Peter Behrens: Trio-Drummer und Autobiograf

BehrensIch bin Rentner

Foto: Moritz Thau

Peter Behrens hat seine Biografie geschrieben. Was für Kenner eine Topmeldung ist, muss man Außenstehenden kurz erklären: Behrens, das ist der Drummer von TRIO, die Ursprungsband der Neuen Deutschen Well. Und er hat eine Menge zu erzählen

Von Jan Freitag

Es gibt Produkte, die sind so untrennbar mit der äußeren Erscheinungsform verbunden, dass jede Änderung irritiert. Als VW seinen Käfer auf Beegle trimmte, verstörte das die Kundschaft noch mehr als Meg Ryans Schlauchbootlippen oder Crystal-Coke. Kein Wunder, dass dieser Greis von 66 Jahren mit Trilby überm aschgrauen Haar für stilles Entsetzen sorgt, wie er da im Eck eines Hamburger Bahnhofscafés sitzt. Stattliche Teile der Menschheit haben schließlich ein anderes Bild von Peter Behrens im Kopf, mit roten Hosenträgern, weißem Shirt und dunkler Moritztolle. Doch das, zeigt sich 30 Jahre später, ist längst Geschichte. Hier sitzt die Gegenwart vom Trommler der NDW-Band TRIO und sie hat viel hinter sich, seit Da Da Da

Eine Frage, die bei Ihrem Leben keine Höflichkeitsfloskel ist: Wie geht’s?

Peter Behrens: Jetzt wieder wunderbar.

Wieder, weil es mal anders war.

Ganz anders. Ich war unten und zwar eine Weile. Kokain, Alkohol, Schulden, Arbeitslosigkeit – das volle Programm. Aber als mich Klaus Marshall anrief.

Ein völlig unbekannter Lehrer aus Soest.

… und meinte, du hast eine großartige Vergangenheit, magst du mir die nicht erzählen – da merkten wir, Mensch, da kann man doch ein Buch draus machen.

Die Autobiografie stand gar nicht am Anfang?

Nein, eher am Ende. Vor einem Jahr ging’s dann los mit der Recherche und ich musste mir erstmal bei Google Gedächtnisstützen suchen; was war in dem und dem Jahr – klick, klick, klick. So was merkt man sich ja nicht mal ohne Alkohol.

Und wer hat das dann aufgeschrieben?

Ich hab zwar Sport und Germanistik auf Lehramt studiert, aber langes Schreiben liegt mir nicht und meine Tippfähigkeiten sind eine Katastrophe. Klaus schreibt, ich denke.

Klaus Marschall, Lehrer aus dem Westfälischen. Weit weg also von Behrens’ Heimat Wilhelmshaven und doch ein Katzensprung verglichen mit der Achterbahnfahrt, die der Drummer dem Ghostwriter diktiert hat. Geboren als Sohn eines amerikanischen GI, landete Peter im friesischen Waisenhaus. Danach wurde er von zwei Bundesbahnern adoptiert, die ihn streng auf eine Beamtenlaufbahn hin erzogen. Schon der junge Behrens entzog sich dieser Option jedoch durch die Musik. Sie führte ihn über Schul-, Schlager- und Krautrockbands 1980 per Zeitungsannonce zu Stephan Remmler und Kralle Krawinkel aus Großenkneten. Ob die Geburt von TRIO im Rückblick Glück war oder Pech? Behrens zuckt die Achseln. Dass Dreiviertel der 270 Buchseiten vor allem davon handeln, spricht für beides.

Sie sind mit TRIO hoch gestiegen und tief gefallen. War das Buch da eine Art Therapie?

Ja. Ich hatte ständig mit dem Schicksal gehadert, denn nach dem Ende bin ich in ein langes tiefes Tal geraten, von dessen Mitte aus betrachtet die Berge immer unerreichbarer wurden.

Und dieser Berg hieß TRIO.

Das war der Mount Everest meines Lebens. Ist er bis heute. Deshalb haben wir von TRIO uns alle, egal wie schlecht es mir selbst ging, auch immer gegen all die Angebote entschieden, die Gruppe wiederzubeleben. Wir haben Geschichte geschrieben, von den Texten übers Entertainment bis hin zum Minimalismus, und ein Denkmal sollte man nicht anpinkeln.

