Report: Reporter in Politik, PR & Wirtschaft

Michael Inacker7Wechselwähler

Die Journalistin Susanne Gaschke hat den sicheren Redakteursposten bei der soliden Zeit gegen das Kieler Bürgermeisterinnenamt getauscht – und ist krachend gescheitert. Doch anders als früher ist der Weg zurück in ihren Lehrberuf durchaus möglich, wie ein Blick in die Branche zeigt. Dort wechseln Journalisten oft fleißig zwischen Presse, Wirtschaft, Politik und PR – wie das Beispiel des Wirtschaftsreporters Michael Inacker zeigt. So oft, dass diese Reportage vom vorigen Jahr schon wieder überholt ist, weil Inacker längst wieder vom Handelsblatt fort Richtung Berichtsgegenstand war.

Von Jan Freitag

Wenn Michael J. Inacker seine Karriere beschreibt, bedient er sich bei Hermann Hesse. Jedem Anfang, zitiert der Wirtschaftsjournalist den Literaten, „wohnt ein Zauber inne“. Und weil Michael J. Inacker diesen Zauber förmlich sucht, weil er auch mit 48 nach vorn blickt, „weil mir Verändern, Entwickeln, Neubeginnen liegt“, deshalb fängt Michael J. Inacker öfter neu an. Doch was heißt öfter – sein Berufsweg gleicht einem Dauerstart. Vorletzte Abfahrt: Handelsblatt.

Der Rang des stellvertretenden Chefredakteurs im Hauptstadtbüro war nur die jüngste vieler Stationen eines langen Publizistenlebens. Nur waren sie mitnichten alle: publizistisch. Nach acht Jahren beim Rheinischen Merkur und Welt am Sonntag wurde der promovierte Politikwissenschaftler 1998 erstmals für die Industrie tätig. Bis 2006 hatte er bei DaimlerCrysler vom Planungsstab des Vorstands bis hin zur Direktion für Politik und Außenbeziehungen stets Leitfunktionen inne, unterbrochen nur von einer vierjährigen Aufbauhilfe beim Sonntagsableger der FAZ, „mein journalistisches Gesellenstück“, wie er es nennt. Nach weiteren drei Jahren als Ressortchef der Wirtschaftswoche folgte dann die PR-Abteilung der Metro AG, bis er im alten Verlag sein neues Zuhause fand, aus dem er allerdings im September wieder auszog, nach dem eine neuerliche Rückkehr zum Handelsriesen aus Düsseldorf scheiterte.

Michael J. Inacker ist also das, was man einen Wandler zwischen zwei Welten nennt. Einen Botschafter, wie er es ausdrückt, „um das Nichtwissen beider Seiten voneinander zu mildern“. Mit etwas mehr Skepsis kann man ihn allerdings durchaus als Lobbyisten bezeichnen, der frei von Berichterstattungsobjekt zu -subjekt und vice versa flottiert. Damit repräsentiert Michael J. Inacker im Organismus der Kommunikation einen Zelltyp, dessen Membranen zusehends durchlässig werden.

Denn nicht nur im Zuge der Krise alter Medien gehören Übertritte gelernter Reporter ins Marketing von Wirtschaft und Politik zur Branche wie das Praktikum. Dafür muss man nur die Nahtstellen zwischen PR und Presse lesen. In den Personalienrubriken von Kontakter über Horizont bis Werben & Verkaufen gehen die Karrieren munter vom Massenmedium für wöchentliche Produkttests (Focus) zum zuständigen Fachmagazin (Stiftung Warentest), vom Managementreporter der FAZ zum Managersprecher von Air Berlin, von der SPD-nahen FR in den SPD-geführten Berliner Senat. Doch das Personalkarussell dreht sich eben nicht mehr nur in eine Richtung.

Das Handelsblatt-Gewächs Daniel Goffart etwa kehrte nach vier Jahren Arbeit für den Telekom-Vorstand zurück ins Hauptstadtbüro seines Exarbeitgebers. Cornelia Eyssen viele ihrer fast 60 Jahre an der Spitze diverser Frauenmagazine, landete nach einem Schwenk zur Bogner GmbH bei der freundin. Zwischen WAZ, dpa und nun die Chefredaktion der Schwäbische Zeitung schob sich in Hendrik Groths Vita die Repräsentanz von ThyssenKrupp in Südamerika. Und demnächst kehrt der Springer-Zögling Bela Anda nach sechs Jahren beim Finanzdienstleister AWD heim zur Bild, die er als Sprecher Gerhard Schröders neben „BamS und Glotze“ zur Hauptquelle erfolgreichen Regierens erklärt hatte.

