Jan-Gregor Kremp, Zartrüpel

Der Gangster und sein Jäger

Jan-Gregor Kremp war lange Zeit auf kriminelle Figuren abonniert. Jetzt wird der Schauspieler mit kaum 50 Jahren der neue Alte und zeigt damit: eigentlich kann er alles. Das beweist der kantige Ruhrpottler morgen in der neuen Staffel, die zwar keine Quadratur des Fernseheis ist, aber allemal besser als seine Vorgänger.

Von Jan Freitag

Die Sache mit dem Alter muss man dem ZDF wohl doch noch mal erklären. Wer alt ist, wird es ja nicht durch Reife oder Make-up allein. Alt ist man an Jahren, und die hinterlassen Spuren im Kalender des Lebens, dem Gesicht. Wenn einer „Der Alte“ heißt, sollte das also tief blicken lassen – in Falten, in der Haut. Nur: richtig tief sind bei Jan-Gregor Kremp allenfalls die Augenringe.

Aber warum spielt der ziemlich junge, ziemlich lässige, ziemlich alles Mögliche außer alte Schauspieler dann bloß den ältesten aller TV-Kommissare im Land? Weil das Attribut „für Chef im Sinne von Weisungsbefugnis steht“, beschreibt Jan-Gregor Kremp seine neue Rolle als „Der Alte“. Weil es eine Floskel sei, um Hierarchien zu kennzeichnen. Und weil man mit fast 50 „jedem die Führungsrolle abnimmt“.

Wobei man Jan-Gregor Kremp eigentlich alles abnimmt, seit er 1991 vom Staatstheater Hannover vor die Kamera wechselte und nach kleineren Rollen mit einer kaum größeren für Furore sorgte: in Detlef Bucks „Wir können auch anders“. Sein Wegelagerer machte ihn bekannt, er stempelte ihn aber auch ab. Denn in der Folge spielte der unrasierte Charakterkopf mit der Aura zwischen Melancholie, Skrupellosigkeit und Trotz meist Schurken.

Kremp wurde der Ganove vom Dienst, durchaus liebenswert in seiner flapsigen Art, tendenziell heimtückisch. Der massige Typ aus dem Ruhrpott beherrscht schließlich wie kein Zweiter das Prinzip Druckkessel: ein Charmeur mit schönen Augen, doch ein Millibar zuviel, und… Der ideale Verbrecher also. Mit dem passenden Gesicht. Sagt sein Träger. „Das  taugt halt gut für Verbrecher“, er klingt dabei nicht genervt. Warum auch: „Mit meiner Visage kann man noch viel mehr anfangen“. Das hätten auch die Produzenten irgendwann verstanden.

Und so spielt er trotz Visage, trotz Druck, trotz Image bald auch diesseits des Gesetzes alles Mögliche. Er spielt Travestieclubbetreiber („Mein Vater, die Tunte“) und Buchhalter („Weihnachten im September“), er spielt Köche („Die Quittung“), Krankenpfleger („Kammerflimmern“), Kapitäne („Untergang der Pamir“) und seit 2004, dem Einstieg als hessischer „Polizeiruf“-Ermittler, sogar den Gegenpol der Gangster. In Serie. Von da an, Kremp lacht, „fragt man eher, warum es ständig Polizisten sind“. Seine Antwort: Alles zu seiner Zeit.

Zeit also für die Nachfolge der ewig grauen Alten von Schlage eines Siegfried Lowitz? Dieser Typ Beamter, der selbst im Farbfernsehzeitalter schwarzweiß wirkte, führte die Mordkommission München II, als der kleine Jan-Gregor noch Gymnasiast im Rheinland war. Zum Familienvater gereift, könnte Erwin Kösters Epigone Richard Voss jetzt zum weißköpfigen Alte-Assi Michael Ande Papa sagen. Verrückte Fernsehwelt.

Die allerdings Veränderung noch weniger als Stagnation. „Ich musste mich schon anpassen, um die Figur nicht neu zu erfinden“, sagt Kremp und füllt sie daher in der Auftaktfolge „Königskinder“ nicht mit Druck, aber Empathie, „mal ruppig, dann humorvoller.“ So erklärt der komikbegabte Kremp den drögen Serienoldie, dem er etwas mehr Leichtigkeit, besser: Beweglichkeit verpassen will, jedenfalls Leidenschaft, gar Liebe. Schließlich wird Voss trotz befristeten Verträgen sein neues Alter Ego. Unvermeidbar. Fortlaufende Figuren haben das so an sich.

Angst davor? Vor Festlegung? Nein, beruhigt Kremp sich und andere. Eine Krimiserie werde seinen Spielraum eher erweitern als einschränken. Für Musik etwa, die er Anfang der Achtziger in Köln studiert und am Salzburger Mozarteum verfeinert hat. Kremp spielt Trompete und Klavier, er singt und rockt, ist solo auf Tour und könne das mit neun Alten im Jahr weit besser planen.

Überhaupt: Pläne. Die Gangstervisage Kremp mag es da sicher. Mit gut 50, sagt seine Kollegin Johanna Gastorf, sei es wichtig, sich anständig zu benehmen und nicht mehr positionieren zu müssen. Mit fast 50, stimmt ihr Mann Jan-Gregor Kremp zu, „muss ich nicht mehr dauernd vortanzen, um zu zeigen, was ich kann“. Nicht das einzige, was das völlig unglamouröse Schauspielerpaar vereint. Beide mimen oft Seite an Seite, beide haben einen Stall voller Geschwister, beide lieben ihr Haus im Essener Grüngürtel mit Hund, beide mögen Applaus als „Nahrungsbestandteil des Künstlers“, wie Kremp einräumt, beide „hassen den roten Teppich“, wie Gastorf einschränkt. Beide sind Kämpfer – sie gegen das Branchendiktat unbedingter Schönheit, er gegen sieben Schauspielschulabsagen, die ihn nicht vom achten Anlauf abhielt. Und beide haben kein Problem mit all den Jahren, die bereits hinter ihnen liegen. Eher schon mit dem, was nur noch bleibt, um andere Ziele zu verwirklichen.

Das Alter, da ist dem ZDF also zuzustimmen, bleibt eben doch, was man draus macht. Bei Jan-Gregor Kremp muss es eine Menge sein: Der Produzent hatte ihn schon vor zehn Jahren als Lowitz-Erben im Visier, noch keine 40. Kremp hatte keine Zeit. Schade eigentlich.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.