Edgar Reitz: Heimatsuche & Regie

Heimat ist ortslos geworden

Nach dem großen Erfolg von Heimat, der durchgefallen Fortsetzung Die Zweite Heimat und dem gefeierten 3. Teil Heimat3 setzt der Filmemacher Edgar Reitz seinen epochalen Fernseh-Zyklus aus dem Hunsrück nun wie immer ohne Stars mit dem Prequel Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht fort. Es ist das rückwärtsgewandte Finale einer mehr als 50-stündigen Erzählung deutscher Geschichte über zweieinhalb Jahrhunderte, die zum Wichtigsten zählt, was der deutsche Film je produziert hat. Aus Anlass des morgigen Kino-Starts bringen die freitagsmedien ein mittwochsgespräch aus dem Jahr 2004 übers Werk, Heimatgefühle und Kindheitserinnerungen des Regisseurs, der am 1. November 82 Jahre alt wird.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Reitz, wo genau ist eigentlich Ihre Heimat?

Edgar Reitz: Ich lebe seit 40 Jahren in München. Mit Unterbrechungen, ich war auch mal in anderen großen Städten zuhause. Aber München ist der Ort, an den ich letztlich immer wieder zurückgekehrt bin. Wichtig ist, wenn man so lange an einem Ort lebt: ich habe dort auch meine wichtigen Freunde und meine Familie. Was mich diese Stadt so heimatlich erscheinen lässt, spüre ich immer, wenn ich durch die Straßen fahre, immer weiß, wo ich bin. Dass ich die Geografie der Stadt inzwischen im Blut habe, das Wiedererkennen der Wege, das erzeugt in mir das Gefühl von Heimat. Es ist sozusagen eine zweite Heimat, denn ich bin ja kein gebürtiger, kein bayerischer Münchener.

Sie stammen aus dem Hunsrück, dem Ort, an dem Ihr Heimat-Zyklus spielt.

Ganz genau.

Heimat ist für sie also wandelbar.

Das muss man heute so sehen; ursprünglich war es ja nicht so. Es gibt aber auch etwas nicht Wandelbares: Die Welt der Kindheit. Wir können als Kinder eben nicht wählen, wo wir aufwachsen, und wir können uns auch nicht die Familie oder das Umfeld aussuchen. Das wird uns durch Geburt serviert. Diese ersten Erfahrungen, die frühen Bilder, die ersten Horizonte sind von einer Intensität, die es später im Leben nie mehr wieder gibt. Das sieht man auch in jeglicher Form künstlerischer Verarbeitung – alle Künstler schöpfen doch aus diesen Quellen, aus den Bildern der Kindheit. Deswegen dreht sich auch alles, was sich in meiner Phantasie, in meinen Erinnerungen, im Bereich der Poesie abspielt, irgendwie immer um den Hunsrück.

Und diese Kindheitsheimat ist schmerzunempfindlicher, was in der Kindheit passiert, kann der Heimat nichts anhaben.

An dem Ort, wo man es ursprünglich erfährt, verliert man sie immer, indem man wächst, größer wird, sich immer weiter in die Welt hinausbewegt. Und wenn man mal dem Sichtfeld der Eltern entwischt ist, dann spielt sie dann irgendwann eine geringere Rolle. Es gibt ja heutzutage immer weniger Menschen, die ein Leben lang am Ort ihrer Kindheit bleiben. Die Menschen bewegen sich so wie ich.

Sind Sie in diesem Sinne dennoch ein klassischer Provinzler?

Also von meiner Herkunft her ja, auf jedem Fall.

Wie viel Provinz steckt denn noch im Begriff Heimat?

Ursprünglich sehr viel, nachträglich gar keine mehr. Weil Provinz früher die Welt der Dörfer war, das Ländliche, gekennzeichnet durch ein riesiges Informationsgefälle gegenüber den Großstädten und vor allem durch einen engeren Erfahrungshorizont. Aber das hat sich sehr gewandelt. Provinz gibt es heute nicht mehr als Ort. Die Menschen auf dem Land sind heutzutage ja längst up to date, in Fragen des Lebensstils ganz vorn, manchmal sogar weiter vorn als in den Großstädten, wo man mittlerweile einen neuen Konservativismus beobachten kann, der auf dem Lande immer weniger zu Hause ist. Zumindest außerhalb Bayerns. Aber Provinz findet sich in den Köpfen wieder. Und da findet sich dieses neue Phänomen wieder: Ebenso wie Heimat ortslos geworden ist, ist auch Provinz ortslos geworden. Die provinziellen Köpfe findet man überall, in den größten Städten und mitten im Publikum.

So gesehen spielt ihr Heimat-Zyklus gar nicht in der Provinz.

Nein, er spielt in der Welt, in der wir leben. Im vollen Bewusstsein aller Strömungen, aller kulturellen Einflüsse und etwa denen des Marktes.

Thomas Brussig, Ihr Co-Autor des dritten Teils der Reihe, hat gesagt, Heimat sei nach Freiheit der meist missbrauchte Begriff. Welcher von beiden wurde nach 1989 mehr missbraucht?