Abstecher auf die andere Seite sind offenbar nicht mehr jene Sackgassen, vor denen die Platzhirsche der Redaktionen so lange gewarnt haben. Sie kommen eher als begründbare Ausflüge daher: Der Reiz des Neuen, Abstand vom Alten, ein schöner Exkurs, besser bezahlt zudem und kaum schlechter beleumundet. Trotzdem gelten sie weiterhin als „Frontwechsel“, eine Form des Verrats also, moralisch bedenklich. Zweifel, die ein Alphatier wie Michael J. Inacker weder an sich noch seine Laufbahn heran lässt. Innerhalb der ethischen Grundlagen unseres Gemeinwesens, hebt er an, diene die Ökonomie nun mal dem Ganzen. „Deshalb kann ich kein moralisches Defizit darin erkennen, meine Arbeitskraft einem Industrieunternehmen zur Verfügung zu stellen.“ Ein gewissenhafter Reporter sei dort als Netzwerker, Agendasurfer, Einzelkämpfer schließlich aus drei Gründen gut aufgehoben: „Erstens kann er ums Eck zu denken, zweitens Stimmungen erkennen, drittens mit der Kraft des Arguments leiten.“ Kompetenzen die in verschachtelten, strategisch denkenden, zumal großen Firmen hilfreich seien.

Aber was bitte schult, umgekehrt, Journalisten dort für die Rückkehr? Michael J. Inacker lehnt sich weit zurück in seinem Übergangsbüro beim Handelsblatt. Und ein bisschen lächelt er dabei wie neben ihm Hans Albers: Selbstgewiss, jovial. „Nur Lumpen sind bescheiden“, steht auf dem schwarzweißen Poster mit Ufa-Star, und für den lebenden Maßanzugträger darunter dürfte es mehr sein als bloß ein Filmzitat. „Sie kriegen Feinschliff bei der Menschenführung“, behauptet er von sich und anderen, „sie lernen, irgendwann auch mal zu entscheiden, sie lernen an der Quelle, wie die Wirtschaft tickt.“ Das prägt. Dauerhaft.

Auch danach steckte die Visitenkarte des Handelskonzerns sichtbar auf seinem Schreibtisch, mittig zwischen Familienfotos, Porscheschlüssel und FAZ. Darin nun keine Symbolik zu verorten, fällt schwer. Denn die Nähe aus alter und neuer Verantwortlichkeit ist Gegenstand einer berufsethischen Debatte, die noch eher leidenschaftslos geführt wird. Dass Journalisten medienferne PR-Abteilungen jeden Typs bevölkern wie Skifahrer den Lift rauf zur Piste, ist schließlich gängige Praxis; dass sie diesen Lift indes ab und an auch abwärts nehmen – darüber begann die Branche erstmals lauter zu debattieren, als sich vor zwei Jahren zwei besonders bekannte Wedler an der Bergstation begegneten.

Im Frühling 2010 wurde der Leiter des Bundespresseamtes Ulrich Wilhelm Intendant des Bayerischen Rundfunks, während zugleich der Nachrichtenmoderator Steffen Seibert seinen Posten beim ZDF mit dem des Sprechers von Angela Merkel tauschte. Ein früherer Fernsehjournalist kehrt nach fast 20 Jahren politischer Exekutive zurück in seinen medialen Lehrbetrieb, ein aktueller Fernsehjournalist folgt ihm ins Marketing der christlich-liberalen Regierungskoalition – ein bizarres Stühlerücken im Schaufenster der Medienrepublik. Mit einer bemerkenswerte Komponente.

