Charly Hübner: Vater & Vaterdarsteller

Ich spreche Dinge zügig aus

Charly Hübner gilt als einer der besten Schauspieler im Land. Sein Polizeiruf-Kommissar Bukow gilt als Quintessenz des überzeugenden Ermittlers. Seit drei paar Jahren allerdings muss der 40-Jährige auch noch zeigen, ob er als Vater überzeugt. Im famosen Beziehungsfilm Eltern zeigt der Mecklenburger ab morgen im Kino, dass er ihn zumindest wunderbar darstellen kann. Ein Gespräch über vertauschte Rollen, verstockte Männer, seinen eigenen Vater und wofür ihm die Zeit fehlt

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Charly Hübner, was ist ein guter Vater?

Charly Hübner: Also auch, wenn mein nicht mein leiblicher Sohn ist: Kinder sind Schutzbefohlene ihrer Eltern, die diese Aufgabe nach Kräften erfüllen sollten. Die einzige Prämisse ist also, ihr Leben zu schützen und bestmöglich aufs Erwachsenenleben vorzubereiten, ohne allzu sehr einzuengen.

Klingt nach moderner Erziehung.

Ich weiß nicht, ob das modern ist; über diesem Begriff sind mir schon zu viele Theorien gescheitert. Aber sie folgt dem ureigenen Wesenskern dessen, was ich als gute Erziehung empfinde.

Die Sie selbst auch genossen haben?

Ich stamme aus einem sehr opportunistischen DDR-Elternhaus stamme, dem es besonders wichtig war, nicht aufzufallen, nicht anzuecken vor allem. Darauf war alles fokussiert, in diesem Rahmen wurde in unsere Entwicklung eingegriffen. Ich vermittle zwar Grundregeln, sorge für Essen, Liebe, ein Dach überm Kopf, lasse es ansonsten aber laufen.

Darin ähnelt Charly dem Konrad in Robert Thalheims Kinofilm Eltern.

Er ist sogar noch ein wenig leichtsinniger als ich. Die Hybris des Ich-krieg-das-schon-hin, ist mir eher fremd. Ich brauche etwas Struktur und Kontrolle, während sein Haushalt ohne den strengen Alltagspragmatismus seiner Frau in Richtung Hippie-Chaos ginge, gerade was Sicherheit und Hygiene betrifft.

Das ist die klassische Rollenumkehr alter Familienverhältnisse, in denen die Frau den Haushalt schmeißt, bis der Mann nach Feierabend heimkehrt und sagt, wie es richtig geht.

Und genau das versucht der Regisseur Robert Thalheim auch zum Ausdruck zu bringen. Auch aus seiner eigenen Elternzeit heraus, die er vor diesem Film genommen hatte. Ich selber stelle mir solche Fragen nach Rollenzuweisungen gar nicht, weil ich für eigene Kinder ohne Zögern sofort das Maximum an Elternzeit nehmen würde. Meine Frau und ich haben schließlich den gleichen Beruf.

Sind sie und Lina Beckmann denn beide im selben Umfang beruflich eingebunden?

Ja. Somit sind wir Quartalseltern, meist im Wechsel. Und es gibt ja auch noch den leiblichen Vater, zu dem wir ein super Verhältnis haben. Es geht halt darum, dass unser Sohn eine gute Zeit hat mit seinen Oldies, die zu dritt sind seit er zwei ist. Die Kinder von Konrad dagegen haben nur einen Vater und eine Mutter, die ständig arbeitet.

Was unterscheidet Konrad noch von Charly?

Beim Bukow aus dem Polizeiruf darf ich tun, was mir an meinem Beruf die größte Freude bereitet: mich vollends verwandeln, im wahrsten Sinne des Wortes spielen. Konrad und ich dagegen entstammen ähnlichen Subkulturen, wir sind beide Künstler und lassen uns von Kindern einen Teil unseres Lebens bestimmen. Deshalb habe ich hier gar nicht so viel über Techniken nachgedacht, sondern meinen Text gelernt, vorm Drehen einen Pullover angezogen und das Tempo gehalten, dass die Kids vorgeben. Was mich an Konrad aber stört, ist seine Verschlossenheit.

Worin äußert sich das?

Daran, mit seinem Ego hinterm Berg zu halten, seine Sorgen und Bedürfnisse nicht zu äußern. Etwa, unbedingt wieder arbeiten zu wollen, jahrelang weder mit seiner Frau noch sich selbst zu besprechen. Dieses Schweigen führt zum Beispiel dazu, dass er zehn Jahre, nachdem es in Mode war, dieses viel zu radikale Castorf-Theater inszenieren will. Und das zwangsläufige Scheitern verstärkt dann die Unvereinbarkeit von Job und Familie so sehr, dass alles, was so lange unausgesprochen blieb, explodiert. Da ticke ich total anders.

Inwiefern?

Er lässt alles ewig in sich rumgrummeln, ich spreche Dinge zügig aus.

Könnte man die Geschichte umgekehrt ebenso spannend, unterhaltsam und relevant erzählen?

