Reportage: Radfahren in Hamburg

Offenbar illegal benutzungspflichtiger Radweg in der SternschanzeRadeln in der Autostadt

Radwegebenutzungspflicht im Nadelöhr: Die Hamburger Sternbrücke. Foto: Freitag

Das Fahrrad gilt als Fortbewegungsmittel der Zukunft schlechthin: klimaneutral, zügig, gesund. Es gibt also keinen Grund, seine Benutzung zu behindern. Theoretisch. Ein Praxistest mit dem ADFC durch Hamburg aber zeigt: der Weg ist noch weit.

Von Jan Freitag

Allein schon diese Kreuzung, Merja Spott schüttelt verständnislos den Kopf: total überdimensioniert, Treffpunkt zweier Schwerverkehrstrassen im schönsten Altbauviertel, das Ganze bei Tempo 50 entlang einer schicken Einkaufsstraße und dann überall „Schleppkurven“ für maximales Abbiegetempo: derart kompromisslose Autogerechtigkeit in einer Perle wie Eppendorf – die Verkehrsreferentin der Hamburger Zweigstelle vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, kurz ADFC, steigt entgeistert vom robusten Velo: „So was gibt’s wohl nur bei uns.“ In Hamburg nämlich. Der fahrradfreundlichsten Stadt, wie Behörden und Marketing gern. Der fahradfeindlichsten Stadt, wie Betroffene, Grüne, diverse Studien gegenhalten. Und dazwischen: Merja Spott, Geografin in Diensten des Vereins für die Rechte unmotorisierter Zweiräder. Ein wenig für sich selbst also. Vor allem aber für hunderttausende Radler einer Metropole vorm Verkehrsinfarkt. In einem Land mit Benzin im Blut. Auf einem Planeten mit ökologisch ernstem Problem. Am Brennpunkt dessen also, was für die Republik konstituierender ist als Flagge, Demokratie und Fußball in einem: Mobilität.

Die ist auch Merja Spott wichtig, wenngleich anders als dem Durchschnitt im Staat der 40 Millionen Kraftfahrzeuge. Deshalb bittet die Lobbyistin einer neuen Verkehrspolitik zur kleinen praktischen Begutachtung ihrer Wahlheimat. Denn auch in Hamburg, sagt sie drei Jahre nach ihrem Umzug aus Berlin, „bewegt sich langsam ein wenig“. Mehr Radstreifen auf der Fahrbahn etwa, bessere Leitsysteme und dann das erfolgreiche Stadtrad. Zugleich aber könne man „die verkehrspolitischen Probleme einer Großstadt nirgends auf engerem Raum erleben“. Das beginnt schon auf jener viel zu großen Kreuzung im betulichen Eppendorf. Dort wo alles dicht beieinander liegt: Wasser, Wald und Hauptverkehrsadern, Shopping, Arbeit und Gründerzeitvillen. Der Wohlstand ist hoch, das Wohnprinzip heißt Eigentum, Gentrifikation meldet Vollzug – ideale Voraussetzung für urbane Landlust-Leser mit grünem Gewissen. Und dann dieser Radweg, Merja Spott bremst scharf: Keine 80 Zentimeter breit, uralt und holprig. „Hamburger Standard“, nennt sie das typische Exemplar dessen, was dem vorkriegsprägenden Pedalverkehr in der automobilen Nachkriegszeit unter die Reifen asphaltiert wurde. Ein Mountainbike weicht lieber auf den Fußweg aus, als Merja Spott den Kernsatz zeitgenössischer Mobilmachung spricht: „Der gehört eigentlich auf die Straße.“