Denn Seiberts Wechsel, Motive und Eignung für die Aufgabe im Kanzleramt wurden weit hitziger diskutiert als Wechsel, Motive und Eignung seines Vorgängers für die Aufgabe beim BR. Ob der langjährige Stoiber-Intimus mit CSU-Parteibuch die Distanz zur alten Garde wahren würde, wurde zwar thematisiert; der Spiegel empfand Wilhelms „Karrieresprung“ als „durchaus anstößig“. Doch als der Stern den „Drehtüreffekt“ als „skandalös“ beschrieb, ging es um Seiberts Wechsel vom „Mainzelmann zum Merkelmann“ (Süddeutsche). Dessen Loyalität gegenüber der Kanzlerin wurde hörbarer bezweifelt als die des alten Kanzler-Sprechers zum BR. Es ging um Kompetenz, weniger ums Ethos.

Als allerdings publik wurde, dass das ZDF dem Frauenschwarm Seibert bei Nichtgefallen der Politik ein Rückkehrrecht zubilligte, kam die Frage der Moral doch auf. Man müsse sich schon entscheiden, so der Vorwurf. Ganz oder gar nicht. Wer einmal auf der anderen Seite steht, so die These, verliert jede kritische Distanz, mithin die ethische Grundlage vorurteilsfreier Recherche. „Sicher, der Weg zurück ist seltener“, hält mit Ferdinand Knauß ein Journalist gegen, dem beide Seiten bekannt sind, und verweist auf all die Exkollegen hinterm Sprecherpult der Bundespressekonferenz, die sich genau zu überlegen hätten, welche Inhalte und Personen sie fortan vertreten. „Aber man verkauft beim Wechsel in Wirtschaft und Politik doch nicht seine Seele!“

Schon gar nicht Knauß selbst, den die Auflösung seines Wissensressorts beim Handelsblatt Anfang 2010 ins Bundesministerium für Bildung und Forschung spülte. Nach 16 Monaten BMBF-PR zieht es den 38-Jährigen indes dorthin, wo sein Herz schlägt, wie er es nennt, wo es stets schlug: Journalismus. Als Kommentator von Wirtschaftswoche-Online, auf Bitte seines neuen Vorgesetzten Roland Tichy, der seinerseits in 30 Jahren Berufserfahrung fleißig zwischen Kanzleramt, Zeitungen, Marketing und Medienpolitik changierte. Für Ferdinand Knauß sind das unverdächtige Karriereetappen, sinnvolle gar. „Ich habe im Ministerium viele Einsichten und Erkenntnisse gewonnen“. Dann klingt er fast feierlich: „Übrigens auch in Bezug auf den Journalismus.“ Eher Draufsicht als Einsicht, involviert, aber distanziert. Horizonterweiterung. Und was passiert, falls er nun übers alte Ministerium berichten soll? „Sie werden in der nächsten Zeit nichts von mir übers BMBF oder Annette Schavan lesen!“ Das verstehe sich von selbst.

„Ich habe eine Meinung zu dem, was in meinen alten Unternehmen passiert“, räumte auch Michael J. Inacker ein, als er noch fürs Handelsblatt schrieb. Da er aber ohnehin für Politik zuständig ist, „setze ich mein Wissen nicht für eine Berichterstattung darüber ein“. Inacker klingt dabei sehr gelassen. Wer ansonsten den Weg zurück antritt, verbittet sich jeden Generalverdacht der Voreingenommenheit bisweilen aufs Schärfste. Geradezu respektlos findet es zum Beispiel Marc-Oliver Hänig, „solche Wechsel stets moralisch in Frage zu stellen.“ Fast die Hälfte seiner 40 Jahre habe er für die WAZ gearbeitet, erst frei, dann als Volontär, zuletzt fest angestellt, ein Feuilletonist durch und durch. Dass er nach zweijähriger Etappe als Sprecher von „RUHR.2010“ wieder im alten Job ist, nur bei der Bild in Essen, „so etwas kann und muss jeder mit sich selbst ausmachen“. Zumindest, sofern er im Nachhinein „gewissenhaft genug ist, andere über seinen alten Arbeitgeber berichten zu lassen“. Außerdem habe er mit der europäischen Kulturhauptstadt eine gute Sache vertreten. „Keine Tütensuppen, geschweige denn Waffen.“

