Thorolf Lipp, Kultur- und Medienanthropologe

Exotische Kulissenschieber

Der Bielefelder Kulturanthropologe und Dokumentarfilmer Dr. Thorolf Lipp (40), Inhaber der Berliner Arcadia Filmproduktion und Mitglied im Vorstand des größten deutschen Filmverbandes AG DOK sowie des Bundesverband Ethnologie, übers umstrittene Dokusoap-Format Auf der Flucht, das heute um 23.35 Uhr im ZDF wiederholt wird.

Fragen: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lipp, aus Ihrer Sicht als Medienethnologe und Dokumentarfilmer – ist der gewaltige Shitstorm, der gerade aufs die ZDF-Reihe Auf der Flucht niedergeht, gerechtfertigt?

Thorolf Lipp: Die Resonanz aufs Format zeigt zumindest, dass es hierzulande aufgrund unserer Vergangenheit, aber auch des vielschichtigen, reflektierenden Publikums einen Nerv getroffen hat. In Australien dagegen, wo es zuvor in nahezu identischer Form gelaufen ist, gab es offenbar kaum Kritik.

Wobei der erste Teil von gerade mal 60.000 Menschen, also 0,3 Prozent des Publikums gesehen wurde, offenbar also mehr negative Kommentare hatte als Zuschauer.

Deshalb haben wir uns im Vorstand der AG DOK umso mehr gefragt, warum das Format auf dieses Maß an Entrüstung stößt. Das deutsche Publikum scheint mir besonders sensibilisert zu sein für solche Themen; es gibt eine vergleichsweise umfassende Medienbildung, einen starken postkolonialen Diskurs, unzählige Initiativen, die sich mit der Asylrechtsproblematik befassen. Wenn ein so vielschichtiges Thema gebührenfinanziert mit derart eindimensionaler Haudrauf-Dramaturgie bearbeitet wird, werte ich es als positives Signal, dass die Zuschauer nicht so dumm sind, wie viele Redakteure uns, also Publikum und Regisseuren, gern glauben machen wollen. Deshalb nehmen wir als Filmverband der Dokumentaristen interessiert zur Kenntnis, dass es diesen Shitstorm gibt. Wir weisen gerne darauf hin, dass es dokumentarische Ansätze gibt, die dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Forum und Inhalt weit mehr genügen als das, was in bestimmten Redaktionen als massenkompatibel erachtet wird. Insofern empfinde ich es als gutes Zeichen, dass diese Reihe vom Publikum nicht unkommentiert geschluckt wurde.

Aber hat das ZDF damit nicht bloß erreicht, was es wollte: maximale Aufmerksamkeit?

Absolut. Allerdings nur aufgrund der fragwürdigen Form und nicht wegen des Inhaltes. Insofern, ja, Aufmerksamkeit wurde generiert. Aber der Erkenntnisgewinn tendiert gegen Null. Wofür soll dann die Aufmerksamkeit eigentlich gut sein?

Sind Dokusoap und Unterhaltung generell für seriöse Informationen ungeeignet?

In der Regel schon. Auf der Flucht ist jedenfalls ganz gewiss keine Aufklärungsarbeit, sondern reine Selbstinszenierung. Und ohne das Fernsehen als Verantwortlichen und Geldgeber würde es diese Geschichten erst gar nicht geben. Was sich hier dokumentarisch geriert, ist von A bis Z Fiktion. Gerade Zuschauer, die weniger medienkompetent sind, werden dadurch letztlich gezielt getäuscht.

Durch die Heisenbergsche Unschärferelation, dass jede Versuchsanordnung das Ergebnis beeinflusst?

Auf diese Frage hat der Dokumentarfilm schon vor 50 Jahren eine Antwort im Cinema Verité gefunden, das den filmischen Prozess bewusst offen legt. In diesem Fall hätte man zum Beispiel die Kamerateams zeigen oder deutlich machen können, inwieweit Regisseure und Macher das Geschehen steuern. Für unerfahrenere Zuschauer ist dieser Einfluss nicht zwingend erkennbar. Es gibt verschieden Untersuchungen, in denen man Versuchspersonen Scripted Reality vorgeführt hat.

Also scheinbar echte Situationen, die nach Drehbuch gefilmt werden.

Und darin erkennen bis zu 80 Prozent nicht, dass es sich um Inszenierungen handelt.

Wäre das bei RTL2 nicht ein weit größeres Problem als bei ZDFneo, wo das Publikum erwiesenermaßen gebildeter und kritischer ist?

Schon. Und das ist ja auch der Grund für die Intensität des Widerstands. Aber Auf der Flucht ist noch wegen ganz anderer Aspekte die falsche Herangehensweise an dieses sensible Thema. Besonders problematisch ist unter anderem, dass die eigentlich Betroffenen, also Flüchtlinge, bloß als exotische Kulissenschieber ge-, sogar missbraucht werden. Es geht dem ZDF also gar nicht in erster Linie um die Thematik Flucht und Asyl, sondern die plotbasierte Dramaturgie der Heldenreise  – sechs Deutsche machen sich an unserer Stelle auf den Weg, um etwas über die Welt zu lernen – soll Quote generieren.

Aber holt die plakative Darstellung das Flüchtlingselend nicht wenigstens mal aus seiner intellektuellen Weltspiegel-Nische ins Massenbewusstsein?

