Kanzlerduelle und Parkplatzsuchen

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26. August – 1. September

Tja, großer Stefan, klein und schäbig fühlt es sich an unter klugen Menschen, nicht so erhaben und riesig wie unter den medialen Zwergen deines Senders, die bekanntlich nur lange Schatten werfen, wenn die Sonne der Kultur tief steht. Dass sie den Horizont grad küsst, zeigt indes schon, dass die ProSiebenSat1 Media AG keinen Journalisten, sondern einen Clown ins Kanzlerduell schickte – auch wenn ihn sein Haussender im Vorspann zur „Journalismus-Elite des deutschen Fernsehens“ zählte (an dessen Namen sich Peer Steinbrück zwischendurch völlig zu Recht nicht erinnerte).

Das ist jedoch nicht nur grotesk, da Raabs journalistische Kompetenz durch redaktionell präparierte Fragen wie der, warum die Kanzlerin nicht einfach jährlich eine Milliarde Schulden zurückzahlt, statt neue aufzunehmen, über die der Super Illu rutscht, sondern da bereits seine Präsenz das Niveau der Kollegen in RTL-Tiefen zog. Dessen Vertreter Peter Kloeppel fragte Angela Merkel, ob ihr Peer Steinbrück leid tue, Anne Will haspelte im Dienste der ARD heftig und selbst der soliden Maybrit Illner (ZDF) ging es oft eher ums eigene Image als Antworten. Umso erstaunlicher ist es, dass fast 18 Millionen Menschen zusahen, knapp zwei Drittel davon im Ersten, die wenigsten beim Raab-Kanal, wo man es gemeinhin interessanter als Politik findet, ob einem B-Promi beim Turmspringen die Schamlippen aus dem Tanga blinzeln.

Wo man überdies wohl wenig von einem Magazins namens Spiegel weiß, also auch nichts davon mitkriegt, wie er sich gerade in seine Einzelteile auflöst. Obwohl der Vergleich hinkt – im Grunde haben sowohl Mitarbeiter AG als auch Ressortleiter beeindruckende Einigkeit belegt, als sie den Wechsel des Kanzlerinnen-Kumpels Nikolaus Blome aus dem Hauptstadtbüro vom „Kampfgeschoss der Dummheit“ zum Vize des „Sturmgeschützes der Demokratie“ untersagt haben. Zu blöd, dass sich der neue Chef Büchner einen Dreck um den redaktionellen Einfluss beim Spiegel schert und den NSA-Fan Blome doch in die Blattspitze berufen wird. Der schlechte Atem von Europas schlimmstem Hetzblatt narkotisiert also auch die Souveränität von Europas größtem Nachrichtenmagazin.

Und nicht nur die. Mit Sven Gösmann, einst Vize bei der Bild, wird gleich das nächste Springer-Gewächs zu Höherem berufen – als neuer dpa-Chef, womit er – hoppla – Wolfgang Büchner nachfolgt. Dürfte also nicht lange dauern, bis Nico Hofmann aus dieser Personalrotationsfarce ein Zeitgeschichtsevent macht. Erst nachdem der Haupthistoriker des deutschen Films natürlich, wie vorige Woche angekündigt, seine RTL-Dramedy über Schleckerfrauen sowie Der Informant, Edward Snowdons fiktionales Biopic fertig gestellt hat.

Und zwischendurch passiert ja dann auch noch etwas, das selbst Raabs gestrige Talkdilettanz nicht verhindern kann: Die Bundestagswahl. Dafür laufen derzeit wieder diese meist unfreiwillig komischen Werbespots teilnehmender Parteien. Unfreiwillig peinlich war dabei allerdings das Werk der FDP, in dem eine fröhliche Bilderbuchfamilie für die FDP warb, was sie dummerweise – wie das Medienmagazin Zapp herausfand – zudem nicht nur für einen finnischen Quark tut, sondern auch für die NPD.  http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/122778-tv-spot-panne-fdp-und-npd-werben-mit-derselben-familie.html. Einmal lief der Spot im ZDF, bevor die FDP ihn bearbeitet hatte. Was ihn übrigens von den meisten Beiträgen der zwei Großparteien unterscheidet. Die SPD nämlich schaltet 100 ihrer 116 Ausstrahlungen im Privatfernsehen. Bei der CDU ist das Verhältnis gar 140:16. Was aber auch egal ist, weil der Spot 90 Sekunden bloß Angela Merkel zeigt, also mit Politik ohnehin nichts am Hut hat.

