Würfelstapel & Trockenpflaumen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

28. Oktober – 3.  November

Es gibt so Nachrichten der Medienwelt, die hätten vor einiger Zeit zumindest unter alten Intellektuellen noch indigniertes Kopfschütteln hervorgerufen. Dass etwa Matthias Matussek, der bekannte Kolumnist beim restliberalen Spiegel, demnächst zum billigen Propagandisten der erzkonservativen Welt wird. Oder dass die amerikanische Onlineplattform Netflix seinen TV-Konkurrenten HBO im Vorjahr dank genuiner Internetinhalte wie dem dreifachen Emmy-Gewinner House of Cards um 800.000 auf nunmehr 29,93 Millionen US-Abonnenten überholt hat. In Zeiten aber, da vermeintlich anspruchsvolle mit offen populistischen Blättern ihre Mitarbeiter durchtauschen wie Bild-Schlagzeilen die Kampagnenopfer, überrascht auch die Wachablösung am Markt zugkräftiger Serienproduzenten kaum noch.

Wobei die USA nicht Europa sind. Hier nämlich, in Deutschland zumal, setzt wie gehabt das kostenlose Fernsehen programmatisch die Maßstäbe. RTL zum Beispiel, das sich erst kürzlich die Produktion dreier eigenproduzierter Serien geleistet hat. Nun haben HBO-Formate von Sopranos bis Boardwalk Empire mit dem, was der deutsche Privatmarktführer so unter Unterhaltung versteht, bis auf die fortlaufende Handlung weniger gemeinsam als eine Topfpflanze mit dem Regenwald. Doch der quietschebunte Hauptabendstrauß aus Doc meets Dorf, Christine und Sekretärinnen war immerhin nicht importiert, sondern handgefertigt. Dass die zwei letztgenannten nun mangels Quote eingestellt werden, wirft dennoch eher die Frage auf, warum erstgenannte weiterläuft, wo das doch der gleiche inspirationsfreie, lieblose, inhaltlich abgekupferte Mist in Reihe ist.

Andererseits gehört es zum Wesenskern RTL, mit billigem Schund zwar weiter Zuschauer einzubüßen, nicht aber an Rendite, die nach wie vor hervorragend ist. Umso erstaunlicher, dass die nicht wie 2010 in die Übertragung der anstehenden Fußball-WM investiert wird. Von der ziehen sich die Kölner nämlich 2014 zurück. Und überlassen sicher auch das Spielfeld des europäischen Spitzenfußballs weiter dem ZDF. Das nämlich hat vorige Woche angekündigt, im Jahr drauf erneut um die Champions League zu bieten, eine dreistellige Millionenausgabe, die mit dem Sendeauftrag zwar ähnlich gut erklärbar wäre wie, sagen wir: der Bau eines Teilchenbeschleunigers; aber – hey! – Gebühren gibt’s genug und Fußball ist nun mal ein so integratives Element der Mehrheitsgesellschaft, dass statt RTL womöglich sogar die krankheitsbedingt moderationsuntaugliche Monica Lierhaus in Brasilien davon berichten wird, nachdem ihr die Deutsche Fernsehlotterie kein Halbmillionengehalt mehr für den sonntäglichen Teilzeiteinsatz zahlen will.

Seinen Vollzeiteinsatz im Ersten hat dagegen Kai Pflaume beendet, der dort bis Samstag im Grunde täglich Deutsche Meister im Würfelstapeln auf der flachen Hand oder Hochsprung rückwärts an der Wand hoch zu sehen war und damit ähnlich viele Zuschauer erreichte wie RTL2, wo die durchgespielte Zombieserie The Walking Dead wohl erstmals höhere Primetimequoten erzielte als sein Mutterschiff.

TV-neuDie Frischwoche

28. Oktober – 3.  November

Aber damit das garantiert nicht so schnell noch mal vorkommt, begibt sich RTL2 heute Nachmittag gleich wieder aufs intellektuelle Niveau einer Trockenpflaume: Unterm Deckmantel der Hilfsbereitschaft macht die Dokusoap Jung, pleite, verzweifelt zum Auftakt ein dusseliges Model, morgen dann eine erfolglose Fitnessstudiobesitzerin, also allerlei Ahnungslose verächtlich.

Und auch sonst hält das Programm diese Woche wenig bereit, was substanziell neue Ideen verbreitet. Die CIA-Agentenstory im US-Zehnteiler Missing etwa ist so innovationsfrei, dass Vox den importierten Serienflop heute nach Mitternacht versendet. Morgen zeigt Matthias Schweighöfers rasend erfolgreiche Kinokoproduktion What a Man auf Sat1, wie man von 175 gängigen Geschlechterklischees 173 in nur einer Komödie verwurstet. Während sich Veronica Ferres tags drauf im Ersten als – hoppela! – Alltagsheldin mit den Fußballhelden der Champions League im Zweiten misst. Wohingegen Kommissarin Camilla Läckberg heute auf ZDFneo, belegt, dass auch schwedische Krimis langweilen können.

Besser macht es da die unterschwellig sinistre Dramaserie Top of the Lake auf Arte, wo eine Polizistin ab Donnerstag in Dreifachfolgen ein verschwundenes Kind sucht. Thema banal, Umsetzung genial – das schafft in einzelnen Momenten auch die österreichische Polizeiserie CopStories, ab Freitag um 21 Uhr im Bayerischen Rundfunk, die ein ganz klein wenig an Kottan ermittelt erinnert. Thema genial, Umsetzung begnadet heißt es dagegen abermals beim Kulturkanal, wo die Dokumentation Kalter Krieg der Konzerte am Samstag (21.55 Uhr) Live-Auftritte jenseits des eisernen Vorhangs historisch einordnet, bevor die wunderbare Reportage Vivan Las Antipodas – fast zeitgleich zum neuen Schimanski-quasi-Tatort – am Sonntag Menschen porträtiert, die jeweils auf der gegenüberliegenden Seite der Erde leben.

Ein Ort übrigens, wo nicht wenige Markus Lanz längst hinwünschen, der sich diesmal in Halle (Saale) aufs Sofa setzt. Und mal sehen, ob er da den zur Pornoqueen umprogrammierten Kinderstar Miley Cyres besser als Vorgänger Gottschalk daran hindert, ihr PR-Gefasel von „meinen tollen Fans“ oder „I love you all“ abzusondern. Da darf man sich doch umso mehr auf den Tipp der Woche freuen, der diesmal doppelt ausfällt: am Dienstag im BR Dominik Grafs Frau Bu lacht von 1995, einer der besten Tatorte überhaupt. Und am Tag drauf, 22.20 bei Servus TV: Peter Weirs mystisches Gothic-Drama Picknick am Valentinstag von 1975.

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