Wohlstandszöglinge und 12 Geschworene

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

15.-22. September

Manchmal muss man auch dann kurz mal inne halten, Demut zeigen, Anteil nehmen, wenn jemand von uns gegangen ist, dessen politische Gesinnung im Kern eine andere war, als die empathiebegabter Menschen links der Rechten: Marcel Reich-Ranicki ist tot. Mit 93 rein biologisch nicht wirklich zu früh, nach einem schmerzensreichen, lebenssatten Dasein, das für drei Existenzen gereicht hätte. Dennoch nicht spät genug, weil dieser bis zur Selbstgerechtigkeit intellektuelle Scharfrichter des geschriebenen Wortes der Leitkultur zwanghafter Differenz ebenso viel Feuer unterm Hintern gemacht hat wie seinerzeit ein paar wenige Wesenverwandte, denen er als gläubiger Mensch nun womöglich in irgendeiner Art Jenseits begegnen wird: Herbert Wehner, Franz-Josef Strauß, oft nervige, aber stets aufrüttelnde Sperrwesen des Stromliniendiskurses.

Da kann man vor Trauer glatt mal die zwei anderen Top-Nachrichten der vergangenen Woche vergessen: David Hasselhoff ist angeblich wegen zu hoher Gagenforderung (tatsächlich wohl eher nach vorheriger Absprache wie beim Hollywood-Promi auf dem Wetten, dass…?-Sofa) aus dem Luxus-Container von Promi Big Brother ausgezogen. Und was war noch die zweite… Moment… Ah ja: Die Grünen haben die Bundestagswahl gewonnen. Hip Hip Hurra! Mit 26,9 Prozent der Stimmen, gut zehn mehr als die SPD, gar dreimal so viel wie die Union und dem Vierfachen dieser angeblichen „Partei“ mit dem Zweitstimmenbettelkurs. Für Naturfreunde bleibt allerdings zu ergänzen, dass dies leider nur das Ergebnis gewesen wäre, wenn ausschließlich Politikjournalisten hätten wählen dürfen. Zum demokratischen Glück durften aber auch Bild-Leser und andere regierungsfreundlich Infiltrierte hiesiger Meinungsmedien wählen, die sich lieber von just in time lancieren Pädophiliedebatten und Gefälligkeitsinterviews mit Konservativen als Inhalten überzeugen ließen.

So wurde das Ergebnis am Ende doch noch an den Urnen erzielt, statt in Redaktionen, die sich für deren Ersatzbehälter halten. Da das Ergebnis trotz des erfrischend abrupten Endes besagter FDP als Partei von Belang am Ende aber doch weniger spannend war als die langen Gesichter neoliberaler Wohlstandszöglinge auf der freiheitlich liberalen Wahlparty, die alle relevanten Kanäle (minus Sat1) unablässig zeigten, kommen wir also zur dritten, im Grunde gar einzig wahren Spitzen-News der vorigen Woche: Im Berliner Tatort ermitteln ab 2015 zwei neue Kommissare. „Unsere Hauptdarsteller Boris Aljinovic und Dominic Raacke sollen nicht als Berliner Polizeibeamte in Rente gehen“, ließ der RBB verlauten und schob eilends hinterher, das habe man „nach dem jüngsten Dreh mit ihnen besprochen und verabredet“. Wie gerne man das doch glauben würde, statt nach dem Kommunikationsdebakel des Personalwechsels im Saarland doch wieder nur Streit um Geld, Quote und Kleingeist zu unterstellen.

Drei Superstichworte übrigens für das, was Donnerstagabend geschah: Da brachten ARD und ZDF zum Warm-up eines Wahlkampfes, den die Medien lange selbst als langweilig beschrieen hatten, eine gemeinsame Runde mit dem politischen Führungspersonal der Republik zusammen, was sogar ziemlich spannend und erkenntnisreich war, und was geschieht: Irgendeine Krimiimportsause auf Sat1 hat fast so viel Publikum wie beide zusammen.

Die Neuwoche

23.-29. September

Es war übrigens eine Wiederholung, mit der dieser ehemals bedeutsame Fernsehsender in der Publikumsgunst vorne lag. Weshalb wir da mal im Trend bleiben und zum Wochenstart genau dazu raten, wenngleich einer derjenigen mit absolut erstklassiger Erstausstrahlung vorab, auch wenn sie gut fünf Jahrzehnte zurückliegt. Heute nämlich zeigt Arte Die zwölf Geschworenen mit Henry Fonda, definitiv einer der besten Filme aller Zeiten. Und weil im Repititven oft eine geheimnisvolle Kraft wohnt, seien hier noch zwei weitere Altfälle zur Neubesichtigung empfohlen: Dobermann (Dienstag, 0.10 Uhr, Tele 5) mit Vincent Cassel, ein französisches Gangstermovie, das Ende der Neunziger in einer Reihe extrem gediegener Gewaltorgien von Natural Born Killers bis Pulp Fiction stand und beiden in wenig nachsteht. Und am gleichen Abend zur besseren Sendezeit Ghost Dog, ein echter Meilenstein des Coming-of-Age-Kinos mit der blutjungen Scarlett Johannsson und dem 2001 auch noch etwas frischeren Steve Buscimi von 2001 (ZDFkultur, 20.15 Uhr).

Zeitgemäßer, ungesendeter, kaum vergleichbar, aber für den Sendeplatz auf Sat1 durchaus ansehnlich ist dagegen parallel Nichts mehr wie vorher, ein Melodram mit dem famosen Nachwuchstalent Jonas Ney (Homevideo), der dem potenziellen Lynchjustizopfer eines realen Falls falscher Anschuldigungen im Emdener Mordfall Lena ein fiktionales Gesicht gibt, das sich nun wirklich nicht gewaschen hat, sondern überaus natürlich wirkt. Ein Effekt, den er mit einigen der singenden Visagen beim Bundesvision Song Contest am Donnerstag auf Pro7 hat, der zumindest dem Anschein nach echte Musik zur Auswahl stellt, auch wenn der Bundesländerwettbewerb dahinter noch konstruierter ist als die zu erwartende Bombastkulisse.

Oder wahlweise das Finale von Promi Big Brother, wo Freitag auf Sat1 neben The Hoff auch sonst alles fehlt, was das Medium vor der Lächerlichkeit mit Zugkraft bewahrt. Gut, dass es da noch Sender wie Arte gibt, die am Mittwoch mit This Ain’t California Terrain betreten, dass sich längst kein vollprogramatischer Konkurrent mehr (zu)traut: Die Skateboard-Szene der – Achtung! – DDR zu beleuchten, von deren Existenz allein zu wissen ja schon eine grandiose Rechercheleistung ist. Was für ein Fest kreativen Fernsehens!

So wie zu gleicher Zeit um kurz nach zehn auf Pro7, wo die 2. Staffel der American Horror Story startet, dessen Szenario in einer Nervenklinik der 60er an allem reißt, was dort gemeinhin behandelt wird. So wie am Freitag im WDR, das ein bisschen spät, um daraus noch Wahlentscheidungen zu generieren, Annette Zinkants Dokumentation Das waren die Grünen läuft, wenngleich erst um 23.15 Uhr. Weil man auch mal was zur angenehmeren Sendezeit empfehlen muss, die allerdings von ansehnlichem Programm bisweilen recht leergefegt ist, lautet der Tipp des Tages ausnahmsweise mal: DFB-Pokal, Mittwoch live im Ersten, sonst in Echtzeit bei Sky. Da gewinnen im Gegensatz zur Bundestagswahl auch mal die Kleinen.

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