Lour Reed: Genie & Grantler

Was wollen Sie hören?

Lou Reed zu interviewen, so hieß es in Fachkreisen, sei in etwa so ergiebig wie mit Notrufsäulen zu plaudern. Jetzt ist der schlecht gelaunteste Rockstar aller Zeiten gestorben und mit ihm ein Stück wegweisenster Musik der 1960er und 70er Jahre. Um an beide – das Genie, den Grantler – zu erinnern, dokumentieren die freitagsmedien hier ihr Interview vom Anfang des Jahrhunderts in einem Berliner Hotel, wo Lou Reed mal so richtig zeigte, was geschieht, wenn er keine Lust auf Interviews hat. Trotzdem: Danke Lou. Für alles!

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Mr. Reed, Sie leben, gut das zu sehen.

Lou Reed: Was zur Hölle meinen Sie?

Dass  Sie voriges Jahr ihn den Medien als tot gemeldet wurden.

Yeah, gemeldet [er macht eine lange Pause]. Die Nachrichten…

Was ist mit denen?

Ich hab denen noch nie vertraut.

Obwohl Todesmeldungen bei einem Rockmusiker mit Ihrer Biografie ab einem bestimmten Alter ja nichts Ungewöhnliches sind.

[Lou Reed sagt nichts, lächelt nicht, blickt irgendwie ins Leere]

Wie kam es zu dieser Falschmeldung?

[denkt lange nach] Keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht. Wollen wir über Musik sprechen?

Gern. Ihr neues Album The Raven variiert die Gedichten Edgar Allan Poe musikalisch. Wie kam es dazu?

Interesse. Ich fand Poes Geschichten schon als Kind spannend. Und die Filme mit Vincent Price sind auch aus heutiger Sicht grandios. Das war’s.

Aber warum dann die musikalische Interpretation?

Interesse, wie gesagt. Ich mag Spannung, Musik braucht Spannung und Edgar Allan Poe schafft es manchmal auf wenigen Seiten Geschichten zu entwerfen, die aufregender und gehaltvoller sind als dicke Romane. Haben Sie The Raven mal gelesen? Das sind eigentlich nur ein paar Zeilen, alles in Versform. Wenn man so will, hat seine Musik bislang nur auf die Vertonung gewartet.

Das Ergebnis steht also irgendwo zwischen Poesie und Musik. Gilt das für Ihre Karriere insgesamt auch?

[Reed blickt wieder ins Leere, dann lange ohne zu reden in meine Augen] Wahrscheinlich.

Haben Sie sich auch in Ihrer Rock’n’Roll-Phase als Dichter empfunden?

Was heißt “haben” – Rock’n’Roll ist nicht meine Vergangenheit, sondern meine Gegenwart.

Also – ein Dichter?

Alle Texte sind Gedichte. Lyrics sind Reime, Gedichte reimen sich. Das macht letztlich jeden wohl überlegten Song zu Poesie. Was wollen Sie hören?

Ob Gedichte mehr sind als Worte, die sich reimen, Worte, die auf etwas Höheres verweisen.

[Wartet wieder lange] Mal so, mal so. Ich habe Lieder gemacht, die auf etwas Höheres verweisen, und welche, die einfach so irgendetwas beschreiben, was mir durch den Kopf geht oder vor meinen Augen passiert ist.

Die Mischung macht’s.

Kommt auf die Platte an. [Pause]. Aber ja, manchmal.

Haben Sie deshalb alte Stücke wie Perfect Day, in dem es nun wirklich um Dinge geht, die Ihnen 1973 so durch den Kopf gegangen sind, neu interpretiert?

Perfect Day passte einfach gut ins Konzept.

Das da wäre?

Haben Sie das Album gehört?

Natürlich.

Gut. Nächste Frage [sein Manager, jedenfalls irgendwer im Raum, der bislang keinen Ton gesagt hat und unablässig auf sein Handy blickt, ruft ihm etwas Unverständliches aus der Ecke zu]. Okay, letzte Frage.

Oh, wirklich? Sie haben jetzt allein solo 19 Platten aufgenommen. Was könnte Sie je daran hindern, weitere zu machen?

Weiß nicht, fällt mir nichts ein.

Krankheit, der Tod?

Der auf jeden Fall. Danke, nett, Sie getroffen zu haben [Geht zum Mann mit in der Ecke]

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