Zumindest sollte man es nicht durch Mehrzweckhallen der Provinz schleifen.

Stimmt. Wir wollten ja noch Underground sein, als es in die Charts ging und waren ebenso vom eigenen Erfolg überrascht wie die Zuschauer der Hitparade, die plötzlich Spaß an uns gefunden hatten. Das konnte keiner der Beteiligten so richtig fassen.

Hat Sie der Erfolg abgeschreckt?

Eher verunsichert. Anfangs fand ich die Streicheleinheiten noch ganz schön, durch Wilhelmshaven zu gehen und hinter mir zu hören, ey, das ist doch Peter Behrens. Mit der Zeit wurde das aber zu viel. Und mit Turaluraluralu, unserem letzten Hit, war die Grenze auch musikalisch überschritten. Kralle und ich dachten, so einen Kack spielen wir nicht. Das war eher so Remmlers Ding.

Remmler. Im Buch sagt Behrens selten Stephan zum Sänger. Man sei im Guten auseinander gegangen, doch während er mit Gitarrist Kralle so gut befreundet blieb wie mit NDW-Größen von Spliff bis Ideal, brach der Kontakt zum Schlagerstar in spe ab. Leider, sagt Behrens heute und stochert im Kartoffelsalat mit Knackwurst. Sein Blick gerät fast so leer, wie es der ausgebildete Clown vor TRIO auf der Mailänder Artistenschule gelernt hat. Diese Teilnahmslosigkeit wurde sein Markenzeichen.

War Ihre Rolle, war TRIO als Ganzes ein Kunstprodukt?

Nein. Jeder hatte zwar seine Rolle: Kralle das Landei, Stefan der Dandy, ich der Clown; aber da war nichts aufgesetzt, unser Zirkus war echt. Auf der Artistenschule hatte ich gelernt, dass das Stoische genau mein Ding ist; darauf gründet der Minimalismus von TRIO, doch das Ruhige, Zurückhaltende entspricht auch meinem Naturell. Ich musste mich nicht groß verstellen. Sowohl die Show als auch die Musik kamen aus mir selbst.

Machen Sie noch welche?

Nicht wirklich. Manchmal werd ich gefragt, ob ich als Schlagzeuger live einspringen kann, man verlernt das ja nicht.

Fehlt Ihnen was?

Nein.

Ehrlich?

Ja.

Warum?

Ach, Wilhelmshaven ist ja nun keine Musikhochburg, wo sich Musik ständig aufdrängt.

Peter Behrens ist jetzt spürbar geschafft, seine Stimme wird dünner, der Blick trüb. Die Jahre ganz unten haben ihn mehr Kraft gekostet als jene oben zwischen Wetten, dass…? und Japantournee. Sein Buch mag fröhlich von der alten Zeit erzählen, in Anekdoten von einer Wahrsagerin schwelgen, die ihm eine Schriftstellerkarriere prophezeite, oder dem „fünften Beatle“ Klaus Voormann, der ihr mit der Entdeckung von TRIO zuvorkam. Von durchgebrachten Millionen, durchzechten Nächten mit Falco, vom „Schnee, auf dem wir  talwärts fahren“ – wie der kleine Mann mit dem zerlebten Gesicht indes die Zigarette zum Abschalten bereit hält, da wird deutlich: Er sehnt sich mehr nach Ruhe als dem Ruhm von einst.

Ist es eigentlich Bodenständigkeit, dass Sie nahe Ihrer Geburtsstadt leben?

Nein, das hat sich so ergeben. Und wenn das mit dem Buch klappt, würde ich auch gern wieder eine Weile in Hamburg leben. Oder noch besser: In Wien. Da haben wir einen Fanclub, der mich ein, zweimal im Jahr einladen. Außerdem ist die Stadt großartig.

Und was machen Sie dann da?

Nix.

Wie nix?

Na nix. Bisschen was mit Freunden machen macht mich schon zufrieden. Ich bin Rentner. Und ich vermisse auch nichts von früher. Schon gar nicht den Stress.

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