Debattenfriday: political correct indie

Pose oder Statement

Vor gut einem Jahr gab es zwischen SZ und Zeit eine kleine Debatte darüber, wie politisch Indipendent sein darf, kann, muss. Braucht politischer Indierock die große Theorie, um zu wirken? Die Süddeutsche meinte damals ja und warf den neuen Alben von Kreisky, 206 und Ja, Panik stumpfe Anti-Haltung vor. Die Zeit sah das etwas anders, der Standpunkt freitagsmedien heute nochmals dokumentiert (der SZ-Text ist leider nicht mehr online).

Von Jan Freitag

Im Indierock Reputation zu erlangen, ist kompliziert. Rage Against The Machine mögen auch abseits der Musik gegen Staat und Kapital wüten – beim Soli-Konzert im autonomen Zentrum hat sich die Band für ihre männliche Attitüde zu rechtfertigen. Green Days Körper sind von Skate-Unfällen und Nazi-Prügel gezeichnet – das Publikum mosert über MTV-Präsenz. Und Dylan? Ewig unantastbar, legt er Chinas Regime seine Playlist zum Abnicken vor. Pfui, Bob!

Drei Künstler, drei Beispiele, die zeigen: wer das vorträgt, was man grob Protestsongs nennt, hat es beim Fan nicht zwingend leichter als beim Gegner. Auch in der Musik gilt zwar: Je höher der Druck von außen, desto größer der Zusammenhalt im Innern. Doch 20 Jahre nach Francis Fukuyamas These vom Ende aller Ideologie frisst die Revolution nicht nur ihre Kinder, es kommt zum Kannibalismus. Manu Chao, so heißt es selbst auf Seiten potenzieller Mitkämpfer? Folklore! Diskurspop? Elitenbespaßung! Punk? Waren nicht die Sex Pistols gecastet?

Und dann kommen drei deutschsprachige Alternative-Bands daher und tun, als seien sie gegen Konsum, Kapitalismus, militärisch-industrielle Komplexe, all so was. „Zackiger Zorn“ titelte die „Süddeutsche“ anlässlich ihrer Platten und wurde darunter noch unfreundlicher zu Ja, Panik, Kreisky, 206. Die neue Generation dissidenter Gitarrenbands sei so harm- wie haltlos. „Wie kann man mit so plumper pubertärer Wut so leicht durchkommen“, fragt Jens-Christian Rabe. Und man möchte zurückfragen, wie alt der Autor wohl ist – so alt, dass er der haschduseligen Woodstocknostalgie anhängt? Oder so jung, dass ihm jede Positionierung im postmodernen Positionseinerlei grundlegend suspekt ist? Aber Altersfragen sind polemisch…

Wichtiger ist, was der sprachbegabte SZ-Experte von den Gegenständen seiner Kritik eigentlich erwartet? Genauer: wer war eigentlich besser als Rabes Antipoden, deren Alben im Feuilleton grad für ein Gefühl sorgen, da begehre noch wer mit den Methoden des Rock auf? Die Deutschrock-Poesie eines partiell widerständigen Udo Lindenberg etwa? Das kathartische Endzeitgewitter brachialer Doom-Metal-Männerbünde von Sodom bis Slayer? Der subtile Ungehorsam eines Manfred Krug, der seine Protagonisten am 1. Mai am Marx-Engels-Platz nach Liebe statt Sozialismus suchen ließ? Papas Rock-Around-The-Clock-Renitenz, zu der er so merkwürdig schweigt? Oder doch die ganz großen Vollzeitsystemverweigerer von Eisler bis Wader, Biermann bis Reiser, Busch bis Baez?

Jens-Christian Rabe legt die hohen Latten und misst die Nachwuchsrevoltierer am Tocotronic, Kristof Schreuf, Bob Dylan, dem vor allem. Während die ersten beiden dadurch Relevanz erzeugen, dass sie aus dem „Nein“ des Punk ein surreales „Ja“ texten, sei die Generation Dylan, so suggeriert Rabe, bei allem Anti auch mal für etwas ist. Die aktuellen Alben von Kreisky (Trouble), 206 (Republik der Heiserkeit) und Ja, Panik (DMD KIU LIDT) dagegen sind immer bloß eins: dagegen.

