Report: 50 Jahre Musikkassette

Soundtrack zum Leben

CompactcassetteEs gibt Dinge, die verschwinden einfach aus unserem Leben: Faxgeräte, Telefonzellen. Und Musikkassetten. Ihr 50. Geburtstag ist also eher ein Anlass zur Trauer, denn die Verkaufszahlen gehen längst gegen Null. Zum Jubiläum zeigen die freitagsmedien daher noch mal eine Reportage aus einer Zeit vor knapp zehn Jahren, als sich eine Schar Unbeugsamer gegen den Niedergang der MC stemmte. Nicht erfolgreich, aber voller Leidenschaft.

Von Jan Freitag

Der tägliche Gang zum Briefkasten steckt für Kristian Menke voll Hoffnung. „Heute morgen war wieder eine drin“, frohlockt der 27-jährige Hamburger und zählt die Folgen einer Schnapsidee durch. Gut 25 Mixtapes lagen bisher in seiner Post – Querschnitte privater Plattensammlungen, liebevoll arrangiert auf Kompaktkassetten. Jenen analogen Speichermedien, die ähnlich der LP allen Abgesängen zum Trotz in der Liebhaberecke überleben.

Nicht zuletzt dank Sympathisanten wie Menke. Voriges Jahr hat er mit seiner besten Freundin Dani Schuster [heute: Freitag] in der Stammkneipe namens Egal Bar das Projekt „rettet die mixkassette“ ausgebrütet. Nach dem Kettenbriefprinzip versandten sie kurz darauf Kopien hintersinnig kompilierter Eigenkreationen, baten die Adressaten per Flyer das Gleiche zu tun und erhalten seither regen Rücklauf.

Aus ganz Deutschland, Österreich, sogar Südafrika – der Freundeskreis des antiquierten Tonträgers scheint nicht groß aber grenzenlos. Und Emotionsgeladen. „Ich habe einen Teil meiner selbst abgeschickt“, preist Medizinstudent Menke seine „90minütige Symphonie“. Damit ist er aus wissenschaftlicher Sicht ein typischer Vertreter der „Generation Mixtape“. So nennen Gerrit Herlyn und Thomas Overdick 20- bis 40-Jährige, die mit den akustischen Sammelsurien mehr verbinden als aufgereihtes Liedgut. Vor anderthalb Jahren haben die beiden Doktoranden am Hamburger Volkskundeinstitut ihr Seminar „C90 – Vom Umgang mit einem technischen Speichermedium“ gestartet. Eingebettet in ein Projekt über technische Erinnerungsspeicher ist es der erste Versuch, das Phänomen Mixkassette akademisch zu ergründen.

Im Zentrum stehen für Herlyn, 33, die „Menschen hinter den Tapes“. Und Empirie, Geschenktheorie, Kommunikationsmodelle, Kulturwissenschaft, Technikforschung – schließlich leitet er eine Lehrveranstaltung für 25 Studierende. Die Resultate zeigt ab 21. Mai das benachbarte „Museum für Kommunikation“. Kassettenmixer, erklärt Kollege Overdick, 32, „sind trotz aller kulturpessimistischen Theorie keine reinen Konsumenten, sondern ganz bewusste, kreative Nutzer der Technik“. Oder besser: Audiophile Biographen mit Hang zum ausgefeilten Verpackungsdesign.

Per Annonce hat das Duo bundesweit Teilnehmer gesucht. Verschiedenen Alters, geschlechterparitätisch, mitteilsam. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen: 80 Probanden berichteten oft stundenlang über ihre Erfahrungen mit dem Mixtape. Hinzu kamen 120 E-Mails und Briefe – gespickt mit teils intimen Bekenntnissen aus dem Mischer-Nähkästchen. „Wir konnten gar nicht alle Interessenten befragen“, meint Herlyn stolz. Ergebnis: Das Forschungsobjekt ist Kommunikationsmittel, Gedächtnisstütze und Duftmarke in einem. Es dient als Liebeserklärung, Briefersatz, Geschenk, Druckventil, Visitenkarte, Schmerzmittel oder sorgt einfach für Hörspaß. „Soundtrack zum Leben“, nennt es einer der 21 Teilnehmer, deren Berichte nun in Wort, Bild und Ton unter dem Titel „KassettenGeschichten“ ausgestellt werden.

Es dürfte nicht nur ein multimediales Happening werden, sondern auch ein sentimentales. Denn die Audiokassette hat eigentlich ausgedient. Seit die CD 1982 ihren Siegeszug antrat und Epigonen wie MD und DAT folgten, befindet sich die MC auf dem Rückzug. Kein Hersteller mag die Zukunft leerer Modelle garantieren. Jahr für Jahr bricht europaweit ein Viertel des Absatzes weg. Gingen 1991 noch 151 Millionen Stück über deutsche Ladentische, so zählte die „Gesellschaft für Unterhaltungselektronik“ 2002 ganze 24 Millionen. Und auch bespielt liegt das zumeist eisenbeschichtete Sounddepot unter zehn Prozent aller verkauften Tonträger – nur Kinderhörspiele und Volksmusik verhindern den totalen Einbruch. Dabei feierte es Mitte der 80er Jahre 60 Prozent Marktanteil.

