Borgia: Geschichte & Bombast

Unterm Sperrholzdom

Der Überraschungserfolg des Fernsehjahres 2011 geht in die 2. Staffel: Neben viel Sex’n’Crime’n’Dramadrama glänzt die europäische Mammutproduktion Borgia seit Montag im ZDF wieder vor allem durch detailverliebte Kulissen. Ein Setbesuch in Prag

Von Jan Freitag

Das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte, es endet an einem furchtbaren Ort. Bücher werden längst gedruckt, da Vinci versachlicht Gottes Werk, Amerika ist entdeckt, die Aufklärung steht vor der Tür – hier aber versinkt alles in infernalischem Gestank. Selbst vornehm beschuhte Füße waten durch Schlamm, Kot und Fäulnis. Der zerlumpte Pöbel ringsum pisst aufs Pflaster, isst bloß Unrat, vergisst alle Regeln. Wer diese Szenerie sieht, wähnt sich ganz real am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance – wären nur die Umstehenden des römischen Marktplatzes nicht so auffällig tätowiert, hingen da keine Scheinwerfer von stählernen Gerüsten, käme der wabernde Dunst vom regennassen Boden im Sonnenschein, statt aus leise tuckernden Nebelmaschinen nebenan.

Geschichtsfernsehen ist seit langem eine globale Schlacht detailversessene Kulissenbastler. Doch in den Prager Barrandov-Studios, wo einst Pan Tau entstand und Amadeus, gerät historische Authentizität quasi zur Leitwährung. Und ihr Schatzmeister heißt: Tom Fontana. „Korrektheit ist neben der Story unser wichtigstes Pfund“, sagt der renommierte TV-Produzent aus New York am Rande des originalgetreuen Nachbaus vom Petersplatz. Dem gewaltigsten Drehort seines wichtigsten Produkts, das ihn längst in den Traum verfolge, selbst unter die Dusche: Borgia.

Vor zwei Jahren lief die 1. Staffel der Biografie des mächtigsten Geschlechts seiner Zeit, das der christlichen Welt vor 500 Jahren einen Stempel aufdrückte wie zuvor nur das der Staufer oder die Medici im benachbarten Florenz danach. Und dieses opulente Familienepos, dramaturgisch Sopranos oder Dallas, ästhetisch eher Petersen und Emmerich, war dabei nicht nur ein zehnstündiges Lehrstück in Sachen seriellen Bombasts, sondern das „absolute Highlight 2011“, wie das ZDF seinen Anteil der 25 Millionen Euro Herstellungskosten verteidigt: ein Quotenhit, verkauft an 85 Länder, erfolgreich bis in die USA, wo zugleich eine ähnliche Version des Oscar-Gewinners Neil Jordan entstand. Dieser Triumph, daran lässt sein Landsmann Fontana keinen Zweifel, liege auch am Drehort.

Denn in Prag sind die Bedingungen ideal, da gibt es reichlich Fachleute mit dem nötigen Know-how für die originalgetreue Nachbildung der Petersplatzes, da warten sorgsam kostümierte Komparsen im Schatten der gewaltigen Sperrholzkonstruktion auf ihren Einsatz. Und weil das Preis-Leistungs-Verhältnis so günstig ist, entsteht lange vor Ausstrahlung der zweiten Staffel bereits die dritte, zu der Hunderte stiller Helfer für schmale 700 Kronen Tagesgage ihr Scherflein Glaubwürdigkeit beitragen.

Wobei es mit der so eine Sache ist. TV-Dramen wie dieses haschen ja vor allem Effekte. Wenn sich Papst-Sohn Cesare Borgia (Mark Ryder) in der Fortsetzung also peu à peu zum Herrscher der Heiligen Stadt intrigiert und dabei unablässig tötet, vögelt, finster dreinblickt, geht es zu unablässig dröhnender Musik vor allem um krachende Bilder. Überliefertes Wissen bis hin zur exakten Form des Käses, den ein gewisser Michelangelo bei den aktuellen Dreharbeiten auf dem falschen Pflaster kauft, mag also durchaus zum guten Ton der Boombranche zählen; wenn sich der Künstler kurz darauf mit einem ebenso berühmten Zeitgenossen prügelt, wird das reale Ereignis den Erfordernissen der Primetime, nun ja: leicht angepasst.