Das mag aus kulturwissenschaftlicher Sicht tragfähig sein, im Rahmen der Musikkritik ist der Vergleich so statthaft wie zwischen, sagen wir: Thomas Müntzer und Andreas Baader. Die Protestebenen haben sich ja verschoben. Während der Politfolk einst Teil einer bewegten Zeit war, bewegen sich die Jugend heute lieber an der Wii. Während einst niemand gern darüber sprach, dass die Welt den Bach runter geht, tut es heute jeder – und macht weiter wie bisher. Zeitungen gehen Pleite wo Lifestylemagazine florieren, RTL ist Marktführer, Apple sowieso, und die Ehe ist der Jugend wichtiger als Protest. Ist es da wirklich „wütend wie eine zerrissene Jeans“, wenn drei Teenager den Perspektivenpool Spielkonsole und Spaß am Kapitalismus um plakative Konsumkritik erweitern wie es das Elektroclash-Trio 1000Robota tun? Jens-Christian Rabe findet schon.

Dabei ist in der Marktwirtschaft zwar viel von Umdenken die Rede; finanziert werden soll es mit mehr Binnennachfrage. Kein Wunder, dass Konsumkritik zur Dystopie verkommt. Wie sollen weltweit Windräder für den steigenden Energiebedarf wachsen, wenn die Rendite fehlt? Stinksaure Postpunks von Turbostaat bis Von Spar würden „Fickt euch!“ grölen und daran erinnern, dass Geld nicht satt, sondern hungrig macht. Das aber würde Jens-Christian Rabe nur akzeptieren, wenn sie ab Strophe zwei ein Hegelsches System des Sittlichen entwerfen. Mindestens.

Konsumkritik ist die Atomkritik der Nachkriegszeit ist die Nationalismus-Kritik der Vorkriegszeit ist die Militarismuskritik der Kaiserzeit ist die Feudalkritik der Bismarckzeit. Je desperater abweichende Meinungen seiner Zeit sind, desto weniger können sie sich nun mal mit dezidierter Theorievermittlung aufhalten. Partisanen werden sich mit ihren Besatzern eher selten über die Zeit nach dem Häuserkampf austauschen. Und der faschistischen Kontinuität des Wirtschaftswunders kam man besser nicht mit Marcuse, Bloch, Marx. Die 68er schafften es parolenhaft pampig.

Denn Systemkritik hat den Nachteil, dass Systemkritisierte ihr nicht zuhören. Und da keiner (außer die CSU) behauptet, das Klima sei für radikale Gesellschaftsentwürfe günstig, wird auch keiner (außer die SZ) behaupten, dass radikale Kräfte mit viel Gerede vorankämen. Soll man da die paar Wutbürger des Indierock der Pose verdächtigen, bloß weil sie, wie Rabe fragt, „nicht Silbermond sind“? Die Antwort: Ja! Sie geben schließlich etwas auf. Erfolg etwa. Auch wenn Ja, Panik bisweilen radiotauglich klingen, beugen sie Verkäufen mit kryptischer Metaphorik vor. Wo Franz A. Wenzl, zersägt von Martin Offenhubers psychotischer Gitarre und Gregor Tischbauers trotzigem Bass, mit Wiener Schmäh singt, „Ich will gar nicht zu viel wissen / ich bin zugeschissen genug“, ohne an anderer Stelle von Liebe zu schweigen, biedern sich Kreisky dem Kunden in etwa so charmant an wie feuchte Putzfeudel. Und 206, drei existenzialistische Avantgardepunks aus Halle, mögen gelegentlich ins Pathos verfallen – wo findet er denn statt? Vor der Suprakultur jener Hipsters, die sich von Subkulturen die Accessoires klauen? Vor echten Punks (also nicht Pink mit Pistols-Push-up)? Auf autonomen Demo-Wagen? Nein, er tut es trotz bester Kritiken (auch in der ZEIT) vor zwei Dutzend Zuhörern im Nebenraum eines Hamburger Clubs. Pose will Anerkennung, Pose will Liebe. Wenn beides ausbleibt, wird sie zum Statement.

http://www.zeit.de/kultur/musik/2011-04/diskurs-protest-pop-replik

http://www.kreisky.net/?c=tagebuch

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One Comment on “Debattenfriday: political correct indie”

  1. […] als Karriereplanung, Karriereverzögerung oder Karriereverweigerung. Dass es also Bands gibt wie 206 oder Kreisky, Turbostaat und Ja, Panik, die sich allen Verwertungsregeln des Musikgeschäfts verweigern und dabei das eigene Genrenest […]


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