Marco Schreyl, RTL-Alleswegmoderierer

Hübsche Nacktschnecke

Das TV-Gewächs Marco Schreyl ist der Prototyp harmlosen, aber erfolgreichen Kommerzfernsehens schlechthin. Lausbubencharmant und kantenfrei moderiert der 39-Jährige alles grinsend weg, was ihm RTL vor die hübsche Nase setzt. Und weil das so generationenübergreifend ankommt, darf er jetzt sogar öffentlich-rechtlich einen Preis verleihen: die grenzenlos irrelevante Goldene Henne von Superillu und MDR (25. September, auch im RBB).

Von Jan Freitag

Das deutsche Fernsehen ist von einer tiefen Bitternis erfüllt. Allerorten geht sie um, die Frage, wie bitter es denn sei. Wie bitter, die Meisterschaft in drei Minuten vergeigt zu haben oder wegen eines Eigentors abzusteigen. Wie bitter genau, Zero Points aus France zu kriegen, aber zwölf Punkte aus Flensburg. Das Interview als Handwerksstück reduziert sich am Bildschirm zusehends auf diesen Fragetypus; man könnte ihn zu verifizierende Attributivannahme nennen, eine Art Skalierungsgesuch im Single-Choice-Dialog. Sein Großmeister heißt Marco Schreyl.

Als Moderator von Deutschland sucht den Superstar hat er die Wie-Frage perfektioniert. „Wie wichtig ist dir das“, drang er in den späteren Gewinner Mark, nachdem der gerade Pathossatt beteuert hatte, für seinen Voten Vater zu singen. „Wie sehr lieben Sie Ihre Tochter“, presste er aus Lisas Vater heraus, als die ihre Elternliebe beschwor. „Wie schön war dieses Lied für dich“, begann sein Verhör mit Martins Schwester nach dessen Beteuerung, sie sei ihm das Wichtigste. In Schreyls Welt spielen Antworten keine Rolle. Er gibt sie allesamt vor.

Und warum sollte es auch mehr sein. Marco Schreyl ist jene Fassade, die das Fernsehen, zumal privat verantwortet, sucht. Deshalb hat ihn RTL vor zwei Jahren dem ZDF abgekauft und zum Sendergesicht ausgebaut. Vom Altenheim ins Irrenhaus, kommentierte Harald Schmidt den Wechsel. Fünf Jahre lang hatte das „Moderatorentalent“, wie ihn der Tagesspiegel mal nannte, zuvor das Nachmittagsmagazin hallo deutschland präsentiert, recht gehaltvollen Boulevard also. Marco Schreyl sagt lieber: „Journalistischen Boulevard. Er meint es verteidigend.

Schreyl hat also seine Selbstachtung nicht in Mainz vergessen, jenes Berufsethos, das sich der Erfurter 1997, gerade mal 23, in der MDR-Nachrichtenredaktion erarbeiten musste. Es machte ihn zu einem Hoffnungsträger und war für sein Portfolio im Zweiten mitverantwortlich: Boulevard, Boxen, Der Große Preis, Königshochzeit – wenig, das man dem ausgebildeten Sportkommentator nicht zutraute. Man nennt so was Allzweckwaffe, eine attraktive zudem, die das Publikum 2002 zum „Schönsten Moderator Deutschlands“ kürte.

Vielleicht war das ein Titel zu viel. RTL jedenfalls griff zu und machte aus Schreyl die hübsche Rampensau von heute, eine telegene Frontfigur ohne den Ballast kritischer Wissbegier, kreuzbraver Ausdruck leichter Abendunterhaltung. Ihr Credo heißt Nettigkeit. „Ich halte vom ständigen Runtergemache herzlich wenig“, erklärt er und klingt dabei so arglos wie einer, der lieber Tabu spielt als Monopoly. Seine Aufgabe sei es, „nett, verbindlich und als Gastgeber vor allem charmant zu sein“. Kein Wunder, dass er sich bei Alfredissimo zu deutscher Hausmannskost bekannte. Kein Wunder auch, dass er gern für PR-Events von BMW bis Gerolsteiner gebucht wird.

Denn Schreyl lächelt immer, redet flüssig und sagt nie was Zweckfremdes. „Vielleicht haben sie jetzt eine Vorstellung davon“, leitete der Nachfolger des Skisprungexperten Jauch beim früheren Skisprungsender RTL von einem Gespräch über Skisprungbrillen zur Finanzierung teurer Skisprungübertragungen über, „und vielleicht haben Sie ja eine Vorstellung davon, wie viele von diesen Maskottchen in unserem Nissan versteckt sind“. Kommerz verdängt Kompetenz. Welches Weblog, welches Forum man auch liest, kaum jemand lässt ein gutes Haar an Schreyl. „RTL-Foltermeister“ heißt es da, öde, unvorbereitet, langweilig. Nur selten wird er als einer der Besten seiner Zunft geadelt. Außer von Mukoviszidose e.V. Da ist Schreyl Botschafter. Ob er beim Studium der Sprechwissenschaften gelernt habe, „wie man viel und lange sinnloses Zeug redet“, fragt dagegen das Medienportal loovt.de.

Die Antwort lautet: Nein, so funktioniert Fernsehen in der Primetime. Die Show der Merkwürdigkeiten etwa sahen mal 21 Prozent der 14- bis 49-Jährigen. Sie geben sich samt der Anspruchslosen anderer Semester offenbar zufrieden mit den Stichwortgebern unterfordernden Massenentertainments. Wie Marco Schreyl. Ob Superstar-, Verbraucher- oder Sportshow – der 39-Jährige erinnert in seiner Harmlosigkeit an die gemeine Nacktschnecke: ein reines Futtertier unkomplizierter Konsumenten, im Auftreten leicht schleimig, aber unschädlich. Und dreht man sich nur kurz mal um, ist auch schon alles voll von ihnen.

Schließlich hält sich jeder Privatsender seine Aushängeschilder: Daniela Katzenberger ist Vox und Vox ist Daniela Katzenberger. Sat1 hat Oliver Pocher assimiliert, Sky Harald Schmidt und Pro7 gleich ein ganzes Team (Raab, Kraus, Joko und Klaas) während sich Schreyl diesen Rang bei RTL mit Oliver Geissen und Günther Jauch teilt. Sie alle stehen für Spaß ohne Risiko und Nebenwirkungen. Marco Schreyl nennt es „journalistische Unterhaltung“ und beziffert deren Verbreitung auf „fast die Hälfte im deutschen Fernsehen“. Was bitter wäre. Wie bitter, müsste man ihn fragen lassen. Also wie bitter genau. In Bittermaßen bitte, ein Bit vielleicht. Marco Schreyl will es genau so. Er könnte es besser.

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