Schwule im Fernsehen: langsam Mainstream

Queer as TV

Trotz hartnäckiger Klischees und Bully Herbig kommen Schwule langsam an im Stromliniefernsehen. Davon zeugte vor zwei Jahren nicht zuletzt der Tatort: Mord in der ersten Liga (Dienstag, 22 Uhr, NDR). Trotzdem zeigt nicht nur die Ausblendung lesbischer Lebensentwürfe, dass es bis zur queeren Gleichberechtigung am Bildschirm noch ein Stück hin sein dürfte.

Von Jan Freitag

Etwas Nettes übers Fernsehen zu sagen, ist nicht sonderlich en vogue. Ihm gar Lernfähigkeit, Randgruppenaffinität oder Weitsicht zu unterstellen, sorgt für feuilletonistisches Kopfschütteln. Schwer angesagt ist TV-Bashing, Knüppel aus dem Sack, rauf aufs Leitmedium. Schließlich gilt es (nicht ganz zu unrecht) als massenhaft, quotenfixiert, stromlinienförmig, dazu ziemlich gestrig und bisweilen sehr, sehr dumm. Da sollte man mal ein freundliches Wort übers digitale Lagerfeuer verlieren. Denn das Fernsehen, es emanzipiert sich – langsam natürlich, eher unterschwellig, aber deutlich fühlbar – zumindest von einer Altlast: seiner Homophobie.

Genau 40 Jahre, nachdem sich der Bayerische Rundfunk Rosa von Praunheims Milieustudie Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt oaus dem Gemeinschaftsprogramm der ARD geschaltet hat und weitere vier Jahre – schockgefrostet über Jürgen Prochnows Männerkuss – auch aus Wolfgang Petersens Film Die Konsequenz, findet auch im CSU-Land längst das ganze Spektrum homosexueller Lebensformen am Bildschirm statt. Und zwar so sehr, dass die Subkultur in Film, Serie und Werbung zunehmend als Teil der Hochkultur erscheint. Mehr noch – am Flatscreen dürfen sie sogar ziemlich gewöhnliche Leute sein, mit normalen Bedürfnissen, Gewohnheiten, Macken. Und normal heißt hier nicht wie soziokulturell bisher üblich, besser als andersartig, sondern der Normierung durch lang anhaltende Praxis entsprechend. Die durchaus bemerkenswerte Sat.1-Komödie All you need is love mit dem sagenhaft dämlichen Untertitel Meine Schwiegermutter ist ein Mann etwa handelt von gleichgeschlechtlichem Heiraten in der heteronormativen Provinz und Homosexualität, das zeigt sich dort zwischen ein paar unvermeidlichen Klischees, dient nicht mehr nur zur Konterkarierung heterosexueller Normalität, sondern eher umgekehrt der Offenlegung bürgerlicher Intoleranz.

Und das war vor gar nicht allzu langer Zeit noch fast undenkbar auf einem Kommerzkanal wie diesem. Fast ein Vierteljahrhundert nach dem berühmten Zungenkuss zweier Männer in der Lindenstraße des linksliberalen Fernsehweltverbesserers Hans W. Geissendörfer aus dem stockkonservativen Augsburg nämlich, war das Bild der anderen sexuellen Identität, die nur allzu gern als sexuelle Orientierung diffamiert wird, eine zutiefst verklemmte. Noch vor vier Jahren belegte der immense Erfolg von „Bully“ Herbigs Schwulenwitzen in Spielfilmlänge, dass sich zum Lachen der Typus Tunte offenbar am besten eignet. Und debile Sitcoms à la Bewegte Männer sorgten ebenso wie der ProSieben-Ulk Andersrum mit Heinz Hönig und Rolf Zacher als überdrehtes Tuckenpaar besonders für dreierlei: Fremdscham, Spott und Hohngelächter. Ob vom Band im Studio oder aus chauvinistischen Mackerkehlen daheim. Schwule taugten eben vor allem fürs Amüsement heterosexueller Abwehrreflexe. Den Betroffenen dürfte das Lachen noch heute im Halse stecken.

Doch die erbärmlichsten Zeiten scheinen langsam passé. In Telenovelas, Seifenopern, Alltagsromanzen und Filmen mit Anspruch kommen Homosexuelle längst besser weg als früher. Falls überhaupt, denn in immer mehr Formaten wird ihr Liebesleben nur am Rande thematisiert, während der explizite Outing-Streifen, die Travestie-Show, das Szene-Porträt dem (leider gescheiterten) Klientelkanal TIMM vorbehalten bleibt oder Hochglanzserien wie The L-Word und Queer as Folk. Wie mainstreamtauglich schwul im Fernsehen mittlerweile ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass im Tatort: Mord in der ersten Liga vor zwei Jahren sogar ein Profifußballer aus Hannover queer sein durfte (dafür allerdings sterben musste). Im Breiten-TV nähern sich Männer, die Männer lieben, also dem höchsten aller emanzipatorischen Ziele: Unsichtbarkeit, ohne sich verstecken zu müssen.

Davon ist die artverwandte, doppelt diskriminierte weibliche Seite noch ein Stück entfernt. Lesben kommen im Fernsehen kaum vor. Im Gegenteil: eine offensiv geoutete Darstellerin wie Ulrike Folkerts wartet auch nach fast 25 Jahren Tatort auf so etwas wie ein aktives Liebesleben und wenn sie andernorts doch mal eins haben darf, wird sie schwanger wie einst in der pappflachen Sat.1-Komödie Liebe in anderen Umständen. Und so bleibt die wundervolle Rosalie aus der ARD-Serie Berlin, Berlin doch eine Ausnahme: Gebildet, freundlich, attraktiv, ökonomisch prekär, emotional suchend, eine Mittzwanzigerin eben wie aus der Kreuzbergfibel. Keine betont männliche „Butch“ der Marke Walter aus dem RTL-Frauenknast, wie sie bis dato – wenn überhaupt – in Film und Fernsehen zu sehen war; keine betont weibliche „Femme“, wie sie die Medien – wenn überhaupt – pflegen. Weder hässlich und schroff noch bildschön und erfolgreich also. Für soviel Emanzipation ist das Fernsehen offenbar doch noch nicht reif.

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