Selbst die würde Michael J. Inacker gegebenenfalls vertreten, in einer sozialen Marktwirtschaft, deren freiheitlich demokratische Grundordnung nun mal wehrhaft sei. Das sei eine Frage der persönlichen, nicht der Standesmoral. Informationen suchen oder dosieren, Fragen stellen oder beantworten? Der Gedanke, die Gräben zwischen Marketing und Medien seien zu breit, um sie kreuzweise zu überqueren, erscheint seltsam überholt. Das Verkaufen journalistischer Inhalte hat sein despektierliches Potenzial verloren, seit Finanzinvestoren vom TV-Sender bis zum Lokalblatt alles übernehmen, was Rendite verspricht. Wo Gewinn kein Randaspekt verlegerischen Handelns mehr ist, sondern Wesensinhalt, wirkt Ziffer 6 des Pressekodexes, „Journalisten und Verleger üben keine Tätigkeiten aus, die die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen könnten“, folglich so alt, wie er ist, aus einer Zeit also, da das Internet noch rein militärisch genutzt wurde.

Spätestens, als sogar die politisch korrekte FR 2007 aufs Tabletformat mit Tratschteil umstellte, hat das Boulevardprinzip als Selling-Proposition auch die letzte Bastion nüchterner Berichterstattung erfasst. Und wenn es auch in der Presse zusehends um Absätze geht – warum bitte nicht mit guten Verkäufern? Pressesprecher und Redakteure, weiß Michael J. Inacker, „kennen ihre Riten und Gebräuche, Bedürfnisse und Vorlieben“, die Zwänge, den Konkurrenzdruck. Das helfe beiden Seiten. Es mag in einer ökonomisch verflochtenen Welt zwar bedenklich sein, dass Wirtschaftsjournalisten am muntersten hin und her pendeln. Ebenso bedenklich ist es, in ernsten Ressorts zum Makel zu machen, was bei Sportlern im Reporterrang zum Einstellungskriterium wird: Insiderwissen, praktische Kompetenz.

Eins aber unterscheidet etwa den moderierenden Exeistänzer Rudi Cerne grundlegend von schreibenden Exsprechern wie Michael J. Inacker: Die aktuelle Station ist rein biologisch wohl die letzte. Auch für Journalisten gebe es zwar einen point of no return, meint der neue, alte Wissenschaftsredakteur Knauß: „Wenn sie die Institutionen durchlaufen.“ Unternehmerisch Richtung Verwaltung, politisch Tendenz Verbeamtung. Grundsätzlich aber bestehe jene Exit-Option fort, die sich ein Steffen Seibert sogar schriftlich geben ließ.

Die Merkelkollaboration scheint also auch für den Nachrichtenmann das zu sein, was viele Kollegin darin sehen: Episode. Nach all den Jahren Feuilleton etwa wollte Marc-Oliver Hänig „einfach mal raus“. Doch auch als RUHR.2010-Sprecher habe er „nie aufgehört, Journalist zu sein“. Sein Intermezzo am freien Markt sieht Hänig somit als Frischluftzufuhr. Wie so viele. Cornelia Eyssen schwärmt noch heute von ihrer Flexibilität beim Modehaus Bogner, dem Glück, „eine Ausstellung zu organisieren“, statt vom Büro aus die Berichte anderer darüber zu koordinieren. Auch Zeit-Herausgeber Michael Naumann war es leid, „ein Dekorationsstück“ zu sein. „Wie Waldorf & Stadler.“ Als ihm Hamburgs SPD anbot, sich als Bürgermeisterkandidat „im politischen Prozess für ein Land zu engagieren, dem ich große patriotische Zuneigung entgegenbringe“, griff der einstige Kulturstaatssekretär zu – und nutzte die Niederlage zum Neubeginn: Als Chefredakteur des Cicero schrieb Naumann künftig wieder mehr als Leitartikel und war seinem Beritt weit näher als vor der politischen Eskapade.

Oft sind es indes arbeitsfernere Gründe, die Journalisten zurück auf Los führen. Nicht das Geld; wer heimkehrt in den Schoß der Medien, nimmt meist Gehaltseinbußen in Kauf. Da sich einer wie Michael J. Inacker „in beiden Welten gleich wohl“ fühlt, steckte somit etwas anderes hinter seiner letzten Volte, eine Art familiärer Pragmatismus. „Bei der Metro bin ich täglich stundenlang von Düsseldorf zu meinen Kindern gependelt.“ Die Fahrt von seinem Berliner Handelsblatt-Büro, das nun vom früheren Spiegel-Mann  Thomas Thuma geleitet wird, dauerte nur Minuten.

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