davon dem Klischee zufolge eben so viel hat, dass sich alles darum dreht. Zu wenig davon hat dagegen offenbar Christian Ulmen. Andernfalls bliebe es unerklärlich, warum er nun nicht nur für das ökotrophologisch Böse (McDonalds) Werbung macht, sondern künftig auch noch für das journalistisch Böse (Springer) digitale Inhalte produziert. Es war einmal ein respektabler, sympathischer, ernstzunehmender Schauspieler…

Und es war einmal ein TV-Format namens Formel Eins. Es lief zu einer Zeit, da das Musikfernsehen noch in den Kinderschuhen steckte, die der wuschelige Peter Illmann seinerzeit mit völlig unbekannten Moderatorenfüßen füllte, um es (und sich) langsam großzuziehen. Bis 1990 ging das so, dann waren MTViva der öffentlich-rechtlich Konkurrenz entwachsen, Formel Eins somit überflüssig und jetzt, wo es klingende Tonkunst hierzulande im Regelprogramm eigentlich nur noch als Soundtrack oder Volksmusi gibt, kommt Illmann zurück, ab Oktober, bei RTL-Nitro, mit Promi-Unterstützung, versteht sich, aber ohne neue Videoclips. Alter Wein in alten Schläuchen. Lecker. So wie die nächste Rückkehr in die Primetime, diesmal zwar im der ARD und unter neuem Namen, aber auch Das ist Spitze! mit Kai Pflaume wird am Ende nur leidlich modernisiertes Dalli Dalli mit Hans Rosental sein.

Angesichts der ansehnlichen Quoten, die die Sendung seit zwei Jahren bereits unterm alten Titel im NDR erreicht hat, dürfte die Retroshow auch im Ersten gut laufen – zumindest beim ergrauten Stammpublikum. Das schaute auf gleichem Kanal selbst dem reichweiteschwächsten aller ARD-Talkhosts mal vergleichsweise in Massen zu, als der feinfühlige Reinhold am Donnerstag den frisch aus der Psychiatrie entlassenen Gustl Mollath bei Beckmann zu Gast hatte. Gut eine halbe Million Zuschauer mehr sahen allerdings auch nicht viel mehr als das Stern-Interview vom selben Tag, nur eben mit Beckmanns empathischen Schmeicheltimbre, mit dem er zwar keine Fernsehpreise gewinnt, aber nach wie vor die angenehmste Redestimmung des Mediums erzeugt.

Einen solchen Preis dagegen, den wichtigsten sogar, könnte bei den Emmy-Awards am 1. Oktober in New York die ZDFzoom-Doku Die Fukushima-Lüge in der Kategorie Current Affairs & News gewinnen.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 19.-25. August

Vom Programm der anstehenden Woche sind derlei Ehren eher weniger zu erwarten. Auch, wenn das ZDF gleich heute einen bemerkenswerten Film der Sparte Science Fiction zeigt. Transfer heißt er und handelt von Persönlichkeitsübertragung greiser Wohlstandsbürger in fitte Körper afrikanischer Armutsflüchtlinge. Natürlich läuft das Ganze wie so vieles von Belang erst nach Mitternacht (0.25 Uhr), ist dann aber in seiner Mischung aus realistischer Vision und spannender Dystopie absolut sehenswert.

Nicht, äh, ganz sooo sehenswert ist dagegen das Trio neuer RTL-Serien ab Donnerstag. Es ist dem Sender natürlich zu danken, dass er überhaupt noch Primetimefiktion in Reihe ohne Krimiplot produziert, aber schon der Auftakt Doc meets Dorf bietet so biedere Gebrauchtwarenkost, dass man nach fünf Minuten Zuschauen von einer Staubschicht überzogen ist. Schließlich verrät schon der Titel, dass es hier um ein Thema geht, dem sich Michael J. Fox schon 1991 als Doc Hollywood gewidmet hat. Auch Christine. Perfekt war gestern im Anschluss ist reichlich abgehangene Stangenkost, in der Diana Amft mal wieder ein paar Pfunde zu viel für die Männerjagd in Stromlinienhumor verwandelt. Das bemerkenswerte Timing der Hauptdarstellerin sorgt allerdings immerhin für witzige Momente, die vollends fehlen, wenn sodann als Dritte im Bunde Sekretärinnen startet, dessen Untertitel Überleben von 9 bis 5 im Vergleich all zu den abgeschmackten Klischeewitzen schon wieder kreativ ist.

So fad können also Serienoffensiven sein. Ein bisschen interessanter ist dann doch eine neue  Krimiserie. Sie heißt Mordshunger und ist zwar auch nicht die Neuerfindung des Tatort, aber immerhin auf ZDFneo (ab Sonntag) und mit Anna Schudt, die erst vor zehn Jahren vom Theater zum Fernsehen gewechselt ist, also noch nicht allzu verbraucht scheint.

Das war selbst ein Robert de Niro irgendwann mal, der Samstag 70 geworden ist und Dienstag (ARD, 0.50 Uhr) in seiner ersten aufsehenerregenden Rolle aus dem Jahr 1973 zu sehen ist: Hexenkessel, wo de Niro erstmals unter Martin Scorcese gearbeitet und wie so oft einen Kleinganoven gespielt hat. Wenn’s schon so wenig brillante Neuproduktionen gibt, muss man halt auf ältere hinweisen. So ungefähr das Gegenteil von brillant ist der hurrapatriotische Pathosquatsch Home of the Brave über traumatisierte Irak-Veteranen. Und er findet hier auch nur deshalb Erwähnung, weil zur gleichen Zeit im WDR ein deutscher (Anti-)Kriegsfilm läuft, der zeigt, dass man so heikle Themen auch ohne Gefühlsduselei und Testosteronflut machen kann: Auslandseinsatz mit Max Riemelt als zerrütteter Afghanistan-Soldat.

Und bitte, bitte nicht verpassen: die Wiederholung der dänischen Politserie Gefährliche Seilschaften am Freitag, als Appetizer der neuen zweiten Staffel ab September. Und den Schwerpunkt zum wunderbaren Christoph Schlingensief am Mittwoch auf ZDFkultur. Garantiert auch mit dem deutschen Kettensägenmassaker. Ach Christoph, mit dir wär’s heute schöner! Und das trotz des Tipps der Woche: Freitag ab 22.05 Uhr zeigt ZDFneo das Ergebnis seines diesjährigen TVLabs: Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu bauen. Man darft auf die Großflughafendesasterpersiflage gespannt sein.



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