Hermann Joha – RTL-Sprengwart & Stuntman

Der Sprengmeister

Dass die Kölner Firma ActionConcept 20 Jahre alt wird, liegt an der RTL-Serie Alarm für Cobra 11, die mittlerweile in mehr als 100 Ländern läuft. Und an Hermann Joha. Der Ex-Stuntman hat deutsche Action weltweit konkurrenzfähig gemacht. Und sein Unternehmen zu einem der Weltmarktführer in Sachen Special Effects, vor allem, weil sein Topprodukt um eine gänzlich sinnfreie, aber stets explosive Autobahnpolizei heute in die 23. Staffel geht.

Von Jan Freitag

Bäääng! Einführung. Booom! Füllhandlung. Baaammm! Auflösung. Die wöchentliche Dosis Cobra 11 ist in der Regel schnell erklärt: Eine Explosion zu Beginn, etwa zwei in der Mitte, mindestens drei am Ende, dazwischen nur das Nötigste an Sinn und Verstand zum Maximum an Blut, Schweiß und Testosteron – es ist nicht grad die Quintessenz intelligenten Fernsehens, was die fiktive Autobahnpolizei ab heute auch in Staffel 23 (in Worten: dreiundzwanzig!) abliefert. Aber wer will denn schon so was, bei RTL? Hermann Joha jedenfalls will es nicht. Der Produzent will Entertainment, Spaß. Und Erfolg. Darum klingt es auch ziemlich ernst, wenn er sein Topprodukt „die geilste Achterbahn am Abend“ nennt, einen „Rummelplatz“. Trotz all der Raserei, Inhaltsleere und mimischen Tristesse ist Alarm für Cobra 11 nämlich ein Bombengeschäft. 21 Jahre nach der Gründung seiner Firma ActionConcept, läuft die Serie schließlich in gut 100 Ländern und hat Special Effects made in Germany somit global wettbewerbsfähig gemacht. Alles dank Hermann Joha: Herz, Hirn, Leber, Niere eines Genres, das es vor ihm im Grunde gar nicht gab. Kein Wunder. Joha ist vom Fach.

Denn als der Unterfranke das Fernsehen 1992 erstmals mit brennenden Autos versorgte, war er selbst noch Stuntman, der Autorennen fuhr, Helikopter flog, Motorenartistik betrieb, kurz: all das tat, was zum Kern von Cobra 11 wurde. Er sei durchaus ein „Adrenalin-Junkie“, wie der 53-Jährige einräumt, „aber kein Draufgänger“. Was zählt, sei das kontrollierte Risiko mit Restnervenkitzel. Das durfte er erstmals im RTL-Film Der Clown unter Beweis stellen. 1997 besorgte Joha dessen „Second Unit“, die parallel zur Hauptkamera das Drumherum bebildert: Karambolagen vor allem, Unglücke, alles was knallt. Und der hemdsärmelige, aber perfektionistische Joha war darin so versiert, dass sein erster Blockbuster gemeinsam mit dem zeitgleich produzierten Cobra 11-Pilotfilm 20 Millionen Zuschauer erreichte. „Wir hatten plötzlich zwei Serien, die von Null auf 100 explodiert sind“. Mit seriellen Prügelarien wie Lasko oder Actionkrachern der Marke Turbo und Tacho ging es dann – abgesehen von einem Knick in der Internetblase – nur bergauf.

Doch ohne Cobra 11, das weiß auch Joha, wäre sein Unternehmen „eher klein und übersichtlich“. Der Umsatz würde deutlich unter 30 Millionen rutschen, die Mitarbeiterzahl weiter sinken und RTL womöglich seine Beteiligung abstoßen. Dem Fernsehen bliebe so zwar Oliver Pocher als ernst gemeinten Schauspieler erspart, der zum Auftakt der neuen Staffel sogar sterben darf. Aber eben auch eine echte Attraktion. Denn die kleine GmbH ist nicht nur auf 140 Märkten aktiv, sondern hat 2012 auch zum siebten Mal in Hollywood den Taurus World Stunt Award gewonnen, eine Art TV-Oscar der Actionszene, wie üblich für Cobra 11. Dennoch dreht die Werbekrise auch beim Hauptabnehmer RTL an der Kostenschraube – auch wenn Hermann Joha, der Berufsjugendliche mit ergrauter Fönfrisur, lieber von „Budget-Optimierung“ spricht, „ohne an production value einzubüßen“. Aber kürzer treten muss man auch in Köln-Hürth, wo vieles entsteht, was im Privatfernsehen kracht, scheppert, fliegt und brennt. Auf rund 25.000 Quadratmetern Fläche fertigt das „Full-Service Produktionsunternehmen für Action-Formate“ vollständige Filme bis zur Endabnahme. Hier liegen zu Spitzenzeiten 800 Lohnsteuerkarten und Weihnachten noch immer an die 100 im Büro, wie Joha den Personalstand schildert. Hier entstehen Serienbeiträge, die in der Herstellung schon mal den doppelten Minutenpreis einer Tatort-Folge kosten. Und ganz in der Nähe ist die Firma Hauptkundin der größten Filmautobahn Deutschlands.

Die „Film + Test Location“ Aldenhoven ist ohne Zweifel Johas liebster Arbeitsplatz, Garant des „Fun-Faktors“ seiner Ware, wie er immer wieder betont. 2300 Meter kontrollierte Raserei auf vier Spuren, Standstreifen, Nothaltebucht, Parkplatz inklusive. Ein Eldorado fiktionaler Beschleunigung, auch wenn Joha selber nicht mehr ins Cockpit steigt. Ob er noch mal mehr machen möchte, als ab und an eine Kleinrolle im eigenen Film zu besetzen – ein wenig Action unter eigener Regie vielleicht? „Um Gottes Willen“, sagt da das kinderlose Arbeitstier. Jetzt lacht er doch. Man wird halt ruhiger, jenseits der 50. Aber auch im Arte-Alter seien für Dialogfilme andere zuständig. Obwohl er die Liebesschnulze „Pretty Woman“ locker zwanzigmal gesehen habe und Sergio Leones grandios ereignisloses „Spiel mir das Lied vom Tod“ als „Mutter aller Filme“ bezeichnet, bleibt der Sprengmeister des deutschen Fernsehens ein unverbesserlicher Action-Fan, der lieber Fachbücher liest als schwere Romanstoffe. „Du wirst immer nur in einer Sache wirklich gut“, so lautet sein Credo. Und auch wenn es nicht jedem Feuilletonisten passt: Im Actionfach ist es Hermann Joha. Fast konkurrenzlos. „Cobra 11“ sei dank. Oder besser: ist schuld.



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