Dr. Kleist – Superarzt, Supermann, Supervater

Der Halbgott von Eisenach

Seit nunmehr zehn Jahren lautet das Synonym für lieblos inszeniertes, inhaltlich anspruchsloses, konservativ ideologisches Fernsehen: Dr. Kleist. Am Dienstag ging das ARD-Märchen vom kernigen Alltagshelden Francis Fulton-Smith als perfekter Arzt, Gatte, Vater, Mensch in die 5. Staffel und wieder fragt sich: Warum tun sich das viele Millionen vernunftbegabter Zuschauer Woche für Woche an?

Von Jan Freitag

Das Fernsehen gilt bekanntlich als Seismograph des Zeitgeistes. Wenn eine Patientin also im Idyll ihres Einzelzimmers nicht weiß „wie ich Ihnen danken soll, Herr Doktor“, worauf der entgegnet, es sei doch viel wichtiger, „dass Sie mehr Zeit auf sich verwenden“, dann wissen wir: Da läuft gerade ein Heimatfilm der piefigen Fünfzigerjahre. Zu dumm, dass dieser hier ein halbes Jahrhundert später spielt, Teil einer aktuellen Fernsehserie ist und viel, viel ernster gemeint ist als je zuvor. Mit dem Zeitgeistseismographen ist das eben so eine Sache.

Denn Dr. Kleist rettet, heilt, liebt und managt im Hier und Jetzt. Und das seit nunmehr 65 Folgen. In der 1. wollte die Hauptstadtklinik des ARD-Arztes für den leidigen Profit 20 Betten streichen, was der Charmeur mit Kanten sodann lautstark anprangerte. Ins betuliche Eisenach setzte er sich aber nicht deshalb ab, sondern weil seine Frau bei einem Unfall starb, nachdem er noch fix einem Suizid vom Krankenhausdach (an einer Hand) vereiteln durfte. So fing vor sieben Jahren alles an, zwischen Berliner Hölle und Thüringer Himmel.

Seither ist Familie Dr. Kleist ein Quotenkrösus, den auch in Staffel V locker sechs Millionen Anspruchslose verfolgten werden, ein Zuschauermagnet wie das gänzlich geschmacklose Leipziger Krankenhausallerlei In aller Freundschaft. Dabei galt das Genre 2004 als klinisch halbtot. Von St. Angela über Bergdoktor bis zu den Stefanies und Onkel Docs lief das Haltbarkeitsdatum des TV-Arztes ab, während halbrealer Zynismus und Heiterkeit von Dr. House bis Doctor’s Diary noch auf sich warten lassen sollten. Der Streit um Gesundheitsreform und Praxisgebühr aber, sagte der damalige ARD-Programmchef Günter Struve einst zum Start, sorge für Bedarf nach einem Doktor wie dem aus Eisenach. Nicht gerade, so Dr. Struve, weil sein Titelgenosse Dr. Kleist derlei Probleme angemessen fiktionalisiere. Nein – weil sich der Mensch im Mediziner nicht in „politische Theorie verstrickt, sondern eine Praxis aufmacht, um konkret zu helfen“.

In ihr vereinigt der Internist nicht nur alle Attribute des multifunktionellen Altruisten, ist also nicht nur Kenner und Könner aller sozialen wie fachlichen Gebiete – der fürsorglich-kantige Heldendarsteller Francis Fulton-Smith macht seine Figur zum Allheilmittel sämtlicher Wehwehchen einer Gesellschaft, die sich nach emotional-kompetenter Führung sehnt. Sein Doktor bündelt die Sehnsüchte seiner Patienten, indem er Bürokraten (also auch Politiker) hasst, Menschen (also auch Zuschauer) liebt und die Familie (also uns alle) vergöttert.

In dieser Welt sind Kinder gütig lenkbar, Väter sensible Zupacker, Mütter erfolgreiche Instinktwesen und Wolken am Himmel Boten lösbarer Probleme. Denn die gibt es in jeder Episode, die Verbotene Liebe heißen und Endlich vereint, Familienglück oder auch mal – huiuiui – Tödliche Gefahr. Sie handeln von den Sollbruchstellen bürgerlicher Ideale, von Unfällen, Streits und Gefahren, die im Panorama der Wartburg dräuen, jenes nationale Erweckungsmonument in einer gottlosen Zeit. Gut, dass der Problemlöser Christian heißt.

Seine Sogwirkung lässt sich allerdings nicht nur mit Eskapismus erklären, der Fernsehflucht vom Alltag; bei Familie Dr. Kleist sucht das Publikum die Beherrschbarkeit einer Zeit, als Ehefrauen den Titel des Gatten trugen, gepaart mit einer Gegenwart, in der Schulrektorinnen unter 40 volljährige Söhne haben, deren Drogenkonsum im Mehrgenerationenpatchworkhaus besiegt wird. Als gäbe es eine Resettaste, die das Böse von der Festplatte der Moderne löscht. Auf die drückt man auch in ähnlich antagonistischen Formaten wie der baugleichen Nonnensause Um Himmels Willen im fiktiven Kloster Kaltenthal, die seit zehn Jahren sensationelle Zuschauerzahlen verbucht. Zumindest bei Senioren, wo auch Dr. Kleist am innigsten geliebt wird.

Auch in seiner aktuellen Staffel dürfte also Christians neue Frau irgendwann in weiß geheiratet werden und nie ferngesehen, dafür im Auto per Freisprechanlage telefoniert, also Verantwortung getragen für Mensch, Natur, das Großeganze, vor allem aber die Familie. Zwischendurch wird es um Liebe, Zank, Versöhnung, Wehwehchen gehen die sehr wahrscheinlich in einer Art von Finale kulminieren, das einst eine frühere Staffel beendet hat. Als Christian Kleist darin erfährt, Großvater zu werden, kriegt seine blutjunge Tochter sofort den genregemäßen Heiratsantrag vom werdenden Papa, bis die blutjunge Oma in spe alias Christina Plate sagt: „Ich freu mich auf das Baby, es wird in einer glücklichen Familie groß werden.“

In dieser Komplexität hat das vermeintlich Gute wohl nie existiert. Im Fernsehen jedoch bündelt es sich in einem Arzt, der selbst beim Fremdgehen moralisch makellos bleibt, da er eben ein ganzer Kerl ist, der Schwächen zeigt und seinem besten Freund „ich liebe dich“ ins Gesicht sagen kann. So ist er, der moderne Mann. „Rufen Sie mich an“, bat er die Patientin im Pilotfilm. Ach hätten wir doch die Nummer.

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