Whistleblowerblower & Gaumen-Auditions

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

4. – 10. November

Es gibt TV-Stars, die sind derart untelegen, dass ihre Präsenz auf dem Bildschirm andere als die üblichen TV-Gründe haben muss. Christian Ströbele ist so einer. Seit der Grüne mit dem roten Schal unterm schlohweißen Haar kürzlich zur Audienz beim Whistleblower Edward Snowden geladen wurde, geistert er so unablässig als Whistleblowerblower durch die Nachrichten, als wären alle anderen Politiker plötzlich kamerascheu. Und es ist ja auch die pure Freude, diesem Parlamentsfossil dabei zuzusehen, wie es die neue Aufmerksamkeit nach all den Jahren am Rande der Macht genießt, wie es vor den Mikrofonwäldern feixend berichtet und dabei spürbar aufblüht. Wie er eine Art Markus Lanz seriöser Berichterstattung gibt, der seine Euphorie zuweilen nicht ganz im Griff hat, damit allerdings nach wie vor Massen von Menschen erreicht.

Nur dass Christian Ströbele dabei nicht halb so langweilig und überkommen ist, wie der Showmaster am Samstag auch bei seiner Hallenser Volksmusikausgabe von Wetten, dass…? bewiesen hat, die sich mit dem Couchbesuch des pornografisierten Exkinderstars Miley Cyrus vor der Minuskulisse von gut 6 Millionen Zuschauern aufs Neue medial infantilisiert hat, ohne damit das heiß ersehnte Publikum unter 63 in geplanter Zahl zu erreichen. Naiv, wer da noch leugnet, dass das ZDF nicht längst am Vorgänger Gottschalk baggert, um ihn womöglich doch, wer weiß, irgendwann, nun ja – zur Rückkehr zu bewegen.

Was ja ohnehin voll im Trend läge: Hans W. Geissendörfer hat vorige Woche schließlich auch angekündigt, seine Lindenstraße durch die Exhumierung der Exbewohner Oli Klatt (Will Herren) und Robert Engel (Martin Armknecht) aus dem Quotentief zu holen. Die Rückbesinnung aufs Hergebrachte ist ja schon deshalb kein Wunder, weil die Ermittler am Tatort Weimar vor acht Tagen zwar jünger als jedes andere waren, in der werberelevanten Zielgruppe aber hinterm neuesten Harry Potter lagen.

Dies Zielgruppe unter 50 ist schließlich fürs Regelprogramm kaum noch zu begeistern. Und wenn sie sich schon vor den Fernseher setzt, dann doch zusehends beim Pay-TV mit der Möglichkeit, Importe im Originalton zu sehen (also nicht wie seit gestern House of Cards bei Sat1 mit gewohnt mieser Synchronisation). Wohl deshalb hat Sky schon das dritte Quartal in Folge schwarze Zahlen geschrieben und wird nun auch filmerisch tätig: In Zusammenarbeit mit der ProSiebenSat1-Tochter Red Arrow lässt der Bezahlsender die internationale Krimiserie 100 Code von Oscar-Gewinner Bobby Moresco produzieren. Im Erfolgsfall dürfte die Ausstrahlung Anfang 2015 einen Wettbewerb handgemachter Qualitätsformate auslösen.

TV-neuDie Frischwoche

11. – 17. November

Und somit hoffentlich öffentlich-rechtliche Hochglanzbiederkeit wie Das Mädchen mit dem indischen Smaragd ersetzen, das nach dem gestrigen Auftakt heute in den zweiten Teil geht. Denn auch wenn das sagenhaft berechenbare ZDF-Märchen ab und an etwas unheile Welt zwischen bitterer Armut und groteskem Reichtum zeigt, ist die sündhaft teure Produktion am Billigdrehort nichts als ärgerliches Kaugummifernsehen für Anspruchsreduzierte.

Was das ZDF an diesem Punkt mit Sat1 gemeinsam hat, wo morgen eine schmerzhaft dämliche Western-Schnulze mit dem schmerzhaft debilen Titel In einem wilden Land läuft. Auch hier scheitert der Versuch, Realismus mit Schauwert zu paaren furios. Wenn Stars von Nadja Uhl über Benno Führmann bis Thomas Thieme ihr Cowboy-und-Indianer-Laienspiel im Texas vor 150 Jahren aufführen, ist das zwar besser besetzt als der subkontinentale Gegenwartsquatsch mit dem Traumschiff-Girl Stephanie Stumph; beides jedoch ist gleichermaßen ebenso schlicht inszeniert wie, sagen wir: nachgestellte Mordfälle bei Aktenzeichen XY.

Um derartige Kapitaldelikte geht es übrigens auch beim Preis gegen das Verbrechen, der dort am Mittwoch verliehen wird. Besser: um verhinderte. Denn die staubige Denunziationssause prämiert Jahr für Jahr couragierte Menschen, die bei Straftaten übelster Art eingeschritten sind. Und weil diese Straftaten Jahr für Jahr irgendwo zwischen Pädophilie, Massenvergewaltigung und Genozid pendeln, erweckt das CSU-Format wie immer den Eindruck, dieses Land brauche dringend mehr Law & Order.

Dass das Land mehr Kochshows brauche, glaubt dagegen unbeirrbar Sat1, und startet parallel The Taste, eine Art The Voice für Spitzenköche, quasi Gourmet- statt Gesangscasting, also mit Blind Auditions für den Gaumen. Aber nicht alles mit englischem Titel verspricht schlechtes Fernsehen zu werden. Die Comedyserie The League (ab Donnerstag, 22 Uhr, RTL Nitro), über eine Gruppe junger Leute, die zwischen Online-Spiel und Realität nicht recht unterscheiden können, gilt in den USA durchaus zu Recht als lustiger Geheimtipp. Vielleicht hätte es der ARD also geholfen, den Mittwochsfilm Arnes Heritage statt Nachlass zu nennen. So aber ist die nächste Siegfried-Lenz-Verfilmung mit Jan Fedder als irgendwie ausgelaugter Seemann bloß noch ein Abklatsch all der vorigen.

Ein Abklatsch diverser Themenwochen ist im Kern zwar auch die diesjährige. Doch wenn sich das ARD-Programm ab Samstag eine Woche lang ums Glück dreht, tauchen darin garantiert immer mal wieder spannende Fernsehmomente jenseits des Erwartbare auf. So spannend womöglich wie Freitag Lars Beckers Krimidrama Unter Feinden auf Arte mit Fritz Karl als krimineller Bulle. Was jedenfalls allemal spannender sein dürfte als das Fußballfreundschaftsspiel in Italien, das zeitgleich im Zweiten stattfindet. Noch härtere Kost empfiehlt dagegen der Tipp der Woche, morgen auf Arte: Claude Lanzmanns Shoah, 585 Minuten harte Holocaust-Aufarbeitung ohne Leichenberge am Stück.

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