Christian Brückner, Darsteller & de Niros Voice

Der Schausprecher

Auf der Straße wird Christian Brückner eher selten erkannt – es sei denn, er beginnt zu sprechen. Dann hat man sofort Robert De Niro, Martin Sheen, Harvey Keitel oder all die Dokumentationen von Guido Knopp vor Augen: Brückner ist Deutschlands bekanntester Synchron- und Off-Sprecher. 1943 im schlesischen Waldenburg geboren und aufgewachsen in Köln, wollte er zunächst Schauspieler werden, lieh aber nach anfänglichen Bühnen- und Filmrollen schon Ende der 60er Jahre Warren Beatty seine Stimme und schaffte mit Taxi Driver 1976 den Durchbruch. Bis auf dessen Titelfigur Robert de Niro synchronisiert der zweifache Vater mittlerweile jedoch selten, sondern konzentriert sich auf seinen eigenen Hörbuch-Verlag und tritt gelegentlich im Fernsehen auf, zuletzt zu seinem 70. Geburtstag im  ARD-Melodram Liebe am Fjord als reifer Mann zwischen zwei Freundinnen

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Brückner, Sie haben ja ein richtiges Gesicht.

Christian Brückner: Schon immer an derselben Stelle.

Und ein ziemlich attraktives dazu.

Oh, danke.

Ist es für Sie trotz einiger Erfahrungen vor der Kamera noch ungewohnt, es zu zeigen?

Es ist zumindest ein völlig anderes Arbeiten. Und das, obwohl ein großer Teil meiner Tätigkeit durchaus öffentlich stattfindet. Ich bin ja oft im Zusammenhang mit Literatur und Musik auf Podien oder Bühnen präsent.

Werden Sie dennoch häufiger an Ihrer Stimme erkannt als am Gesicht?

In der Tat, obwohl ich mittlerweile erstaunlich oft auch optisch erkannt werde.

Dann erklären Sie doch bitte, warum Sie trotz ihrer Optik, dieser Stimme, schauspielerischer Ausbildung und wachsender Bekanntheit so selten am Bildschirm zu sehen sind?

Diese Frage hab ich mir nie gestellt. Weil es von meiner Art Karriere, ohne von einer Sackgasse zu sprechen, nicht ohne weiteres zurückgeht; das war zwar nicht von vorneherein eine Richtungsentscheidung, aber irgendwann war sie okay. Was jetzt allerdings die meiste meiner Zeit konsumiert, ist der Verlag, den ich mit meiner Frau betreibe.

Hörspiele.

Nee, nee, nee – Hörbücher, das ist ein gehöriger Unterschied, eins zu eins vorgetragene Literatur. Hörspiele bilden eine Minderheit.

Lesen Sie das meiste selbst?

Nicht das meiste, aber einiges. Aber schon Verwaltung und Vertrieb erfordern im Zweipersonenbetrieb eine Energie, die ich mir nicht hätte vorstellen können. Ein ungeheurer Zeitfresser.

Der Sie an anderen Aufgaben wie Synchronisation und Schauspiel hindert?

Hindern klingt so negativ. Ich habe weder Agenten noch Manager, bin also voll von den Angeboten abhängig. Und das hier

Für das ARD-Melodram Zwei Sommer.

… habe ich halt mal angenommen. Mit großem Vergnügen und Interesse.

Warum noch mal genau?

Vor allem wegen der Überredungskunst des Regisseurs Matthias Tiefenbacher. Und ganz ehrlich: es war äußerst verlockend, unter diesem wunderbaren Schauspieleranleiter eine so große Rolle mit so großen Kollegen wie Hannelore Elsner zu so einer Sendezeit zu kriegen.

Und was wollte der Regisseur von Ihnen – vor allem diese liebesfilmtaugliche Stimme?

Nein, er hatte einen alten Film von mir gesehen, in dem er mich überzeugend fand. Da fühlt man sich als Quereinsteiger schon sehr geschätzt.

Auch geschmeichelt?

Und wie! Aber meine Stimme wird ihm schon auch gefallen haben.

Unterscheiden sich die beiden Techniken des Spielens und Sprechens grundlegend?

Gar nicht so sehr. Schauspielen ist für mich, mit der Stimme Präsenz zeigen – ob rein akustisch über die sprachliche Interpretation eines gelesenen Buches oder dessen Visualisierung vor der Kamera. Mir ist es relativ egal, ob mir die Leute zuhören oder zusehen; nennen Sie mich Schausprecher. Aber Film ist natürlich der größere Entwurf im Vergleich zum Lesen, mit viel mehr Drumherum, mit Mimik, Gestik.

Die bei Ihnen im Vergleich zur Stimme – Hand aufs Herz – oft unsicher wirken.

