Promibrüder und Wohlstandskinder

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

9. – 15. September

Kaum berichten freitagsmedien vollmundig, die Medienstadt Hamburg verwaise, da reagiert der noch immer ortsansässige Verlag Gruner+Jahr mit einer zutiefst antizyklischen Firmenpolitik und beordert gleich drei auswärtige Redaktionen (Neon, Nido, P.M.) aus dem Süden an die Alster. Falls das auf den Einfluss kleiner Blogs auf Standortentscheidungen großer Medienkonzerne schließen lässt, fordert dieser hier also mal vollmundig: Verlagert die Produktionsstätten der Bild-Gruppe nicht bloß vollends von Hamburg nach Berlin, sondern in den Krater irgendeines aktiven Tiefseevulkans. Und den gesamten Springer-Konzern am besten gleich mit.

Während ausgelagerte Qualitätsblätter wie Hamburger Abendblatt oder Hörzu davon ja nun unbetroffen blieben, müsste die Zeitungslandschaft nur auf publizistischen Dünnschiss wie das neue Online-Magazin für benzinsüchtige Frauen CAR.A.MIA verzichten. Oder auf die Bild-Rubrik Gewinner & Verlierer, die laut einer Auswertung von 4000 Ausgaben – Überraschung! – Linke oder Grüne praktisch immer zu Losern erklärt, Freiheitlich-Liberale und ähnliche Ellenbogenpopulisten dagegen überwiegend zu Siegern.

Das erinnert ein wenig an die Taktik des staatstragenden NDR, der nach Recherchen des – übrigens als einer der wenigen seines Fachs offensiv Bild-kritischen – Medienjournalisten Stefan Niggemeier das Porträt eines SPD-Politikers aus dem Programm warf, weil die konkurrierende CDU gegen die Ungleichgewichtung protestierte. Das ist peinlich und dumm, aber anders als bei Axel Caesars Dreckschleuder ja doch eher ein Ausrutscher.

Denn die bediente ihr nationalkonservatives Stammtischvolk nach dem Berliner Tatort vom vorvorigen Sonntag mit der Forderung von „Deutschlands härtestem Jugendrichter“, Gewalttäter einfach mal ohne Urteil, Prozess, ach, richterliche Anordnung wegzusperren. Mittelalterliche Justiz für mittelalterliche Werte in einer mittlerweile nur noch albernen Zeitung. Aber immerhin Ausdruck einer Relevanz, an der sich das doch etwas älter als mittelalte Fernsehen da die Woche über erfreuen durfte. Denn über den Dominik-Brunner-Gedenkfall Gegen den Kopf um jugendliche Bahnsteigschläger in Berlin entspann sich eine lebhafte Diskussion auf allen Digital- und Analogkanälen.

So ganz tot ist die Glotze offenbar also noch nicht. Das belegen nicht zuletzt knapp sieben Millionen Zuschauer von Die 2 gegen alle, von denen trotz der gebrauchten Moderatoren Günther Jauch und Thomas Gottschalk eine stattliche Zahl unter 59 gewesen sein sollen. Gut, die Quizshow hatte nicht viel mehr zu bieten als zwei prominente Namen an der Bühnenkante, aber immerhin: wenn das ZDF schon vornehmlich für Senioren sendet, holt RTL noch die ganze Familie vor den Flatscreen und macht sich somit, nun ja: wenigstens ein bisschen bedeutungsvoll. Fast so sehr, wie es Big Brother mal war, aber deutlich mehr, als es die aktuelle Promi-Ausgabe bei Sat1 je sein wird.

Topstars von Hasselhoff über Semmelrogge und Elvers bis hin zum üblichen Casting-Auswurf verbringen unter witzloser Anleitung der Cholerapest Pocher aus Marzahn (und durchsetzt von Werbespots für die Generation 70+) stolze 14 Tage wie gewohnt unter Kameraüberwachung, belegen aber schon am Ende des ersten neuerlich das Ende von Sat1 als seriösen TV-Kanal.

