Hannah Herzsprung & Florian Lukas

Es bleibt ein großes Drama

Die ARD-Serie Weissensee war vor drei Jahren einer der deutschen Serienerfolge schlechthin – und das in einer Zeit, als die deutsche Serie quasi hirntot. Das sie wiederbelebt wurde, lag auch an Florian Lukas und Hannah Herzsprung, deren Variante von Romeo & Julia in der maximal despotischen DDR Anfang der 80er Jahre nicht weniger als brillant war. Kurz vorm Start der 2. Staffel ab 17. September und der Wiederholung der 1. (Sonntag zuvor, 0.15 Uhr), bringen die freitagsmedien ein Doppelinterview mit den beiden Hauptdarstellern.

Hannah Herzsprung: Wieso wollen Sie eigentlich uns zwei zusammen sprechen?

freitagsmedien: Weil man, was zusammengehört, nicht trennen sollte.

Herzsprung: Wie Romeo und Julia.

Oder JR und Bobby Ewing. Haben Sie je „Dallas“ gesehen?

Florian Lukas: Nur den Vorspann. Weil ich zu der Zeit abends nicht fernsehen durfte, hab ich eher „Ein Colt für alle Fälle“ gesehen. Deshalb wollte ich sogar Schauspieler werden. Glob ick. „Love Boat“ hab ick ooch jekiekt (lacht).

Herzsprung: „Love Boat“ – ernsthaft? (lacht auch)  Bei mir war’s „Hart aber herzlich“. „Dallas“ lief zu spät. Erinnert Sie etwa „Weissensee“ an Dallas?

Diese Fehde zweier Familien, die doch miteinander verstrickt sind, der Bruderzwist…

Lukas: Mag sein, aber der Hintergrund unserer Serie ist seriöser, sachlicher, wenn man so will: politischer.

Eher Stasi-Serie oder Serie mit Stasielementen?

Lukas: Eher Familiengeschichte mit Stasi-Hintergrund. Es werden sehr klassische Themen in sehr klassischer Konstellation verhandelt, wobei Politik nicht bloß zurr historischen Tapete degradiert wird, vor der sich Liebesgeschichten abspielen.

Herzsprung: Aber es bleibt ein großes Drama, dass im Grunde auch ohne DDR funktionieren würde.

Tut Sie aber nicht. Wann ist die Zeit reif, die DDR filmisch ohne Stasi, Repression und Schießbefehl zu erzählen?

Herzsprung: Es gibt bereits viele Erzählungen, die das Leben in der DDR mit Leichtigkeit dargestellt haben. Dennoch wird dieses Spannungselement gern genutzt – für die Einen ist es die Erinnerung für die Anderen Neugierde am Unbekannten.

Lukas: Bei aller Unterhaltung, denen Spielfilme und Serien dieser Art dienen, würde das Element der Politik fürs Dramaturgische sicher fehlen. Aber es geht nicht nur um Stasi-Effekte, sondern den Faktor der Durchdringung, die das gesamte Privatleben erfasst. Die extreme Einflussnahme des Staates war Alltag, und sei es nur als permanente Bedrohung. Das System hat sich ja nur solange aus privaten Biografien herausgehalten, wie man sich ihm gegenüber absolut konform verhalten hat. Um es dennoch unablässig zu spüren, brauchte man keinen MfS-Offizier in der Familie; das ganze Geflecht aus Lehrern, Behörden, Spitzeln konnte dafür sorgen, dass man sein Leben mit 16 in die Tonne treten konnte. Diese Möglichkeit hat alles beeinflusst.

Herzsprung. Und wahrscheinlich ist es deshalb schwer, einen Alltag ohne  gesellschaftliche Impulse seiner Zeit zu erzählen. Man braucht die Kulisse, um verstehen zu können, welchen Schwierigkeiten die Figuren ausgesetzt sind und warum sie wie handeln.

Lukas: Trotzdem war meiner damals viel normaler als man es sich im Westen vorstellen mag. Da hat man ja gern die Vorstellung einer permanenten Präsenz des Bösen. Ich hatte im Großen und Ganzen eine schöne Kindheit, auch wegen der unverfälschten Natur. Heute ist alles elektrifiziert, geharkt, gepflastert, beleuchtet, beschildert, umzäunt. In den Achtzigern konnten wir uns freier bewegen, obwohl überall in den Wäldern um Berlin Soldaten stationiert waren.

Wie war Ihr Ostbild aus Westsicht?

Herzsprung: Als die Mauer fiel, war ich acht. Die Bilder haben sich eingeprägt und ich wusste auch, dass es die DDR gab mit Menschen, die nicht grundsätzlich anders leben als wir. Darüber hinaus bin ich selten mit dem Thema konfrontiert worden. Heute ist für mich unverständlich, dass diesem Teil deutscher Geschichte so wenig Gewicht in der Schule gegeben wurde.

