Empörungszentrifuge & Blutwurstbauern

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

14. – 20. Oktober

Tiere und Kinder, so lautet ein Lehrsatz der Publikumsakquise, gehen eigentlich immer. Mittlerweile aber muss man ihn wohl etwas erweitern: Kinder in Not und Untiere gehen nämlich noch viel, viel besser. Was erklärt, warum das ZDF vorige Woche die Eltern der kleinen (so sagt man zur televisionären Empathiesteigerung) Maddie (so heißt ein ewig vermisstes Mädchen) zu Aktenzeichen XY (so heißt die zugehörige Empörungszentrifuge) einlud. Ergebnis waren – nein, natürlich keinerlei zielführende Hinweise – aber satte 7,26 Millionen Zuschauer einer Sendung, deren einziger Daseinszweck seit jeher die Verbreitung von Furcht zu Quotenzwecken ist.

Bei Johannes B. Kerner ist es dagegen eher Belanglosigkeit.

Er war mal ein ganz guter Sportreporter, wurde zum etwas besseren Talkhost, er funktionierte jedoch am besten als Showmaster. In dieser Funktion kehrte er Donnerstag nach vier verlorenen Jahren bei einem Kanal, dessen Name uns grad entfallen ist, ins Zweite zurück und zeigte in einer Abendsause, deren Titel wir ebenfalls kurzfristig vergessen haben, warum JBK in einem Alter, wo all die Rosenthals und Kulenkampffs vor ihm erst richtig begonnen hatten, wie bedeutungslos man mit 48 sein kann. Denn banaler, billiger, berechenbarer als das, was er abermals im ZDF wegmoderiert, kann Fernsehen kaum sein.

Wobei – das Fachblatt für spießbürgerliche Brut-und-Boden-Pflege namens LandLust beweist ja Monat für Monat, wie man exakt damit Rekordergebnis an Rekordergebnis reiht. Dass das vorige Quartal mit gut einer Million verkaufter Exemplare erfolgreicher war als jedes erfolgreichste Quartal zuvor, wäre indes nicht halb so grotesk, wenn ein famoses Blatt wie das Interview-Magazin Galore nicht parallel die Neuerscheinung als App bekannt gegeben hätte, was zwar nach langer Zwangspause eine schöne Nachricht ist, aber auch belegt, dass für echten Journalismus selbst auf Hochglanz im Backrezeptfegefeuer sinnloser Stadtfluchtheftchen kein Platz bleibt.

Und dann sucht auch noch Ingo Zamperoni, einzige Lockerungsübung der Tagesthemen-Versteifung seit Thomas Roths Amtsantritt, als WDR-Korrespondent das Weite in Washington. Keine allzu schöne Nachricht für die Nachrichten eines Mediums, das mit Wolfgang Joops Wechsel in die Jury von Heidi Klums Magersüchtigencasting 2014 zur Breaking-News wurde. Noch vor den Trägern des Comedy-Preises an Samstag, die aber eigentlich auch nur RTL selbst interessieren…

TV-neuDie Frischwoche

21. – 27. Oktober

… wo man ab heute übrigens wieder für monogame Milchkuhzüchter aus Malzow oder magenkranke Melkschemelschnitzer mit Mutterkomplex die passende Bäuerin sucht. Das ist in seiner Debilität weiterhin nicht zu überbieten, suggeriert aber wenigstens keine einzige Sendesekunde lang, etwas anderes als Unterhaltung für Unterhaltungsresistente zu machen. Davon könnte sich das ZDF also parallel ein Scheibchen vom brunftigen Blutwurstbauern aus Bergisch-Gladbach abschneiden, wenn Veronica Ferres als Lena Fauch erneut glaubt, weil sie in einer Rolle mal keine Kinder aus den Fängen von Entführern/Scheidungsvätern/Bombenkesseln holt, hätte sie ihr Portfolio erweitert.

Ein Grund mehr also auf Arte umzuschalten, wo Nicolas Roegs Psychodrama Wenn die Gondeln Trauer tragen trotz des Alters von 40 Jahren in jeder einzelnen Sendesekunde moderner wirkt als sämtliche 2568 Minuten mit der Ferres auf allen Kanälen zusammen. Ähnliches gilt natürlich auch fürs Staffelfinale von Weissensee, Dienstag im Ersten, das 2014 nach der Wende weitergeht, ab nächster Woche aber erstmal durch Familie Dr. Kleist ersetzt wird. Verglichen damit gerät die 23. (dreiundzwanzigste! (XXIII!!!)) Staffel von Cobra 11 ab Donnerstag glatt zu gehaltvollem Fernsehen. Oder SOKO Leipzig, das tags drauf zwar erst in die 13. Runde geht, dafür aber mit dem ostdeutschen Grüßaugust Achim Menzel als Polizeitechniker verdeutlicht, wie wenig Güte für gute Gagen genügen. Oder jene Sülze, die uns das Erste unterm tiefgründigen Titel Liebe am Fjord am Abend als Melodram vorsetzt, wo Hannelore Elser und Robert de Niros, nein – bloß seine Stimme (Christian Brückner) eine vertrackte Dreiecksbeziehung so staksig verkörpern. Oder. Oder. Oder.

Da zappt man doch erleichtert zurück zu Arte, wo Senta Berger zeitgleich als Eva Prohacek beweist: Alter schützt doch nicht vor Niveau. Der Kulturkanal glänzt aber diese Woche nicht nur mit Krimifiktion à la Unter Verdacht, sondern wie gewohnt durch Sachfilme. Die grandiose Dokumentation Akte Zarah Leander etwa, wo der NS-Star Mittwoch um 22.20 Uhr im Stile japanischer Anime seziert wird. Zeit-Geschichte als Comic, wie sie ZDFkultur schon zwei Stunden früher und den ganzen Abend zelebriert – so was dürften sich auch die Muttersender gern mal trauen. Die aber trauen sich höchstens solide Tatorte wie den aus Bayern am Sonntag zu. Immerhin. Bleibt der Tipp der Woche, diesmal Dienstag um 20.15 Uhr, wo – man muss auch mal jönne könne – RTL Nitro mit Blair Witch Project den vielleicht einzigen Film zeigt, dessen deutsche Übersetzung besser ist als das Original.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.