Nur: hier darf er nicht. Die Regel heißt „Radwegebenutzungspflicht“ und trennt klapprige Drahtesel ebenso wie rasende Kuriere vom Alltagsstau nebenan. Das zugehörige Schild begleitet die Testfahrt künftig wie episch lange Ampelphasen oder dreiste Falschparker und meist ist es illegal: 1997 nämlich erklärte eine StVO-Novelle Radwege zur Ausnahme. Ausrufezeichen. Bis dato gehörten Radler auf den Radweg. Punkt. Seither gehören sie auf die Straße. Komma. Denn wo genau, hängt von einer diffusen Gefahrenlage ab. Für wen auch immer. In Hamburg hieß das: für Radler. Denn obwohl die Neuregelung das Gegenteil wollte, pflasterten die Ämter ihre Bürgersteige mit dem weißen Rad auf blauem Grund, gern überm Pictogramm einer Frau plus Kind zur gemeinsamen Nutzung. Egal wie eng es ist. Und es ist oft eng, auf dem Weg nach St. Pauli, wo der Radanteil am Verkehr mit 18 Prozent halb so hoch liegt beim Primus Münster, aber sechs überm Stadtschnitt. Selbst am Rand vielspuriger Querungen zum City-Ring 2 klemmen Radwege unsichtbar zwischen Gebüsch und Kantstein, den die Autos wie üblich in Alsternähe in epischen Fahrspaßkurven passieren. Und wo es mal breiter wird, sogar eben, rauscht ein Rechtsabbieger so wild ums Eck, dass Merja Spott nur die Vollbremsung bleibt.

Hamburg mag mit 560 Kilometern Deutschlands längstes Radwegenetz haben; da das Gros baulich abgetrennt ist, werden seine Nutzer von Kraftfahrern oft erst bemerkt, wenn sie sich fast berühren. Ausgerechnet in Europas schnellster Stadt, wie eine Forbes-Studie ergab (www.forbes.com/2008/04/21/europe-commute-congestion-forbeslife-cx_po_0421congestion.html), tickt die Verwaltung wie zu Zeiten, als Autobahnen noch visionär waren. Innovativere Städte wie Kopenhagen, Münster, gar Berlin holen Räder konsequent auf die Straße, abgetrennt von Linien, Schutzstreifen genannt. Die zuständige Verkehrsbehörde verweist dabei auf „historisch begründete“ Fahradunfreundlichkeit an großen Kreuzungen und „hohe Kfz-Belastungen“, die in zahlreichen Straßen „wenig Spielraum für grundlegendere Verbesserungen“ ließen, versteift sich aber immer wieder auf den Radweg als zentrale Route für Pedaleros. Und dann kommt auch noch Willkür hinzu. Etwa, wenn mitten im Eppendorfer Wohngebiet plötzlich Tempo 50 herrscht, was Räder auf den Fußweg verbannt, wo sich Merja Spott auf 100 Metern dreimal Passanten aus dem Weg klingeln darf.

Aber immerhin bleibt hier noch Zeit für Warnsignale. Auf dem geteilten Radweg unter einer Brücke im berühmten Schanzenviertel hilft nur Absteigen, um sich nicht im Fußvolk des Nadelöhrs zu verkeilen. Weil die Bahn hier bald alles abreißt, gilt die Gefahrenlage aus Bürokratensicht, Mirja Spott lächelt bitter, als „temporär hinnehmbar“. Und dann kommt ihr noch ein Mountainbike auf falscher Seite entgegen. Da macht sich die Lobbyistin nichts vor: Auch ihre Klientel ist fehlbar. Radler rasen, Radler träumen, Radler sind wie alle schwer berechenbar. Nur dass man sie in Hamburg dabei auch noch auf ruinierte, rückständige, oft rechtswidrige Wege zwingt. „Die Lösung wäre Regeltempo 30 statt 50“, sagt Merja Spott, weiß aber um den PS-süchtigen Boulevard, der dagegen sofort Sturm schriebe.

Also bleibt ihr nur die Hoffnung auf kollektive Empathie: Radler mit weniger Angst vor Autos, Autofahrer mit mehr Respekt vor Radlern, beide bis auf Tunnel und Brücken auf Augenhöhe. Eine Stunde Testfahrt durch Hamburgs Mitte gibt ihr Recht, auch wenn der Verkehr an einem Ferientag wie diesem ungewohnt ruhig ist. Fünf total zugeparkte Radwege, vier genommene Vorfahrten, davon drei durch Kraftfahrzeuge bei zwei Kontakten und einem Autofahrer, der dennoch hupt. Dazu mehrere Dutzend illegaler Benutzungspflichten, die auch bei Laubhaufen, Schlaglöchern oder Baustellen selten aufgehoben werden, und natürlich eine rote Ampel nach der anderen, da grüne Wellen Autos vorbehalten bleiben. Aber auch keine ernste Lebensgefahr. Eigentlich ein guter Tag.

Mehr Bilder, Filme und Kommentare: http://www.zeit.de/mobilitaet/2013-10/hamburg-radfahren-verkehr

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