Würde es funktionieren, schon. Kritische Medien, auch die ZEIT, haben ja kommentiert, diese Darstellungsform sei immerhin gut gemeint gewesen. Woran sie übrigens auch scheitert ist, dass die Globalisierung hier die offensichtlich falsche Illusion erzeugt, jede narrative Form ließe sich eins zu eins aus ihrem kulturellen Kontext lösen und anderswo genauso einsetzen. Bei Realityshows von Dschungelcamp bis Big Brother mag das funktioniert haben; dass es hier misslingt sollte den Verantwortlichen zu denken geben, regionale Befindlichkeiten wieder stärker zu achten. Auch aus diesem Grund finde es richtig gut, dass dieses „Experiment“ scheitert.

Anders als das Rollentauschprinzip eines Günther Wallraff, der ja im Grunde ähnlich arbeitet. Was unterscheidet es von diesem Fall?

Das Walraffen weist durchaus Parallelen auf und ist gerade deshalb nicht unumstritten. Was ihn allerdings von den Protagonisten dieses Formats unterscheidet ist, dass er sich nicht zum Spielball einer unsichtbaren Regie macht, sondern zumindest dem Publikum gegenüber mit offenen Karten spielt. Ich als Ethnologe würde zwar nirgends drehen, wo ich nicht willkommen bin. Aber Günther Wallraff ist immerhin ein reflektierter Autor, der für die Konsequenzen seines Handelns auch selbst einsteht. Anders als eine durchkalkulierte Fernsehmaschinerie, bei der es letztlich keinen Raum für Überraschungen geben darf. Bei Auf der Flucht ist alles stets affirmativ.

Was heißt das?

Alles wird so atemlos geschnitten und erzählt, dass nirgends Raum für Fragen bleibt. Wenn jemand weint, kommt ein Close-up auf die Tränen; jede Emotion wird mit den Mitteln der Dokusoap, jeder Effekt mit Musik vervielfacht. Diese Verflachung hat sich zum Leidwesen vieler ernsthaft und gründlich arbeitender Dokumentaristen inzwischen so etabliert, dass sie vom Publikum inzwischen als Regelfall empfunden wird. Das mag bei Alltagsthemen noch harmlos sein, hier wird es der Widersprüchlichkeit und Komplexität des Themas nicht gerecht. Ich habe gerade eine Umfrage unter meinen Verbandsmitgliedern gemacht, welche Zugänge sie denn dazu gefunden haben. Und da zeigt sich, wie viele unterschiedliche Ansätze es gibt, das Thema verantwortungsvoller und reflektierter anzugehen (Linkliste am Ende des Beitrages).

Welchen Plot hätten Sie gewählt?

Gar keinen, so fängt es nämlich an. Ein Plot ist stets die extremste Form der Irrealisierung, das Leben findet ja nie nach Drehbuch statt. Ich würde vermutlich entweder einen ins Offene gedrehten, beobachtenden Film machen, oder aber auf Kollaboration mit den Betroffenen setzen, um den Flüchtlingen selbst Macht und Stimme zu verleihen, statt sie zu Statisten erwartbarer Konflikte von deutschen Hauptdarstellern zu degradieren. Ich würde mich also entweder ganz zurücknehmen oder aber mich auf Augenhöhe einbringen und dies auch dem Zuschauer deutlich zu erkennen geben.

Macht dieser Mangel Auf der Flucht also zu dem, was in Tausenden Tweets und Kommentaren auf Rassismus, Zynismus und Menschenverachtung verkürzt wird?

Es spielt zumindest eine wichtige Rolle, dass dieses Format ganz, ganz weit hinter der Epistemologie zeitgenössischen Filmemachens zurückbleibt. Das Vorgehen von Auf der Flucht ähnelt einer eigentlich längst vergangenen Attitüde, wo weiße Regisseure aus der westlichen Wohlstandsgesellschaft die Definitionsmacht hatten und in den Elendsquartieren der 3. Welt die Puppen tanzen liessen. Die Flüchtlinge selbst sind hier nur Randfiguren und selbst die deutschen Protagonisten werden letztlich zu Objekten degradiert. Inklusive der dramaturgisch gewollten Möglichkeit, dass sie sich aufgrund ihrer oft im Affekt geäußerten, nicht selten ziemlich unreflektierten Meinungen auch zum Gespött des Publikums machen. Das bietet in der Tat alle Voraussetzungen für Rassismus, Zynismus und Menschenverachtung.

Macht all dies Auf der Flucht zu schlechtem oder bloß schlecht gemachtem Dokumentarfernsehen?

Darüber haben wir im Verband intensiv diskutiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass es zunächst mal gar keine dokumentarische Form ist, sondern hochgradig fiktional. Die AG DOK will sicher keine Geschmackspolizei sein, aber doch darauf hinweisen, dass diese Herangehensweise eine Verachtung all derjenigen ist, die sich – oft unter Einsatz von hohem persönlichen Risiko – um einen wirklich dokumentarischen Zugang bemühen. Allerdings erfordert das von den Verantwortlichen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Mut, Risiken einzugehen und sich auf die unkalkulierbare Wirklichkeit einzulassen. Tatsächlich funktioniert das System inzwischen genau anders herum: Bei „Auf der Flucht“ ist alles im Voraus geplant. Dramaturgisch gesehen kann nichts schief gehen und die Sendezeit wird sich mit dem dafür zur Verfügung stehenden, übrigens sicher nicht gerade schmalen, Etat, ganz sicher füllen lassen. Das Ergebnis steht von vorneherein fest. Ich wiederhole mich: Aufmerksamkeit wurde generiert. Aber der Erkenntnisgewinn tendiert gegen Null.

Auswahl an Produktionen zur gleichen Thematik von Mitgliedern der AG DOK:

http://www.agdok.de/de_DE/movies_detail/21940

http://www.agdok.de/de_DE/movies_detail/34188

www.desplazado.de

www.dw.de/wildfremd

http://www.blick4.de/index.php?id=42

http://www.youtube.com/watch?v=izd3veERAaU

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