Die Neuwoche

15. – 22. September

Und stärken so seinen Ruf als Spezialist ulkiger Romanzen mit Titeln wie Robin Hood und ich. Die muss sich allerdings mit dem Besten messen, was das serielle Fernsehen hierzulande seit langem (nein – Im Angesicht des Verbrechens war mangels beweglicher Charaktere gar nicht sooo toll) hervorgebracht hat: Weissensee. Dienstag geht das Romeo&Julia-DDR-Dallas in die 2. Staffel und ist abermals glänzend.

RTL setzt dagegen mit Krimiaction à la The Following auf die gewohnten US-Bullen auf der Jagd nach irgendwas mit blablabla. Und versucht sich vor dem, was die kommende Woche zum Ende hin natürlich unschlagbar dominiert, in seiner eigenen Interpretation politischer Wahrnehmbarkeit. Denn am Abend vor der Wahl will Stern-TV-Moderator Steffen Hallaschka wissen: Wie tickt Deutschland. Dafür tut er, wofür das ZDF mit Auf der Flucht zu Recht aufs Mett bekommen hat: weiße Wohlstandskinder (vulgo Hallaschka) testweise auf Wohlstandsverlierer (z.B. Bettler) zu schminken, um so die Wirklichkeit zu simulieren, statt sich ernstlich mit ihr auseinanderzusetzen.

Aber immerhin beschäftigt sich der Sender so mal kurz über die lästigen Nachrichten hinaus mit der Bundestagswahl, zeigt dann, wenn die relevanten Sender das politische Megaereignis aufarbeiten, allerdings doch lieber den Agentenklamauk Johnny English. Sat1 dagegen schaltet schon vor der ersten Hochrechnung auf dumm und bringt das Fake-Format Die strengsten Eltern der Welt oder später (wie schon beim Kanzler-Duell) Navy CIS. Da wäre es dem Anlass angemessener, sich im aktuellen SZ-Magazin das Interview in Bildern mit Peer Steinbrücks Fuck-Finger oder besser: Das Pendant mit Angela Merkel im endlich mal geistreichen Tweet https://twitter.com/hwacookie/status/378427859221487616/photo/1 anzusehen.

Also zurück zum Anspruchsdenken, hin zu Arte. Dort gibt es Mittwochabend das volle Programm niveauvoller Unterhaltung, erst mit Fatih Akins Soul Kitchen um 20.15 Uhr, danach mit der famosen Doku Beat Generation über die Entstehung der Jugendkultur in den 50ern, um Viertel vor elf schließlich mit dem Auftakt der vierteiligen Terrorsatire Four Lions. Dass da nicht viele zusehen werden, dürfte aber weniger an der konsequenten Arte-Verweigerung großer Teile der TV-Bevölkerung liegen, als an Dortmunds Debüt in der Champions League 2013/14 im ZDF gegen wen auch immer.

Dicht gefolgt von viel zweitklassigem Europafußball am Donnerstag beim ausgewiesenen Sportsender Kabel1, der sich mit Berliner Runden im Ersten und Zweiten auseinandersetzen darf. Der Staatsauftrag schafft es also sogar, die üblichen Shows und Schnulzen zu dieser Zeit aus dem Programm zu drängen. Was ein bisschen Demokratie so alles bewirkt… Am Samstag etwa ein bisschen Wahlvorbereitung auf dem Plastikkanal Pro7, allerdings mit viel Stefan Raab, dem einzig wahren King of Kotelett kitakompatibler Politikvermittlung. Bleibt noch der Tipp der Woche: In Deutschland um die Welt, eine kleine Reise durch Deutschlands neue Ethnien, die dienstags um 22.45 Uhr auf EinsPlus zwar inhaltlich schwer einzuschätzen bleibt, mit Pierre M. Krause aber die ungewöhnlichste aller Knallchargen im Bild hat.

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