Reise: Art Nouveau Bienale, Brüssel

Im Meer der Moderne

Jugendstil Brüssel Olivier Berkman vor seinem Haus

Olivier Berman vor seinem Jugendstilhaus. Foto: freitagsmedien

In Brüssel steht der schönste Jugendstil Wand an Wand mit den hässlichsten Bausünden. Dieser Kontrast hat zwar seinen Reiz, am schönsten ist die Stadt aber doch, wo die Zeit vor 100 Jahren stehen geblieben scheint. Zum Beispiel bei Olivier Berman

Von Jan Freitag

Eigentlich liegt Brüssel ziemlich weit abseits aller Küsten, doch Olivier Berman spürt trotzdem Seeluft in der Nase. „Das da drüben ist ja mein Meer“, sagt er auf seiner bezaubernden Dachterrasse und lacht, denn positiv betrachtet sei die betongraue Scheußlichkeit gegenüber kein Plattenbau, „es ist mein Atlantik“. Und sein eigenes Haus demnach kein gewöhnliches Domizil, sondern ein gediegenes Eiland im Meer architektonischer Einfalt. Wieder dieses Lachen: „So ist eben das Inselleben.“

Geht’s um ihre Metropole, werden viele Brüsseler so kritisch anspruchsvoll wie genügsam, und nichts brächte das besser zum Ausdruck als Monsieur Bermans traumhaftes Jugendstilhaus. Seit er in dem besonders schönen dieser an schönen Gebäuden so reichen Stadt wohnt, umgeben von den hässlichsten dieser an hässlichen Gebäuden kaum ärmeren Stadt, ist der distinguierte Kunsthistoriker Mitte 50 zum eleganten Zyniker mit Realitätssinn geworden. Wer hier lebt, lernt mit Widersprüchen umzugehen. Ach, er genießt sie förmlich, jene Schönheit des Durcheinanders, die Außenstehende alle zwei Jahre unmittelbar erleben dürfen.

Dann nämlich öffnen rund 100 der privaten Prachtstücke konventionslosen Bauens ihre Pforten zu Art Nouveau Bienale und keiner öffnet sie häufiger als Olivier Berman. Seit 1998 zwängen sich Wildfremde durch sein schmales Haus, um hautnah zu spüren, wie viel mehr als EU in seiner Stadt steckt. Brüssel gilt als Kapitale einer Ära, die bis vor 100 Jahren Spuren von aberwitziger Anmut setzte, sie ist aber auch das Zentrum des anarchistischen Scheißegals, in dem jeder baut, wie es ihm gerade passt, schon allein, weil es für deutsche Bürokratiemonstren  wie Flächennutzungsplan keine belgische Entsprechung gibt. Deshalb zwängt sich manch unfassliche Villa des genialen Jugendstilerfinders Victor Horta zwischen öden Nachkriegsklinker, nüchterne Art Deco und futuristische Glasstahlorgien. Das Stadtbild ist zerklüftet wie ein Felsenriff.

Von daher mag Olivier Bermans Meeresvergleich böse klingen; weit hergeholt ist er nicht. „Die Architektur hier erinnert an unsere Küste“, der sanft ergraute Mann setzt sich neben ein Grammophon und lächelt versonnen: „Wo der Jugendstil entstanden ist, sind nun die schlimmsten 60 Kilometer der Nordsee.“ Ob ihm, der die Perle des Horta-Schülers Gustave Strauven von 1919 aus „Mitleid um dessen Zustand“ einst gekauft und saniert hat, da nicht das Herz blute? Bermans Achseln zucken: „Städte sind nie statisch, sie leben.“ Es nütze also wenig, die Ignoranz zu beklagen, mit der Brüssel sein steinernes Gedächtnis betoniert. Lieber solle man sich auf die Suche begeben. Keine Sorge, sanft streichelt der elegante Berkman die Applikationen seiner eisernen Balkongitter: „Sie werden fündig.“

Gut 10.000 Gebäude sind jugendstilgeprägt. In der Rue Vanderschrick, dem kompaktesten Ensemble, stehen gleich 25 Tür an Tür. Ausgerechnet – denn während Viertel wie dieses hierzulande längst nachhaltig gentrifiziert wären, lassen die multikulturellen Namen an den kupfergrünen Klingeln erahnen, dass Saint Gilles zu Belgiens ärmsten Quartieren zählt, vergleichbar vielleicht Duisburg Marxolohe. Genau das aber ist für die Substanz ein Segen: als die Stadt in den 60ern der Modernisierungswahn befiel, fehlte den zugewanderten Bewohnern der Jugendstilquartiere schlicht das Geld zum Abriss; nun leben sie in Bauten, deren touristischen Wert die Stadt erst langsam entdeckt, wie zur Bienale.

Zu Tausenden werden auch diesen Herbst wieder Fans aus aller Welt jene lichtdurchfluteten, rundungsverliebten, blumenumrankten Lebensorte bestaunen, die oft in schlechtem Zustand sind, aber von betörendem Liebreiz. Und da ist noch nicht mal von den Königlichen Gewächshäusern die Rede, mit denen sich Leopold II. 1873 ein Jugendstildenkmal bauen ließ. Einmal im Leben, so heißt es, muss jeder Belgier die Kathedrale kolonialer Protzerei, deren Pforten jeden April ganze vier Wochen für den Pöbel öffnen, besuchen. Und jeder Mensch, für den Häuser Organismen statt bloß Gebäude sind, sollte einmal nach Brüssel fahren. Auf der Suche nach Inseln im Meer der Moderne.

Bienale Art Nouveau Art Déco: 5.-27. Oktober 2013

Infos: www.belgien-tourismus.de; http://visitbrussels.be

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