Reise: Kalahari/Südafrika

Die Halbwüste lebt

Dion und Bellinda 3Als Farbige wurden die südafrikanischen San einst aus ihrem Stammesgebiet vertrieben. Jetzt kehren sie in die Kalahari zurück – als gemeinsame Betreiber eines Nobelhotels inmitten der Halbwüste.

Dion und Bellinda – Motor, Sprachrohr, Gewissen und Geist der !Xaus Lodge am Rande der Kalahari. Foto: Freitag

 

Von Jan Freitag

Ein Eland, vielleicht eine Oryx-Antilope, auf jeden Fall etwas Großes, etwas sehr Großes. Nicolas bückt sich tief in den safranroten Sand der Kalahari, streicht sanft mit seinen ledrigen Fingern darüber und lacht. „Schwer zu sagen“, meint der Naturbursche vom Stamme der San und sagt es doch: Ein Gemsbock. Und daneben, seine Nase berührt fast die Erde, das war wohl ein Schakal. Spurenlesen ist in diesem Teil Südafrikas, eingeklemmt zwischen Botswana und Namibia, nicht so einfach. Zu rasch verweht der staubfeine Wüstenbelag, zu weich ist er für klare Abdrücke, zu nah an menschlicher Besiedlung geht Nicolas zu Boden und studiert ihn wie ein offenes Buch. Hier, er zeigt auf eine Reihe geometrischer Kratzer und lacht, das tut er oft, „eine Käferspur“. Dann holt Nicolas Afrikaner, so heißt er wirklich, eine Marlboro Menthol aus seiner Jeans und zündet sie an. „Der hatte es wohl eilig.“

Die Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Halbwüste am Fuße des Kontinents – sie ließe sich kaum besser beschreiben als an diesem Ort mit diesem Mann in dieser Umgebung. Es ist seine Umgebung, sein Ursprung, wenn man so will, weit vor 1968, Nicolas Geburtsjahr, und so ist sie auch benannt: !Xaus Lodge, das Wort für Herz auf Nama, der Sprache seiner Vorfahren. Und für Naturhotel – in der des Commonwealth. Ein äußerst luxuriöses im Nichts, am Fuße einer trockenen Salzpfanne in Herzform, die sich nur bei Regen kurz füllt, zweimal jährlich. Eine Nobelherberge ohne fließendes Süßwasser und permanente Stromversorgung. Ohne gepflasterte Zufahrtstraße oder livrierte Diener. Stattdessen mit Weite und Ruhe, Licht und Eleganz, Natur und der Gewissheit, an etwas Größerem teilzuhaben als einem exklusiven Urlaub mit abenteuerlichem Wildkontakt. Dies ist schließlich nicht der Krüger-Park mit seinem durchdeklinierten Nervenkitzel. Dies ist die Kalahari. In der Sprache der San heißt das hart.

Und ihre neueste gastronomische Perle, die !Xaus Lodge, ausgesprochen mit diesem merkwürdigen, unaussprechlichen, klänge es nicht so kolonial, man würde sagen: exotischen Knacklaut zu Beginn, ist ein Stück schwarzer Rückeroberung der Spätfolgen rassistischer Repression. Außen rustikaler Reetdachbau im afrikanischen Lehmhüttenstil, innen zurückhaltende Folklore mit allem gebotenen Komfort, Vollpension und Safaritouren inklusive. Im kleinen Pool mit Wüstenblick fehlt freilich noch Wasser; dieser Tage wird es hier nachts bitterkalt. Vor wenigen Wochen feierte die Lodge Eröffnung, ein Dutzend gediegener Pfahlhütten für zwei Personen, viele Dutzend Dünen abseits der Hauptstraße durch den kargen und schillernden, artenreichen wie menschenarmen Kgalagadi Transfrontier Nationalpark im Dreiländereck. Es ist ein Stück gehobene Ferienkultur und eines der Selbstbehauptung in der Abgeschiedenheit am Kap der guten Hoffnung, die den San abhanden gekommen war.