Das ist ja auch kein Wunder, wenn man neben einem Profi wie Hannelore Elsner agiert. Mir fehlt da einfach die Praxis vor der Kamera. Andererseits agiere ich auch beim Sprechen sehr physisch, bewege mich im Raum, spiele wirklich, statt nur zu lesen.

Ist das üblich?

Eher die Ausnahme.

Auch ein Defizit?

Ich glaube, ja. Und werfe manchen meiner Kollegen durchaus vor, dass sie insbesondere die Sache des Synchronisierens nicht ernst genug nehmen. Das hat was mit dem Selbstverständnis zu tun. Die Synchronisation ist in einem Land wie unserem, wo fast alles übersetzt wird, ähnlich wesentlich wie die Originalstimme; trotzdem sehen sich viele verglichen mit denen, die sie synchronisieren, als nachgeordnet an. Aber vielleicht tun sie das ja, weil wir in Zeiten der Digitalisierung zusehends alleine im Studio sitzen.

Früher wurde gemeinsam synchronisiert?

Und miteinander. Im Ensemble kriegt man auch beim Synchronisieren das Gefühl, wichtiger Bestandteil des Films zu sein. Aber mal ehrlich: ich kann gar nicht mehr viel über die Branche urteilen; so exzessiv ich das früher gemacht habe, so selten tue ich es heute. Höchstens mal einen de Niro. Vielleicht habe ich ja deshalb – Sie werden lachen – beim Betreten des Studios leichtes Lampenfieber.

Hat das mit der Bedeutung des Originals zu tun, einem der größten Hollywoodstars aller Zeiten?

Nein, denn wenn ich Filme vorab im Original sehe, frage ich mich eigentlich immer, wie das denn bitteschön zu übersetzen sein soll – egal, ob de Niro oder sonst wer.

Haben Sie ihn mal getroffen?

Ich hab ihn sogar mal interviewt, für Premiere. War sehr witzig.

Und wer hat die schönere Stimme?

(lacht) Also ich vermute mal, dass meine Stimme nicht wegen ihrer Schönheit, sondern der Ähnlichkeit zu seiner gewählt wurde; schließlich hat Martin Scorcese seinerzeit bei „Taxi Driver“ ein richtiges Synchroncasting gemacht, das ich am Ende gewonnen habe.

Ist es üblich, dass amerikanische Regisseure die ausländischen Stimmen auswählen?

Überhaupt nicht, aber Scorcese legt stets eine ungewöhnliche Sorgfalt an den Tag. Auch deshalb sind seine Filme so gut.

Gibt es übersetzte Filme, die besser sind als das Original?

Gewiss sogar. Aber da ich nie fernsehe, also kaum Vergleichsmöglichkeiten habe, fällt mir grad keiner ein. Warum wollen Sie bloß so viel über Dinge reden, die ich gar nicht mehr mache?

Weil Sie fürs Publikum nun mal de Niros Stimme sind, kein Schauspieler.

Aber Vorleser.

Und gut gebuchter Dokumentarsprecher. Droht Ihnen seit dem Rückzug Guido Knopps vom ZDF die Altersarmut?

Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Zumal ich auch weiter im Off tätig bin, gerade vorige Woche für zwei Naturfilme des NDR über den Kongo. So etwas ist neben Hörbüchern meine liebste Aufgabe.

Obwohl Ihre Filmfrau in Zwei Sommer mal zu Ihrer Filmgeliebten Hannelore Elsner sagt, Ihre Figur rede dauernd wie im Hollywoodfilm.

Ach, das war so eine kleine Sottise. Die konnte sich das Drehbuch nicht verkneifen. Und es passt ja auch gut zur Rolle.

Waren Sie mit der eigentlich zufrieden?

Das weiß ich gar nicht. Weil ich nämlich neben der Kunst immer auch das Künstliche sehe, mag ich meine Filme hinterher ebenso wenig schauen, wie ich meine Lesungen hören kann.

Aber braucht nicht gerade die Literatur-Lesung ein bisschen Pathos?

Absolut, dennoch würde es mich stören. Zehn Jahre später geht das, aber dieser Film ist viel zu frisch. Obwohl: Ein Stück davon hab ich gesehen und sage mal: ist okay.

Hatten Sie denn anfangs keine Angst, als auf dem Drehbuch Liebe am Fjord stand?

Ich kannte das gar nicht. Aber als mich der Regisseur instruiert hat, konnte ich damit angstfrei umgehen.

Wovor haben Sie sonst Angst – schwere Rachitis?

(lacht) Nein, selbst, wenn sie meine Sprecherkarriere beenden würde; das wäre dann eben so. Angst habe ich höchstens vor Stillstand. Sich nicht zu bewegen heißt Rückschritt.

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