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2. – 8. September

Das hat er dann mit einer wie – so nennt sie sich selber! – „Bauern-Bause“ gemeinsam, die relevante Themen auch in ihrer täglichen Talkshow inka! ab heute um 15.05 Uhr alltäglich im ZDF meiden wird wie der RTL-Zuschauer ZDFneo. Dort wird er also ab Donnerstag nicht dem sympathischen, oft anspruchsvollen Manuel Möglich um 22.15 Uhr dabei zu beobachten, im neuen Interview-Format Heimwärts mit… bemerkenswerte Prominente zu befragen, zum Auftakt: Wolfgang Niedecken.

Vermutlich würde der gemeine RTL-Zuschauer allerdings auch irritiert abschalten, wenn er sich morgen versehentlich zum Tagesschau-Kanal ARD verirrt, wo zwei Journalisten des deutschen Fernsehens, die diesen Namen auch verdienen (Jörg Schöneborn, Siegmund Gottlieb), das (männliche) Spitzenpersonal von Grünen, Linken, Liberalen (Trittin, Gysi, Brüderle) zum Duell bitten. Das Erste ist dem gemeinen RTL-Zuschauer ja ohnehin zu vertrackt, da kann sich Judith Rakers dessen Anspruchsdenken intellektuell noch so anpassen, wenn die scheinbar doch eher schlichte Nachrichtenschönheit im Interview der Hamburger Morgenpost fehlende Parkplätze in der Hafencity als größtes Problem der Hansestadt anprangert. Wenn sie heute Abend endlich einen gefunden hat, wird sie also vermutlich Sat1 einschalten und auf eine süßliche Romanze hoffen – allerdings enttäuscht werden. Denn der Schnulzensender zeigt stattdessen das eher sachliche Melodram Willkommen im Club, wo ein zerrüttetes Paar (Richy Müller, Lisa Martinek) im Ibiza-Urlaub mit einer Ladung Bootsflüchtlingen konfrontiert wird. Das Ganze suppt zwar letztlich Richtung seifiges Happyend, ist aber die seriöseste Bearbeitung dieses heiklen Themas, das es je im kommerziellen Fernsehen gab.

Und wo wir grad dabei sind, das Unlobbare zu loben, fahren wir doch mal mit der Unlobbarsten überhaupt fort: Veronica Ferres. Die spielt im Arte-Drama Mein Mann, ein Mörder am Freitag zwar wie immer das Gleiche – eine Frau im Kampf um Kind und Kegel; sie tut es aber als betrogene Frau vom gewohnt grandiosen Ulrich Noethen ausgesprochen versiert. Was also erstmals einen Ferres-Film – Achtung! – empfehlenswert macht. Ebenso wie den australischen Achtteiler The Slap, der tags zuvor an gleicher Stelle die Konsequenzen einer einzigen Ohrfeige aus acht Perspektiven zeigt. Oder Under The Dome, eine Spielberg-Serie Under nach King-Motiven auf Pro7 (mittwochs, 20.15 Uhr), in der eine riesige Glaskuppel allerlei innere wie äußere Konflikte einer amerikanischen Kleinstadt zutage fördert. Zumindest anfangs spannend.

What else? Da Freitag WM-Qualifikation in Österreich ist, fällt Samstag die Sportschau aus, wird allerdings durch die bemerkenswerte Doku Ist Olympia noch zeitgemäß? um 19 Uhr ersetzt, die sich vielleicht sogar an heilige Kühe wie deutsche Funktionäre wagt. Und tags drauf dann kommt der Tatort nach dem miesen Schweizer Ausritt vom Vorwochenende nun wirklich aus der Sommerpause. In Berlin nämlich, wenngleich zum populistischen Thema Jugendgewalt, das um 23.35 Uhr passenderweise um die Wiederholung des Skandalfilms Wut von 2005 ergänzt wird. Zum Tipp der Woche: Die 2. und letzte Staffel der charmanten, aber erfolglosen US-Serie Apartment 23, dienstags, 21.45 Uhr, auf Pro7.



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