JBK: Superstar & Labermaschine

Die Plaudertaschen

Heute Abend moderiert Johannes B. Kerner nach seinem umstrittenen Wechsel zu Sat1 erstmals seit vier Jahren wieder im ZDF. Mit Die Große Zeitreise-Show entfernt er sich allerdings noch weiter von dem, was er beherrscht wie nur wenige im Land, ja nicht mal Reinhold Beckmann: Talkshow. Eine Ehrenrettung zweier viel gescholtener Sündenböcke der Fernsehverdrossenheit.

Von Jan Freitag

Adjektivierte Nachnamen sind selten nett zu ihrem Träger. Quisling’sche Züge etwa spricht man Menschen zu, die wie der norwegische Politiker, Vorname Vidkun, im 2. Weltkrieg ihr Land verrieten. Bushism ist längst ein verbaler Inbegriff des Bösen. Auch Sadisten meinen es wie der exzessive Marquis selten gut mit ihrer Umwelt. Und dann gibt es die Kernerisierung. Mit ihr, so heißt es, kippt man gefühlsduseligen Medienmüll vom Tiefgang einer Balsaholzplatte auf die Bildschirme. Das Synonym heißt Beckmannismus.

Da ist es mal an der Zeit, etwas grade zu rücken: Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann machen nur ihre Arbeit! Keine intellektuell hochtrabende, keine investigativ grabende, keine allzu nachhaltige, gewiss. Aber ihre Gespräche im öffentlich-rechtlichen Programm funktionieren im Grunde wie handelsübliche Tageszeitungen: Etwas Politik vorn, ein Pflichtteil Ökonomie danach, dazu Kultur, Show, Sport und was fürs Herz. So begrüßt Beckmann alles, was zwischen Pfarrer, Boxer, Minister, Sänger und Hartzer denkbar ist.

Es sind bunte Personensträuße voll individueller Brüche, Exzentrik und Eitelkeit, so boulevardtauglich wie relevant, je nach Perspektive. Solchen Leuten bot auch, sagen wir: die linksliberale Frankfurter Rundschau vor ihrem Untergang Raum, wenngleich mit anderer Gewichtung. Klar, dass auch Johannes B. Kerner die Konversation gern mit der Suche nach Befindlichkeiten eröffnetet. Eine persönliche Frage vorweg, heißt das dann bei ihm, „wie geht’s Ihnen eigentlich?“, während Beckmann forscht, ob es seinem Gegenüber heute besser gehe gestern. Kein Einstieg für Politologen, aber fraglos ein Eisbrecher. Denn was folgt, ist oft sachliches Ertasten von Motiven, Folgen, Emotionen. Persönlich eben.

Und darum geht’s doch in der Aufmerksamkeitsökonomie moderner TV-Unterhaltung, der auch die Tagesschau anheim fällt, wenn sie aus einem afrikanischen Krisengebiet meldet, unter den 50.000 Flüchtlingen seien viele Kinder. Wie überraschend… Vor dem Weihnachtsurlaub jedenfalls rechnete bei Beckmann erst Wolfgang Clement mit der SPD ab, dann sein Widersacher Franz Müntefering wiederum mit dem Parteiaustreter, den er – das Zitat rauschte hörbar durch Deutschlands Blätterwald – mit Oscar Lafontaine verglich. Man mag ihm also eine geleckte Arroganz vorwerfen, wie sie die Pro7-Satire Switch auf geradezu geniale Weise persifliert; als Talker zählt Beckmann zum Einfühlsamsten überhupt.

So wie Kollege Kerner. Gut, in seiner aktiven Zeit beim ZDF kuschelte er 2008 eher mit dem Typ Till Schweiger oder Florian Silbereisen. Letzterem versicherte er zum Einstieg gar freundlich, nichts gegen Volksmusik zu haben. Aber das talkende Arbeitstier begrüßte an jährlich bald 150 Abenden auch durchschnittlich drei, vier Gäste pro Sendung, manchmal mehr. Das können kaum durchweg soziokulturelle Alphatiere sein wie ein Michael Schumacher, der ihn fraglos zu einer Homestory lud, der der Restboulevard seit Jahren vergebens nachhechelt. Gut, man könnte bei so einger Gelegenheit ruhig mal nach ökologischer Verantwortung der Formel 1 fragen oder dem Thema Vorbildfunktion für Raser; aber die 1998 zeitgleich gestartete Sabine Christiansen hat er mit seiner Plauderei längst überlebt.

Und sie werden ohne Zweifel noch den einen oder die andere hinter sich lassen. Denn die Quasseltaschen von ARD und ZDF befinden sich mit ihrem Fokus aufs Innere der Befragten ohne das Äußere zu ignorieren exakt zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sehgewohnheiten. Frei von der selbst verordneten Distanz hier oder kommerziellem Seelenstriptease dort. Dabei stand, seit Dietmar Schönherr 1973 mit Je später der Abend das US-erprobte Genre auch hierzulande einführte, seine Gefälligkeit doch stets im Mittelpunkt.

Abgesehen von extremen Rändern wie dem Presseclub hüben oder Oliver Geissen drüben, ging es allerorten vornehmlich um den Menschen hinter der Nachricht. Und als die Talkshow Mitte der Neunziger mit über 60 Formaten vom Heißen Stuhl über Late-Night-Shows bis hin zu Regionaltalks der Dritten die Kanäle geflutet hatte, war ihr Zenit bereits erreicht. Eskalation als Methode fand fortan eher nachmittags statt, während das gehaltvollere „Gerede“ (Schönherr) Richtung Mitternacht rückte, wo die immer gleichen Politprofis die immer gleichen Themen vor den immer gleichen Gastgeber(inne)n diskutieren – auch (und gerade) beim hoch gelobten Talktriumvirat Plasbergillnermaischbergerwill.

Wenn die FAZ dem „meist zahnlosen“ Kerner nach Eva Hermans legendärem Abgang aus seier Sendung also einst ankreidete, er wolle dreimal im Jahr „demonstrieren, dass er auch kraftvoll zubeißen kann“, sei ihr eine Ausgabe von – sagen wir: 3 nach 9 ans Herz gelegt. In der dienstältesten Talkshow wird Woche für Woche alles Mögliche getan – außer zubeißen. Wer Beckmann dennoch eitles Einerlei vorwirft, sollte sein 267-seitiges Gespräch mit Loki Schmidt (Erzähl doch mal von früher) lesen. Darin zeigt er wie kein Zweiter, wo sich Gefühl und Fakten zu treffen vermögen.

Kernersierung mag ja wie Beckmannismus zu Recht als Synonym leichter Kost dienen – mit ihrem Talkgestus hatte das weit weniger zu tun als mit ihrer Showattitüde. Wenn JBK also heute wieder was moderiert, das die Lieblosigkeit öffentlich-rechtlicher Abendunderthaltung bereits im Titel trägt, sollte man sich kurz vor Augen halten, dass es das System Fernsehen ist, dem diese talentierten Fragesteller den Zahn erlegen sind. Auch deshalb hat Kerner das Talken gelassen, auch deshalb macht Beckmann 2014 Schluss. Man wird erst merken, wenn sie weg sind, was das Medium an ihnen hatte.

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