Dass sie mittlerweile neue schöpfen, liegt auch am bemerkenswerten Projekt in den trockenen Weiten der Savanne. Und seine Existenz wäre fraglich ohne den unermüdlichen Einsatz der San, ohne die fixe Idee eines eigenwilligen Iren und die Schönheit eines verwirrenden, verwirrten Landes. 1931 wurden die San aus der Kalahari vertrieben. Von Weißen, den Baas, wie dunkelhäutige Ureinwohner die bleichgesichtigen Eroberer aus Holland unterwürfig zu nennen hatten. Fort geschickt von einem Land, das sie so lange bewohnt hatten wie es Menschen in der Kalahari gibt, seit Ewigkeiten also, in Jahren schwer zu beziffern.

Plötzlich hieß ihr Jagd- und Sammelrevier Nationalpark, plötzlich waren die San darin unerwünscht. Genauer: verboten. 1973 verschwand – forciert von den Nachbarstaaten – auch der letzte von ihnen aus Südafrikas Kalahari, vertrieben in Townships, Armut, Fremdheit und Alkoholismus. Es bedurfte des Endes der Apartheid 21 Jahre darauf, bis die San versuchen konnten, das gestohlene Land ihrer Ahnen zurück zu erlangen. Erst nach langem juristischen Tauziehen begrüßte Südafrikas späterer Präsident Thabo Mbeki im März 1999 feierlich die ersten 300 „Bushmen“ als neue Besitzer von 60.000 Hektar Wüstenland. Es war auch die Geburt der !Xaus Lodge. Ihr Vater hieß Vet Pit.

Wie Nicolas Bruder wirklich heißt, weiß kaum einer, zumindest hält es niemand für relevant. Vet Pit, soviel ist sicher, war ein alter Mastertracker der San, ein Spurenleser wie Nicolas mit der Gabe, die Sprache der Tiere zu sprechen, so geht die Sage. Vet Pit, erzählt Bellinda Kruiper vorm Kaminfeuer der kleinen Bibliothek, hat diesen Platz vor seinem Tod gefunden, nicht gesucht. Einen, formuliert die Lodge-Sprecherin blumig, „wo wir glücklich werden könnten“. Weshalb ausgerechnet hier, wisse keiner, und warum sich Bellinda Kruiper zu den Glücklichgewordenen zählt, ist eine komplizierte Geschichte. Nach ihrer Scheidung, losen Jobs in den Kanzleien, Praxen, Banken Kapstadts und zunehmender Leere im Leben, sei sie einer Stellenanzeige als Rezeptionistin in den Park gefolgt, dort rasch zur Aktivistin geworden und kurz darauf zum „ersten zugereisten Bushman“, wie sie stolz hinzufügt. Zurück zu den Wurzeln, per Initiationsritus, und das als Frau. Im patriarchalen Südafrika macht sie das per se zur Feministin.

Vermutlich die erst der San. Doch vor allem ist Bellinda Motor, Sprachrohr, Gewissen und Geist der abgeschiedenen Gemeinde mit Herz. Im Schneidersitz und feinstem Oxfordakzent erklärt sie das Projekt, ihr Projekt, die Lodge, größtenteils finanziert von Glynn O’Leary aus der Parkverwaltung, „dem verrückten Iren mit einem Traum“: vom Urwuchs der Kalahari und dem Erbe der San. Von Versöhnung, Reconciliation, ein großes Wort am Kap, wo man auf Formularen noch immer die Hautfarbe angeben muss. Bellinda legt einen Scheit Holz in die Flammen: Nachdem Vet Pit genau hier sechs Jahre zuvor die Zukunft seiner Leute im roten Sand aufgespürt hatte, fährt sie fort, brauchte ihre künftige Familie ein tragfähiges Konzept, etwas, „das auf dem Papier interessant aussieht, denn der Plan hatte nur auf wirtschaftlich soliden Füßen eine Chance.“ Die Lösung lautete Ökotourismus. Einer der gehobenen Art.

