Report: Comic-Festival Hamburg 2013

Neue Deutsche Novelle

Seit 2006 gibt es das Comic Festival Hamburg. Die 8. Ausgabe zeigt aufs Neue, wie die Szene wächst. Und welche Bedeutung die Hansestadt dafür hat

Von Jan Freitag

Die Zeit gezeichneter Kurzgeschichtchen ist vorbei, selbst im popkulturell gern spät zündenden Deutschland. Es lebe die große Erzählung! Dafür reichen schon zwei Schritte abwärts in eine Herzkammer der zugehörigen Szene auf dem Hamburger Kiez. Zu Hunderten, wohl Tausenden stehen sie hier dicht gedrängt in Regalen, liegen fein säuberlich auf Tischen, zieren schicke Aufsteller zwischendrin: Comics. Aber nicht bloß Klassiker von Hergé über Disney bis Uderzo (die natürlich auch); nein – neue Comics, frische Comics, lange Comics, oft epische Comics.

Der gemütliche Laden im Souterrain mag „Strips & Stories“ heißen, doch ersteres findet man hier kaum, dafür umso mehr von letzterem. Nur dass sie nun etwas anders heißen. Graphic Novels nämlich, Romane in Bildform statt Bildgeschichten mit Rahmenhandlung. Fast vier Jahrzehnte nach dem Aufkommen des Begriffs und knappe drei nach Art Spiegelmans epochaler Holocaust-Fabel „Maus“ gelten die betexteten Illustrationen als Heilsbringer einer Subkultur auf dem Weg Richtung Mainstream. Die amerikanische Klammer verhelfe seiner Branche schließlich durchaus zu Popularität, sagt auch Sascha Hommer inmitten der pittoresken Bilderwelt nahe der Reeperbahn. Doch sein gequältes Lächeln deutet ein großes „Aber“ an. Graphic Novel sei ja zunächst mal ein PR-Begriff, der selbst unter den Künstlern dahinter alles andere als unumstritten sei und zudem „über den Stil rein gar nichts“ aussagt.

Was es im Riesenreich der Bandes Dessinées, wie Comics im frankophonen Kerngebiet heißen, darüber hinaus noch zu entdecken gibt, in welchem Ausmaß auch hiesige Werke gegenüber der französischen bis belgischen Elite langsam aufholen, wohin die gezeichnete Reise derzeit geht – all dies will der versierte Comiczeichner deshalb ab diesem Wochenende abermals unters Publikum bringen. Vor sieben Jahren hat der Schwarzwälder in seiner Wahlheimat mit dem Kunstkollegen Heiner Fischer das „Comic Festival Hamburg“ gegründet, eine Plattform von Künstlern für Künstler und ihr stetig wachsendes Abnehmerfeld, wie der 34-Jährige mit der modernen Groß(stadt)brille betont. „Bei uns stehen nicht die Verlage im Zentrum wie auf den Großveranstaltungen von Erlangen oder München“, sagt er, sondern unser eigener Geschmack, unsere Leidenschaft“. Und natürlich die Leser.

Denen wird ab kommendem Donnerstag im Großraum St. Pauli der ganze Kosmos globalen Comicschaffens präsentiert. Es gibt Workshops und Ausstellungen, Symposien und Gespräche, Filme, die obligatorische Abschiedsparty und selbstredend viel zu kaufen. Comics sind schließlich auch ein Geschäft. Vor allem aber, beteuert der Verleger, Verfasser und Fan in Personalunion, ist es eine kreative Ausdrucksform, die längst mehr ist, als die Summer ihrer „Panel“ genannten Einzelbilder. Um das zu zeigen, hat sich Sascha Hommers Festival zudem Zeichner von grenzübergreifendem Ruf eingeladen, genauer: Zeichnerinnen. Dass mit Rutu Modan aus Israel, der Französin Peggy Adam und ihrer kanadischen Kollegin Geneviève Castrée drei international angesehene Autorinnen ihre neuesten Werke in Hamburg vorstellen, belegt dabei zweierlei: Die Szene hat sich von den Wurzeln männlicher Zeichner für männliche Nerds gelöst. Und Hamburg kann trotz des anhaltenden Braindrains arrivierter Künstler nach Berlin seinen Ruf als heimliche Hauptstadt des Comics bewahren. Und as liegt auch an Anke Feuchtenberger.

Die Design-Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften gilt seit den 90er Jahren als zentrale Figur der örtlichen Gemeinde. Mit ihrem artifiziellen, zuweilen als spezifisch deutsch bezeichneten Zeichenstil jenseits klarer Figürlichkeit hat die 50-Jährige Ost-Berlinerin vom Berliner Tor aus eine ganze Generation junger Künstler beeinflusst, darunter Sascha Hommer selbst – der allerdings noch einen anderen Grund nennt, warum Hamburg nach wie vor bedeutsam ist für die deutsche Comiclandschaft: Ein „fast calvinistisches Arbeitsethos“ sorge dafür, dass viele seiner Kollegen „wie im Hamsterrad produzieren“, also aufopferungsvoll zeichnen, bis die Finger bluten. „Das kommt dieser aufwändigen Kunstform sehr entgegen.“ Kein Wunder, dass sich auch Hommer selbst und seine zehn Mitstreitenden im Hamsterrad ihres aktuellen Projekts aufopfern. Ehrenamtlich haben sie dem einstigen No-Budget-Festival einen Etat verschafft und verglichen mit den Vorjahren auch deutlich mehr Programm. In Vorbereitung auf die vier Haupttage am kommenden Wochenende gibt es breit gestreute Zusatzveranstaltungen, „Satelliten“ genannt, Anlaufpunkte für Interessierte aller Art, um Comic-Kultur 2013 in all ihren Facetten zu erleben.

Im Mittelpunkt aber stehen dennoch die drei, nun ja: Stars des literarischen Independent, der es zwar längst auf die Kulturseiten von Süddeutsche und Zeit schafft, aber selbst als zugkräftige Graphic Novel noch immer eine Randexistenz im Schatten des geschriebenen Romans führt. Peggy Adam etwa spricht über ihr schwarzweißes Drama Luchadoras, in dem es zu grob verfremdeten Bildern um ganz reale Männergewalt gegen mexikanische Frauen geht. Ruto Modan erklärt ihre schattenlos kolorierte Holocaustaufarbeitung Das Erbe, was ihr etwas leichter fallen dürfte als Geneviève Castrée, deren autobiografische Familienstory mit abstraktem Strich mehr Fragen offen lässt als beantwortet. Es sind Stoffe zwischen harter Historie, soziokulturellem Irrsinn und bildgewaltigem Tagtraum. Eine Mischung, die auch das Festival, ja die Comicszene insgesamt kennzeichnet. Geschichtchen waren gestern.

Programm und Infos: www.comicfestivalhamburg.de

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