Jörg Hartmann, Fernsehschauspielspätstarter

Ich mag den

Jörg Hartmann ist einer der herausragenden Schauspieler im Land. Umso erstaunlicher, dass der Westfale erst im biblischen Alter von fast 40 fürs Fernsehen entdeckt wurde. Dort hat er es allerdings in kürzester Zeit zum Tatort-Kommissar gebracht – nicht zuletzt wegen seiner grandiosen Rolle als emotional zerrütteter Stasi-Offizier Falk Kupfer in der ARD-Serie Weissensee (dienstags, 20.15 Uhr, ARD).

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hartmann, kann es sein, dass die Besetzungsliste von Weissensee nicht ganz korrekt ist?

Jörg Hartmann: Huch, inwiefern?

Sie stehen an sechster Stelle, sind aber eigentlich der Hauptdarsteller.

Ach du Scheiße, ich stehe hinter den zwei Liebespaaren? Da muss jetzt erstmal mein Ego mit klarkommen… (lacht). Nee ernsthaft, es gibt nicht die eine Hauptfigur, aber als ständig treibende statt bloß getriebene Kraft ist Falk Kupfer schon eine Triebfeder der Geschichte. Andererseits docken Zuschauer emotional gern positiv an einer bestimmten Figur an; bei meiner dürften das eher wenige tun.

Dafür sorgt sie für den Thrill der Tyrannei.

Und ist somit natürlich alles andere als ein Sympathieträger. Zumal er trotz aller Konflikte und Ängste stets das System verkörpert. Der wird sich nie wirklich ändern.

Aber wünscht man sich als Schauspieler nicht genau das – eine Figur, die sich wandelt?

Wie bei Ulrich Mühe, der im Leben der anderen vom Saulus zum Paulus reift? Grundsätzlich schon, aber es geht hier ja nicht um meine Wünsche, sondern eine Geschichte, deren Figuren im Rahmen des Drehbuchs realistisch ausgefüllt werden müssen. In dem Rahmen kann ich zum Beispiel die Sehnsucht nach Anerkennung des Vaters stärker gewichten als pure Systemtreue. Aber Falk sieht sich trotz seiner bürgerlichen Privilegien ja als Gralshüter der sozialistischen Lehre. Er ist ein absoluter Idealist.

Nicht eher ein Opportunist?

Nein, ein Überzeugungstäter auf einem harten, steinigen Weg, der viele andere um ihn herum langsam aufweichen lässt. Er fordert jedoch von allen viel ein, doch von niemandem mehr als von sich selbst.

Müssen Sie dieses Verständnis für negative Charaktere aufbringen, um sie glaubhaft spielen zu können?

Unbedingt. Ein reines Arschloch zu spielen macht weit weniger Spaß. Und Falk ist für mich gar keins, weil ich ihn Stück für Stück begriffen habe. Ich mag den. Ohne ihn zu entschuldigen – das ist doch ne arme Sau, so verklemmt, verkrampft und kalt wie er ist.

Wie haben Sie sich auf ihn vorbereitet – im Gespräch mit alten Stasi-Offizieren?

Ach, an die kommt man doch gar nicht ran. Dafür hab ich Doktorarbeiten über Verhörtaktiken von denen gelesen, aber auch Opferbücher wie Vernehmungsprotokolle von Jürgen Fuchs. Außerdem habe ich viel in der Birthler-Behörde recherchiert, Videoaufnahmen studiert und natürlich Filme gesehen, vor allem Dokus.

Klingt nach einem fast wissenschaftlichen Ansatz?

Bei der historischen Verantwortung dieser Rolle ist das auch nötig. Dennoch bleibt es eine Fiktion, auch wenn es von vielen womöglich für bare Münze genommen wird. Gerade, wenn es – was ich schwer hoffe – mal in Schulen gezeigt wird. Ich bin aber auch sonst ein eifriger Bastler meiner Rollen.

Heißt Bastler Perfektionist?

Hier schon. Schließlich ist es ein großes Geschenk, als Ruhrpottler so in die DDR eintauchen zu dürfen. Als Orts- und Zeitfremder habe ich eine richtige Gier nach Wissen entwickelt.

Zumal andere Filme über diese Epoche wie Christian Schwochows Tellkamp-Verfilmung Der Turm vor allem mit Eingeborenen arbeiten.

Das stimmt, sollte man aber auch nicht überbewerten. Ich habe in Friedemann Fromms „Die Wölfe“ schon mal einen Stasi-Offizier gespielt, daran hat er sich offenbar erinnert. Was ich allerdings mehr überwinden musste als den fehlenden Ost-Faktor war der fehlende Promi-Faktor. Damals kannte mich ja eigentlich kaum jemand.

Das hat sich nun grundlegend geändert.

Nach Weissensee ging’s in der Tat los. Auch wenn ich zuvor schon der Dienststellenleiter bei Bella Block war, war das mein Sprungbrett.

Ein ziemlich spätes, mit über 40.

Stimmt. Aber ich wollte auch in meiner Zeit am Theater immer drehen, da war Weissensee ein Türöffner – und ein Glücksfall. Ich hatte mein Engagement an der Berliner Schaubühne gerade gekündigt, als dieses Angebot reinkam und meinen Sprung ins kalte Wasser abgefedert hat. Der hätte auch ganz anders ausgehen können. Aber gleich danach kamen tolle Filme wie Das Ende einer Nacht, wo ich den Angeklagten gespielt habe.

Noch so eine sperrige Rolle oder?

Jetzt, wo Sie’s sagen. Da müssen demnächst mal andere Farben rein, das ist mein nächster Schritt, denn in unserer Branche wird einem das, was mal funktioniert hat, gern ständig angeboten. Da muss man höllisch aufpassen.

Und besser keinen Tatort-Kommissar spielen…

(lacht) Ja, besser nicht. Aber ich habe ja auch schon Komödie gemacht.

Mutter muss weg mit Bastian Pastewka.

Das war ein großer Traum von mir. Denn eigentlich entspricht das Komödiantische viel mehr meinem Naturell als diese tristen Falk Kupfers und Peter Fabers, ob Sie’s glauben oder nicht.

Weil Sie schon in der Schule ein Klassenclown waren?

Nicht nur da. In mir ruht ein echter Kasper. Andererseits ist es doch ein Segen, dass ich schon früh in meiner Filmkarriere so viele Figuren spielen darf, die das Publikum nicht sanft umarmen; das sind am Ende ja die spannenderen. Trotzdem wäre langsam mal ein Typ dran, der völlig normal ist.

Das ist die Königsdisziplin.

Königsdisziplin ist Stand-up, das hab ich mal mit Kurt Krömer in Berlin gemacht, reine Anarchie und ein Riesenspaß, einfach mal vom Leder ziehen, was man sonst ja nicht darf. Mir ist wichtig, alles spielen zu können und alles spielen zu dürfen.

Dafür müssen Sie bloß irgendwann mal mit Weissensee aufhören. Ist die 3. Staffel schon in Arbeit?

Nee, aber es wird bereits an ihr geschrieben. Jetzt warten wir mal die 2. Staffel ab, aber wenn die 3. in der Wendezeit spielt, könnte ich mir sogar noch eine 4. vorstellen, die 1992 oder so spielt. Ich bin da offen für alles.

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