Nun mag man darüber streiten, wie ökologisch es ist, gut betuchte Gäste aus Europa und Übersee Tausende Kilometer in die Wüste zu fliegen, um sie stundenlang auf vierradbetriebenen Spritfressern in eine Welt zu kutschieren, die Strom aus Dieselgeneratoren bezieht und jedes Stück Butter durch die halbe Kalahari fährt, die den Tieren gehört, einigen als letzte Bastion. Das Ökologische entstehe eher auf der Rezeptionsebene, im Kopf, im Bauch, erläutert die knallharte Menschenrechtsaktivistin Bellinda Kruiper und lächelt plötzlich sanfter als sie wohl möchte. Es gehe um ein neues Verständnis von Herkunft, Geschichte und Umwelt, vom Leben unter einem Sternenhimmel, dessen unverbaute Pracht von hier aus besser bestaunen lässt als irgendwo sonst. „Um das Gefühl eigener Verkleinerung im Umfeld der Unendlichkeit“. Auch für sie selbst. Ob das politisch sei, ein Akt der Befreiung? Sie überlegt kurz und verfällt wieder in eher missionarischen Tonfall: „Wenn Menschen einen Ort zum Leben finden, den nur sie begreifen, den niemand sonst besiedeln will, wo es kein Wasser gibt und keiner gestört wird, ist das nicht politisch, sondern spirituell.“ Da gehe es um tiefer liegende Kräfte.

Wer Bellinda Kruipers Lebensgeschichte aus 43 Jahren Unterdrückung, politisch bewegtem Elternhaus und gewollter Rückverwurzelung nicht kennt, könnte sie für esoterisch halten, mit ihren Monologen von Glauben und Selbstfindung und einem toten Ehemann, der als Löwe wiedergeboren durch die Kalahari streift. Dann aber spricht sie nüchtern von der Lodge als Ertragsfaktor, „an dem wir nicht mit Pfeil und Bogen Kulturgeschichte spielen wollen“, sondern mit teuren Jeeps solvente Touristen über holprige Sandpisten fahren.

Dafür haben die San bei sengender Hitze einen Weg durch die Dünen gegraben, den nur befahren darf, wer sich zuvor per CB-Funk anmeldet, um Zusammenstöße auf den Kuppen zu vermeiden. Dafür arbeiten bald 15 San mehr oder minder gleichberechtigt im Kollektiv, drei Wochen am Stück, eine Woche Auszeit. Dafür gibt es zwar Hierarchien, aber kaum Befehle, einen Manager namens Philip Gadenne, der erst die Resultate seiner englischen Fußballliga und dann die Herkunft seiner Gäste erfragt, aber keine echten Angestellten. In wenigen Tagen wird der weit herumgekommene Organisator, Möblierer, Koch und Kalfakter von Bellinda abgelöst. Bis der nächste kommt. Die Lodge erinnert an eine Art modernen Kibbuz ohne Ackerbau, eine Kommune des New Age, erdverwachsen aber profitorientiert, mit mehr Privatsphäre, mehr Natur. Und mit Löwen unterm Haus.

Als eines Nachts ihr heiseres Brüllen näher klingt, als es noch die pessimistischen San erwartet hätten, wird ihnen die Lage des Projekts erst richtig bewusst. Unter den Hütten gehen die mächtigen Tiere auf Beutejagd, suchen in Wurfweite nach Wasser und im Sommer womöglich noch näher nach Schatten. Jetzt erschließen sich die Stelzen, auf denen das Ganze erbaut ist, die alle Hütten durch höher gelegte Gänge verbinden und nur bei denen der Mitarbeiter fehlen. Möglicherweise aus Geldmangel, eventuell aus Prinzip, ganz sicher aus Gottvertrauen. Es sei eben kein Ort bloßen Beobachtens, sondern des Erfahrens, Erlebens. Allen Risiken zum Trotz.

Wie sich die müden Bewohner jedoch im Morgengrauen an ihre Kaffeebecher klammern, scheint auch ihnen die Nähe zur Natur nicht ganz geheuer. „Die Löwen haben unsere Treppen markiert“, sagt Nicolas, sein Lächeln wirkt gequält. Zum Spurensuchen führt er die neuen Gäste nach dem Frühstück dennoch. Es gehört zum Angebot und das ist keineswegs billig. Und für die San ist es mehr als eine Chance auf Anerkennung oder Auskommen, es ist eine Fügung des Schicksals, eine Fortsetzung der Geschichte und, ja: ein Politikum. Wenigstens war es das, nach der Apartheid. Und künftig? „Wenn ihr nächstes Jahr wiederkommt“, sagt Nicolas mit einem Grinsen, dass sein dunkles Gesicht in tiefe Falten legt, „kann es sein, dass ich draußen bin und eine Elandkuh melke“. Er könnte ihrer Spur gefolgt sein, mit ihr gesprochen, sie von seiner Freundschaft überzeugt haben. Und vielleicht steckt er sich dann eine Zigarette an.



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