„Leonardo da Vinci hat ihm wirklich mal die Nase gebrochen“, betont Autor Fontana, der allein für dieses Projekt 350 Bücher durchstöbert hat, „aber in Florenz, nicht Rom“. Alles mithin irgendwie verbrieft, sagt der Macher erfolgreicher Serien von Copper über Homicide bis Oz mit schönstem Hollywoodgrinsen, „aber wir müssen die kleinen Goldklumpen historischer Authentizität natürlich ausschmücken“. Es geht um Schauwert. Um Massentauglichkeit. Weltweit. Schließlich hat die neue Staffel fünf Millionen Euro mehr verschlungen als die alte, von der entstehenden ganz zu schweigen – da muss das Ergebnis in möglichst vielen Ländern funktionieren, um sich zu rechnen.

Aber weltweit gute Einschaltquoten für europäische Mehrteiler wie vor elf Jahren Napoleon oder zuletzt Krieg und Frieden zeigen aus Sicht von Produzent Jan Mojto, „dass das Publikum historische Stoffe auch dann will, wenn sie komplex sind.“ Es wolle vor allem die riesigen Ränkespiele, Schlachtfelder, Alphatiere beim Auf- wie Abstieg zusehen, ergänzt Autor Fontana. „Wir leben in Zeiten der Angst, Extreme und Unsicherheiten.“ Da sei es doch beruhigend, anderen dabei zuzusehen, „wie sie das in ihrer Zeit gemeistert haben“.

Tatsächlich aber faszinieren selbst die realistischsten Historienschinken und glaubhaftesten Filmdynastien erst durch eine Hintertür ins Märchenhafte. So wie die gefeierte HBO-Serie Rom füttert auch Borgia“ unsere Lust am Bösen, ohne ihre Konsequenzen wirklich fürchten zu müssen. Ist ja doch bloß Antike, Mittelalter, lange her. Und Rodrigo Borgia gibt vor über 500 Jahren einen JR Ewing ab, der wie in Dallas dann doch zu abgehoben, irreal, zu künstlich wirkt, um wahr zu sein.

Die verstörend spürbare Horrorreihe Saw dagegen, eine unprätentiös frontale Verbrechersaga wie die Sopranos oder das heruntergekommene Baltimore der fantastischen Krimiserie The Wire dagegen finden hierzulande auch deshalb vor allem auf DVD statt, weil dem Durchschnittszuschauer die dunkle Seite der Macht im Lichte der Wirklichkeit gar nicht so lieb ist. So gesehen könnte Borgia nach den europaweiten Quotenrekorden auch in der 2. Staffel durchstarten. Und das, obwohl die Reihe abermals in sechs abendfüllenden Teilstücken läuft statt wie andernorts verteilt auf zehn Abende, und dabei zudem stets am Rande der Überzeichnung balanciert.

Filmevents dieser Bauart funktionieren eben offenbar nur mit einer Monsterwelle an Sex’n’Crime’n’Dramadrama, die nun erneut jede der 600 Minuten flutet, bis Blut, Schweiß, Sperma förmlich vom Flatscreen spritzen. Und zwar so energisch, dass das ZDF 25 Minuten herausschneiden ließ. Aber keine Sorge: der Rest ist saftig genug. Ebenso wichtig wie ein Maximum an – historisch selbstredend belegbarer – Körperlichkeit, wie Tom Fontana beschwört, ist allerdings ein Casting, das allen Zielmärkten ausreichend Rechnung trägt. Der Wire-Star John Doman beliefert als Rodrigo Borgia erneut den amerikanischen, Assumpta Serna als seine mächtige Mätresse den spanischen, Mark Ryder als gemeinsamer Sohn den britischen. Und aus Deutschland: Isolda Dychauk als durchgehend bedeutsame Papst-Tochter Lukrezia oder Victor Schefé, dessen Zeremonienmeister Johann Burckhardt nur scheinbar eine Nebenrolle spielt.

Tatsächlich sorgt seine Figur für die schriftliche Überlieferung der ganzen Epoche und somit für den nötigen Kitt in die Gegenwart. „Ich bin das Gedächtnis der Serie“, sagt der versierte Bühnenmime in Birkenstocksandalen zwischen zwei Drehterminen und freut sich spürbar über seine Relevanz. „Erst im Nachhinein ist ja vieles verfälscht worden.“ Durch Päpste und Puristen, Kaiser, Kirchenfürsten und ein bisschen durch Tom Fontana – den alten neuen Herrscher des Historienevents.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/1415454#/beitrag/video/1970538/Borgia—Folge-1-der-zweiten-Staffel



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