Damals, in der bundesdeutschen Boomphase von Walkman und Auto-Hifi, verkörperten die 2,81-Millimeter-Bänder jugendliche Mobilität schlechthin. Und in der DDR waren es die teuren aber „einzig zugänglichen Tonträger, deren Produktion, Vervielfältigung und Verteilung auch außerhalb von kontrollierten Zusammenhängen möglich war“, wie die Berliner Musikforscherin Susanne Binas ausführt. Die Kompaktkassette als Kassiber und Kulturgut. Heute, 40 Jahre, nachdem der Technikkonzern Philips seine Erfindung auf der IFA Berlin vorstellte, hockt sie in der Randgruppennische. Im Pkw setzt sich der CD-Player durch, Abspielgeräte á la Walkman profitieren bestenfalls von gelegentlichen Revivals.

Philips hat sich längst aus dem Software-Markt zurückgezogen. Und die Hardware bezeichnet Sprecher Klaus Petri als „Auslaufmodell“; außerhalb von Kompaktanlagen seien Tapedecks schwer zu kriegen. Kein Wunder, dass bei ebay um fast 2000 Stück gefeilscht wird – wenngleich es MP3-Player auf dreimal so viele Auktionen bringen. Auch im Speicherbereich zeigt kein Hersteller Interesse, Lücken zu schließen. „Solange noch Nachfrage besteht“, verspricht Johannes Lerch vom BASF-Nachfolger Emtec, „wird der Produktzweig erhalten“. Länger nicht. Auch Marktführer TDK hält eine komplette Verdrängung der MC für möglich. Das deprimierendste Abstiegssignal funkt aber der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft. „Analoges Kopieren ist für uns kein Problem“, beteuert Hartmut Spiesecke, der im Fall des explodierenden Absatzes von CD-Rohlingen nicht müde wird, den musikalischen Untergang des Abendlandes zu prophezeien. Von den 2,5 Milliarden Euro hohen Verlusten durch Piraterie kosten traditionelle Raubduplikate nur 50 Millionen. Zu wenig für Gegenmaßnahmen.

Ignoriert zu werden lässt den echten Fan indes kalt. Er hat es sich in der Subkultur eingerichtet – und erregt dort fast zwangsläufig die Neugierde des Mainstream. Seit Nick Hornbys Antiheld Rob in „High Fidelity“ das Baggerpotenzial von Mixtapes verteidigte, nimmt sich die Literatur der rauschenden Materie an. Von Max Goldt (Mind-boggling) über Karin Duve (Dies ist kein Liebeslied) und Benjamin von Stuckrad-Barre (Kassettenmädchen) bis zu Christian Gassers 13 Mixkassettenregeln in „Mein erster Sanyo“ hagelt es Erinnerungen für Thirtysomethings. Der Retrowelle entgeht nichts.

Keine Großstadt, in der nicht eine Radiosendung die Mixkassette adelt, kaum eine ohne Partys unter dem Logo der seit 23 Jahren fast unveränderten Klangkörper. Reggae- und HipHop-Szene setzen eisern auf spulbare Ware, in der Hamburger „Kassettentanke“ kann man die Ergüsse der DJ’s auf sechs Tapedecks mitschneiden. Das Internet liefert Cover, Tracklists, Tauschpartner per Mausklick. Trotz Digitalisierung, trotz aller Macken erweist sich die MC als zäh. Und das, obwohl die Konkurrenz kontert, sobald sie unterlegen scheint: Wurde die Flexibilität der Kassette gerühmt, kam die wieder bespielbare CD-R, war von Längenvorteilen die Rede, erreichte die Rivalin 90 Minuten. Rohlinge sind spottbillig, Brenner gehören zum Computerstandard wie der Rückspiegel zum Auto. Faden, mischen, LPs kopieren? Am PC kein Problem mehr. Und die Mär digitaler Datenverluste erweist sich als Pfeifen im Walde audioreaktionärer Vinylfreaks.

Doch die Nachteile, sagt Seminarleiter Overdick, „sind eigentlich ihr Vorzug“. Was in der Musiktherapie gilt, wo knackende Rillen und surrende Bänder den sterilen Silberlingen oft vorgezogen werden, gilt erst recht daheim. Überlegener Klangbrillanz entgegnen Overdicks Interviewpartner analoge Geborgenheit, Bandsalat gilt als Herausforderung. Der CD, das ist Konsens, fehlt jegliche Wärme. Verlustängste steigern dieses Empfinden nur noch. Das denkt auch der Nachwuchs. Ein 17-Jähriger spricht vom „Atmosphärenspeicher“, eine 21-Jährige spürt ein Eigenleben. Von Alltagskunst ist die Rede, von Lebensläufen, Heiligtümern und Magie. „Die haben ihr Inneres nach außen gekehrt“, so Overdick, der aus Zeitmangel nur noch selten die Recordtaste drückt.

Ganz anders Kristian Menke. Der Kettenbriefinitiator hat schon wieder neue Symphonien abgeschickt – nicht zuletzt an seine Freundin in spe, natürlich. „und jetzt hebst du die linke faust und rufst laut `lang lebe die mixkassette´“, lautet die Forderung am Ende des Beipackzettels. Das klingt nach mehr als dem Pfeifen im Walde.

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