Lukas: Bei mir ist mit der Zeit die Einsicht gewachsen, stärker vom Alltag geprägt worden zu sein, als ich mir lange Zeit eingestehen wollte. Aber Erinnerungen verflüchtigen sich und werden überlagert durch nachträgliches Wissen. Trotzdem ist jeder Gegenstand von damals, den man bei solchen Dreharbeiten nach Jahren wiederentdeckt, wie eine Zeitreise. Bis ich 14 war, bestand überhaupt kein Zweifel, dass die Welt, in der ich lebe, unverrückbar normale Realität war.

Herzsprung: So geht es sicherlich vielen Menschen. Man richtet sich in seinen Lebensumständen ein und wenn dann auf einmal alles zusammenbricht…

Lukas: …wird unsere Normalität von heute plötzlich zur Ausnahmesituation von morgen. Meine Welt hatte sich nach 89 in wenigen Monaten völlig geändert, als plötzlich alle mit Helmut-Kohl-Plastiktüten rumgelaufen sind. Da hab ich mich erstmals von den Jublern abgewendet, weil ich schon mit 16 geahnt habe, dass da irgendwas falsch läuft. Als dann zehn Jahre später „Good Bye Lenin“ lief, hab ich die wieder wohlwollender gesehen, weil sich für Erwachsene von 1990 ein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat.

Herzsprung: Wenn Gewohnheiten plötzlich nichts mehr wert sind, kann schnell das ganze Leben wertlos werden. Genau deshalb gibt es nicht nur eine Sicht auf die DDR.

Lukas: Auch „Weissensee“ zeigt nur Facetten. Historische Stoffe werden stets mit größtmöglicher Authentizität verkauft. Das finde ich problematisch, weil für viele die Versuchung groß ist, Spiel- und Dokumentarfilm zu verwechseln. Wichtiger ist Glaubwürdigkeit.

Herzsprung: Neu an „Weissensee“ ist der Grad an Privatheit, die zugelassen wird, ihre zentrale Position in der Handlung, die die Romeo-und-Julia-Konstellation erst ermöglicht.

Was lernt das Publikum dabei?

Lukas: Schwer zu sagen. Im besten Fall liefern wir Anlass zum Gespräch, um verschiedene Erinnerungen miteinander abzugleichen. Innerhalb der Familie, des Umfelds, sogar der Gesellschaft, die das DDR-System zunehmend als Abenteuergeschichte empfindet. Ich erlebe es noch heute, dass Menschen ungläubig staunen, wenn ich Geschichten aus einer Zeit erzähle, die auch für mich tief in der ersten Hälfte meines Lebens spielen. Selbst mir erscheint die Intensität der Beeinflussung ja kaum noch begreiflich. Die meisten Menschen verhalten sich ja unauffällig und angepasst. In der DDR allerdings machte man sich mit einer Diktatur gemein, in der BRD mit der Demokratie.

Herzsprung: Ich bin in Ausstellungen und Museen gelaufen, hab Bücher und Bildbände gewälzt, Leute befragt – beim Drehen wurde dann alles Aufgenommene greifbar. Ich wollte die Zeit wirklich begreifen, weil mir der eigene Erfahrungshorizont fehlte. Die Geschichten von Katrin Sass oder Uwe Kockisch haben mich in die Zeit gezogen, so wie ich es mir auch für die Zuschauer wünsche.

Lukas: Die haben auch mir vieles erzählt, was ich kaum noch kannte. Oftmals sehr deprimierende, schreckliche Erlebnisse. Umso erstaunlicher, dass sie das heute so unbefangen spielen können. Trotzdem: wir mussten uns alle neu einarbeiten, weil unsere Figuren ja in anderen Zeiten aufgewachsen waren. Meine zum Beispiel eher kurz nach dem Mauerbau, als kurz vor dem Mauerfall, deren eher vor als nach dem Krieg. In einer Szene lese ich die „Junge Welt“ von damals und darin stand eine Theaterkritik über den jungen Uwe (lacht).

Herzsprung: Und in unserer Filmwohnung habe ich eine Zeitschrift der Requisite entdeckt, auf der Katrin auf dem Titel war. Die beiden haben eine bewegende Zeit durchlebt.

Wie alt sind Sie im Film?

Herzsprung: So um die 24. Meine Rollen sind generell etwas jünger als ich selbst, aber so festgelegt ist das Alter meistens gar nicht.

Lukas: Ich spiele seit jeher immer so vier, fünf Jahre drunter. Deswegen passen Filmbiografien häufiger nicht mit meiner realen überein. Als ich „Absolute Giganten“ gespielt habe, war meine erste Tochter schon auf der Welt. Ich musste mir diesmal richtig Diagramme zeichnen, um meine Filmbiografie nicht mit meiner eigenen durcheinander zu bringen, ein echter Lebenslauf inklusive denen meiner Eltern, die als Kommunisten in der Nazizeit emigrieren mussten. Was das für Menschen bedeutet ist wichtig, wenn man so eine Serie begreifen will.

Advertisements

One Comment on “Hannah Herzsprung & Florian Lukas”

  1. here says:

    Excellent weblog right here! Also your web site
    loads up very fast! What host are you the usage of?
    Can I am getting your associate link in your host?

    I want my website loaded up as quickly as yours lol


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.