Reisereportage: Monument Valley, Arizona

P1010164Das Tal der Filme

Der Weg von Tuscon ins Munument Valley ist nicht nur eine Reise durch die Schönheiten Arizonas, sondern auch eine in die Historie Hollywoods.

Von Jan Freitag

Eine Landschaft wie ein Filmmuseum. Dort drüben, Dennis Tsosie zeigt nach Osten, „lief Forrest Gump in den Sonnenaufgang“. Weiter westlich, sein Arm schwingt durchs Tal, „ist Michael J. Fox lang geritten“. Und überall, jetzt dreht sich der ledergegerbte Navajo lachend im Kreis, „überall John Wayne“. Das Monument Valley ist ein geschichtsträchtiger Ort und Dennis Tsosie führt Menschen aus aller Welt hinein, durch die Heimat seiner Vorfahren, eines der schönsten Naturdenkmäler überhaupt, zwischen Utah und Arizona gelegen. Würde man nicht die Kälte des Winters so in den Gliedern spüren wie die Freiheit in der Nase – man wähnte sich vor einem Gemälde.

Eines, das wohl jeder schon mal gesehen hat, diese steil aufragenden Felsen inmitten des Nichts. Den linken Handschuh und den rechten, Merrick’s Butte, der Elefant, das Kamel. All die schmalen Bergekuppen auf breitem Sockel dienten bereits als Kulisse vieler berühmter Western und weil jeder von ihnen so unverwechselbar ist, tragen sie die Namen ihrer Formen. Am Totempfahl etwa, meint Dennis, musste Clint Eastwood mal hochklettern. Ganz Arizona scheint ein einziger Drehort zu sein. Phoenix, die Hauptstadt, das museale Sedona im Herzen des sonnigen Bundesstaats, Flaggstaff weiter nördlich, das Cowboyhutsatte Eisenbahnernest an der alten Route 66  – wer von den Old Tuscon Movie Studios mit ihren künstlichen Häuserzeilen im Südosten aus die schnurgeraden Highways hinauf Richtung Grand Canyon fährt, reist durch eine Art virtueller Videothek, wo Hollywood so gern seine Außenaufnahmen macht. Die bizarren Steinformationen des Monument Valley aber atmen Zelluloid aus jedem Körnchen Wüstensand. Nicht mal an den Niagarafällen standen so häufig Kameras wie in jenem Tal, das geologisch gesehen gar keines ist.

Einer hat sie besonders oft aufgestellt, am liebsten auf einem flachen Vorsprung mit Blick übers ganze Terrain. Es wurde nach ihm benannt: John Ford’s Point. Der größte aller Westernregisseure hat die Gegend zur Attraktion gefilmt und dort den Topstar des Genres erschaffen. In der Goulding’s Lodge kann man seine Streifen an der Rezeption leihen und hinterher aus dem Zimmerfenster sehen, wo John Wayne vorbei reiten durfte, immer und immer wieder, Film für Film, meist im Kreis, so fotogen ist das Panorama. Frühaufsteher dürfen mit einem Kaffee in der Hand vom eigenen Balkon aus erleben, wie sich die Sonne hineinleckt in die Ebene, den nächtlichen Nebel über die Monumente drückt und in orangefarbenes Licht taucht. Dann rast mit etwas Fantasie die Postkutsche auf ihrer „Höllenfahrt nach Santa Fe“ über rote Erde. Oder Dennis Hopper auf seinem Chopper. Auch Easy Rider entstand zum Teil nur einen Steinwurf von der Lodge entfernt.

Es ist das markanteste Motel der Umgebung und selbst ein beliebter Drehort, mit seinen pittoresken Holzhütten, vor denen John Wayne als „Teufelsgeneral“ 1949 seine Kavallerie zum Ritt durchs Indianergebiet sammelte. In einem ist ein Museum voller Originalrequisiten, Filmplakate, Erinnerungen an die große Zeit des Kintopp untergebracht. Als John Ford hier seine Crew anleitete, für die nächste Klappe des nächsten Films, einem von gut 50 im Valley. Es sind weniger geworden, weniger Western zumindest, dafür mehr Road-Movies à la Thelma und Louise, die zum Finale in den benachbarten Grand Canyon stürzen. Die Werbeindustrie schaut öfters vorbei – Marlboro, Autos, Parfüm. Und Britney Spears tanzt im Video überm Lake Powell am Westrand des Tals, als sie noch niedlich war. „Es ist ruhiger geworden“, sagt Matt vom Weatherford Hotel in Flaggstaff, 160 Meilen südwestlich. Früher, als im Valley kaum mehr stand als die runden Lehmhütten der Navajo, hätten John Ford und Sam Peckinpah, ihre Darsteller oder Rex Allen, der singende Cowboy, noch lange in der historischen Herberge im Saloonstil residiert. Doch 1999 ließ sich Will Smith für Wild Wild West schon kaum noch blicken. Und Forrest Gump? „We’re the dog poop town“, erzählt Matt grinsend über jene Szene vor der Hoteltür, wo Tom Hanks in Hundemist tritt. Das war’s.

So hängt ein bisschen Wehmut über dem Filmset Arizona, der von seiner Vergangenheit zehrt. Auch Dennis Tsosie schwelgt im Gestern, wenn er Besuchern vom Land seiner Väter erzählt, die als Statisten, Helfer, Führer am Drehen mitverdienten. Vom Ford’s Point, wo das Objektiv so oft nach einem Mann suchte, blickt er hinter sich. „Siehst du die drei Spitzen?“, fragt der Ureinwohner lächelnd, „das W steht für Wayne“. Und das J für John? Er lacht. „Gone with the Wind…“

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.