Brennpunktmangel und gestreifte Hosen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

21. – 27. Oktober

Die vergangene Woche war öffentlich-rechtlich eine der offenen Fragen. Als das ZDF verkündete, inka! Anfang November vom Sender zu nehmen, blieb ja zunächst mal weit weniger ungewiss, warum die sagenhaft missratene Talkshow abgesetzt, sondern warum sie überhaupt erst angesetzt wurde. Des Weiteren offen ist, weshalb der inhaltlich verantwortliche Programmchef Norbert Himmler seiner entliehenen Bauernkuppelmutter Bause dennoch „für die tolle Zusammenarbeit“ dankte, um sie sogleich durch den fernsehästhetischen Aberwitz Topfgeldjäger zu ersetzen.

Doch auch das Erste ließ Dinge ungeklärt. Da verkündete so transparent wie stolz, von den 12,81 Euro Rundfunkbeitrag, den die ARD Monat für Monat von jedem Haushalt kassiert, würden immerhin 15 Cent für Tatort und Polizeiruf aufgewendet, also einer weniger als für Redaktion ARD Aktuell inklusive der Tagesschau. Was allerdings für die Schmonzettenfabrik Degeto (44 Cent) oder „Unterhaltung“ inkluive dem, was die Dritten so unter Heimatpflege verstehen (66 Cent), ausgegeben wird, dazu muss sich das interessierte Publikum schon selbst in die Quellenanalyse (http://www.ard.de/home/intern/die-ard/17_98_Euro_Rundfunkbeitrag/309602/index.html) begeben. Wirkt halt doch irgendwie staatsauftragsgerechter, soziokulturell relevantere Posten zu lancieren, etwa 16 Cent fürs wichtige Werk der Auslandskorrespondenten.

Die im Übrigen auch Ihren Teil dazu beigetragen haben, das Tagesschau-Volumen am vorigen Donnerstag über Merkels Handy-Affäre auf satte 10:08 Sekunden zu strecken. Was Volker Herres offenbar dicke ausreichte, weshalb er gegen die Entscheidung seiner Chefredakteure zu einen nachfolgenden Brennpunkt ein Veto einlegte. Dass das mit Sorgen um die Quote der  nachfolgenden Deutsche-Meister-Sause Kai Pflaumes aber auch mal gar nichts zu tun hatte, ist dem ARD-Programmdirektor da natürlich vorbehaltlos zu glauben. Gut, die lag trotzdem deutlich unter den Erwartungen, aber immer noch leicht oberhalb der nächsten Demontage einer früheren Nr. 1 bei einem Moderator, der schon immer das Letzte war: Boris Beckers erbarmungswürdiger Auftritt Oliver Pochers Hampelkasper mit Fliegenklatschen am Hut in Immer auf die Kleinen.

TV-neuDie Frischwoche

28. Oktober – 3. November

Und das Bemitleidenswerteste: Der aufgeschwemmt selbstentblößte Ex-Tennisstar wird so was wieder und wieder und wieder tun. So wie der spindeldürr selbstverliebte Ex-Nurdieliebezähler wieder und wieder und wieder Deutsche Meister suchen darf. Nach der Samstagsfortsetzung nochmals diesen Donnerstag und wer weiß: vielleicht ja bald täglich. In der ARD ist schließlich so einiges möglich – sogar richtig gutes Fernsehen. Die brillante DDR-Fiktion Weissensee zum Beispiel; obwohl, nee, die wird morgen durch Familie Dr. Kleist ersetzt… Dann der hochwertige Mittwochsfilm; obwohl, nee, der liefert morgen mit Komasaufen eher fade Kost über ein scharfes Thema… Oder hausgemachter Sonntagskrimi, diesmal am neuen Tatort Erfurt; obwohl, nee, das bislang jüngste Ermittlerteam Kramme/Mücke/Levshin mag zusammengenommen kaum älter sein als, sagen wir: die Münchner Kollegen Batic/Leitmeyer allein, bleibt aber dramaturgisch – verglichen mit dem, was denen Dominik Graf gestern aufs graue Haupt geschrieben hat – doch ziemlich konventionell. Also das heutige TV-Drama Blutgeld mit dem beeindruckenden Max Riemelt als Opfer HIV-verseuchter Blutkonserven?

Obwohl, nee, das läuft im ZDF.

Wie überhaupt das Zweite dieser Tage punktet. Freitag etwa mit der 5. Staffel Mad Men, auch wenn derart kreative Importserien wie so oft erst gegen Mitternacht laufen wie auch das neue Magazin des brachial genialen Moderators Jan Böhmermann, ab Donnerstag bei ZDFneo. Aber keine Frage, auch aus Mainz gibt es die handelsübliche Schmierseife satt. Ab Samstag vorm Hauptfilm zum Beispiel irgendwas Altbackenes mit einem schicken Pfarrer, der neben allerlei Schäfchen auch noch vier Kinder allein großzieht, was fortan zehn Folgen lang die öffentlich-rechtliche Idee modernen Fernsehens verkörpert, während ein gewisser Michael Requardt als Der Firmenretter tags drauf (17.55 Uhr) ganz offen kommerzielles Help-TV klaut und auch die zehnteilige Dokusoap Junior Docs über neun Assistenzärzte in vier Hamburger Kliniken ab Donnerstagabend bei ZDFneo eher privatzuschauerkompatibel geraten dürfte.

Dann doch lieber gleich das Original: RTL2 zeigt ab heute die ersten vier Staffeln von The Walking Dead und zwar quasi an einem Stück, mit täglichen Mehrfachfolgen ab elf Uhr nachts. Für schwächere Mägen mit lebendigen statt untoten Hirnen darüber, empfiehlt sich allerdings wohl doch eher der morgige Themenabend Banken, Banker, Bankster auf Arte. Oder am Mittwoch die zuweilen brüllend komische, weil puppenflankierte Jeff Dunham Show auf Nick und Comedy Central.

Dabei müsste man an dieser Stelle doch eigentlich technikolorierte Western, Freibeuter in gestreiften Hosen, solche Sachen ankündigen – aber irgendwie hielt es nicht ein Sender für angeraten, Burt Lancaster zum 100. Geburtstag am Samstag auch nur eine Wiederholung zu gönnen. Dafür zeigt Arte tags drauf um 17.30 Uhr zum ebenso runden Wiegenfest des Komponisten Benjamin Britten dessen War Requiem von 2012. Weil das Fernsehen da offenbar dubiosen Gesetzen gehorcht, empfiehlt der Tipp der Woche also einen anderen Anthony: Quinn nämlich, Hauptdarsteller von Fellinis brillantem Schausteller-Drama La Strada, von 1954, heute um 20.15 Uhr auf Arte, gefolgt von La dolce Vita übrigens. Schwarzweiße Filmherrlichkeit.

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