Ich denke das mit der Freiheit ist schlimmer. Denn Freiheit ist fast nicht ideologiefrei zu haben. Freiheit muss definiert werden, während Heimat auch ohne intellektuelle Vorleistung zu haben ist.

Aber Heimat hat es trotzdem schwerer, weil Freiheit einfach erstrebenswerter klingt, oder?

Sicher, der Begriff hat’s schwer. Und trotzdem wissen alle, was damit gemeint ist. Heimat wird erst schwierig, wenn man darüber spricht, während Freiheit schwierig wird, wenn man aufhört darüber zu reden.

Schöner Satz. Jetzt könnte man das Interview eigentlich beenden.

Könnten Sie. Wollen Sie denn schon?

Um Gottes Willen! Ist Heimat3 eine Wendegeschichte oder einfach eine Geschichte nach der Wende?

Die Impulse der Wende spielen eine sehr große Rolle bei Heimat3. Sie brachte so eine Euphorie des Deutschseins mit sich. Man stellte sich plötzlich vor, dass im erweiterten Raum so etwas wie ein neues Glück zu haben sei und dass es nur darauf ankäme, mit entsprechender Initiativkraft und Phantasie die neue Epoche in Angriff zu nehmen und schön wird alles besser als es war. Für die im Osten sowieso, aber für die im Westen auch. Dort haben sich zum Beispiel viele Geschäftsleute das ganz große Geld erhofft. In der Phantasie ist alles mögliche passiert. Es sind Tausende von neuen Lebensentwürfen entstanden.

Die in Heimat3 einfließen.

Die mit einfließen. So habe ich einen großen stofflichen Anschwung gehabt. Denn so viele Lebensentwürfe am Anfang einer so großen Erzählung – da stellt sich die Frage, was daraus werden kann. Und genau das ist die Story geworden.

Hätte es Heimat3 ohne den Fall der Mauer gegeben?

Vielleicht hätte es eine dritte Heimat gegeben, aber ganz bestimmt nicht diese. Denn der Fall der Mauer war für mich der unmittelbare Anstoß, Heimat3 zu planen. Das passierte damals mitten in den Dreharbeiten zu Die zweite Heimat und ich musste mich schon von Berufs wegen fragen: kann man so was erleben, ohne je filmisch darauf zu reagieren? Ich konnte das während der damaligen Dreharbeiten leider noch nicht und hab das damit später nachgeholt.

Werden Ihre Geschichten deshalb so monumental, weil sie als Autor und Regisseur wirklich jeden Impuls der Zeit aufnehmen müssen?

Na ja, was heißt monumental – die Filme sind doch einfach Lebensläufe. Ich mache ja keine dramatische Unterhaltungsgeschichte. Für mich ist es das Interesse am Leben, an den Menschen, und wo soll denn das enden? Solange einer lebt, ist er für mich ein Thema. Und wenn er stirbt, taucht immer jemand anderes aus dem Umfeld auf, der es wert ist, erzählt zu werden. Das Prinzip des unendlichen Erzählens ist für mich ein großes Stimulans. Ich kann überhaupt nicht aufhören damit. Es gibt einfach nichts Schöneres als Geschichtenerzählen, sich immer wieder erneuern zu lassen. Es ist ja nicht so, dass ich von meinen Zuschauer erwarte, in eine Einbahnstraße mit mir zu gehen. Die Auswahl ist riesig. Mittlerweile geht es um über 300 Figuren aus allen sozialen Schichten, aus allen Lebensaltern. Da kann man sich schon was aussuchen.

Könnten Sie nach nunmehr 30 Teilen Heimat überhaupt noch einen abgeschlossenen 90-minütigen Film drehen?

Ach, ich will das nicht ausschließen. Aber man tut immer gut daran, sein Talent zu nutzen. Ich habe nun mal die Fähigkeit, große Geschichten so zu erzählen, dass mir mein Publikum nicht wegläuft. Und wenn ich das nicht mehr nutzen würde, wäre ich schlecht beraten. Es gibt unendlich viele Formen des Kinos und des Films und das ist meine. Jeder nach seinem Talent.

Klingt schwer nach Heimat4.

Ich mache Filme solange ich lebe und kann mir kein Jahr ohne ein Filmprojekt vorstellen. Das ist für mich nicht nur ein Lebensmittel, sondern auch ein Überlebensmittel. Ob das dann wieder Heimat heißt, wird sich zeigen.

Die Charaktere sind aber vermutlich noch nicht durch erzählt.

Es gibt immer wieder neue Anfänge, auch in Heimat3 gibt es wunderbare Anfänge für Geschichten, wenn Sie zum Beispiel den kleinen Millionenerben nehmen, der 1992 geboren wird. Das schreit danach, zu erzählen, was an seinem 18. Geburtstag passiert, wenn er mündig ist und an seine Konten kann.

Und Sie lassen sich aus Altersgründen nicht davon abhalten, dass selbst zu machen.

In künstlerischen Dingen kann man nicht delegieren. Jeder kann nur seinen eigenen Weg finden und meiner kann nur meiner sein. Das ist ja keine Altersfrage, sondern eine Frage der Kondition.

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