Wenn die Hausfrau Christine vom Ernährer Konrad Selbstentfaltung einfordert? Vor 30, 40 Jahren, als Frauen vehement ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe abseits der Mutterrolle eingefordert haben, wäre das eine erzählenswerte Geschichte gewesen.

Um die wieder herzustellen, sagt Konrad, er brauche „auch mal jemanden, der mir den Rücken freihält“, worauf ihm Christine vorwirft, wie „’ne frustrierte Ehefrau“ zu klingen.

Ja, klug gemacht von Robert oder?

Macht erst der Ausbruch aus der Normalität Geschichten erzählenswert?

Nicht nur. Normausbrüche wie die umgedrehte Rollenkonstellation sind zwar spannender als die typische, aber die wirklich interessanten Aspekte des Lebens findet man dort, wo sie gewöhnlich sind. Filme sind toll, wenn sie atmosphärisch auf die Bremse treten, statt es dauernd knallen zu lassen.

Oder Beziehungsprobleme ständig als Komödien zu erzählen.

Genau. Kurzfristig war Eltern als Romantic Comedy geplant; da hab ich gar nicht grundsätzlich was gegen, aber hier wäre das bloß eine Sammlung plakativer Zitate zur allgemeinen Erheiterung gewesen, Papier statt Drehbuch. So aber entsteht ein Mikrokosmos, der Fragen aufwirft, die irgendwann an den Horizont politischer Verantwortung knallen: Macht die Politik eigentlich alles richtig, um Konflikten wie diesen vorzubeugen? Sind die Rahmenbedingungen geschaffen, um finanzielle Absicherung, persönliche Entfaltung und widerstreitende Egos in Einklang zu bringen? Dieses Fass macht Robert auf, lässt den Zuschauern aber genug Raum, es selbst zu füllen.

Wie werden Sie das Ihrer Meinung nach tun?

Es ist witzig, dass mich nach der Premiere in München viele Frauen angesprochen haben, die sich so einen Mann wie Konrad wünschen, also auf einer Metaebene mit mir über den Film geredet haben. Männer dagegen wollten mir eigentlich nur über meine schauspielerische Leistung sprechen.

Als wäre denen das umgedrehte Rollenverhältnis irgendwie unangenehm?

Wahrscheinlich. Ich bin mal gespannt, wie der Film auf meinen Bruder wirkt, der gerade versucht, zwei Kinder und Frau mit dem Beruf zu vereinbaren. Der ist gerade voll in der Mühle. Logistik, Logistik, Logistik. Und das wird natürlich mit jedem Kind komplizierter.

Würden Sie das für weitere Kinder in Kauf nehmen?

Ja. Ich will seit Jahren eigene Kinder und hab dafür nun zum ersten Mal in meinem Leben die richtigen familiären Verhältnisse. Jetzt müssen da nur noch die Götter dran rühren.

Welche Familiengröße verträgt denn das unstete Pendlerleben zweier Schauspieler?

Ach, viele denken ja, wegen all meiner Filme arbeit ich quasi durch. Aber ich habe mir schon immer Freiräume geschaffen und mache – seit ich mir das erlauben kann – fünf Monate im Jahr Drehpause. Das brauche ich für meine Familie, aber auch für mein Seelenheil. Egal, ob zwei oder vier Kinder – ich werde damit einen Umgang finden. So ticke ich. Wenn es die Familie erfordert nehme ich mir die Zeit von der Arbeit, wenn es die Arbeit erfordert, die von der Familie. Das ist alles eine Aushandlungssache, eine Frage des Redens.

Und eine Frage des Portfolios. Denn Sie haben ja gerade ein neues Standbein eröffnet.

Ach!?

Als Dokumentarfilmer.

In 16x Deutschland, stimmt. Dazu bin ich wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, weil die formale Vorgabe der ARD war, der Autor des jeweiligen Beitrags solle aus dem jeweiligen Bundesland kommen. Da haben sie einfach den derzeit bekanntesten Fernseh-Mecklenburger gefragt, also Kommissar Bukow. Nachdem ich drüber geschlafen hatte, war ich plötzlich Dokumentarfilmer.

Und haben ihre Heimat als Nazimoloch geschildert.

Der Ansatz war, den geilsten Erholungsort der Republik zu zeigen, wo man sich in der Natur entspannen kann wie nirgends sonst. Drei Stunden bei uns im Mischwald zu sitzen und nichts zu tun, bringt mich zurück in den Urzustand, wie von Gott gewaschen. Dafür brauche ich nur ein paar Schritte und stehe mittendrin. Das mache ich bei jeder Gelegenheit. Deshalb wollte ich für 16x Deutschland eine Viertelstunde Angeln auf’m See zeigen. Aber als ich im Kopf die Bilder durchgegangen bin, kamen eben auch andere Bilder.

Und haben Sie jetzt Blut geleckt, was dieses Genre betrifft?

Dafür muss mir jemand Vertrauen vorschießen wie es damals der NDR getan hat. Dann bin ich zu allem bereit. Zwei Jahre für ein ehrgeiziges Projekt durch die Instanzen zu gehen, um Mittel zu akquirieren, dafür bin ich zu ungeduldig. Ich funktioniere übers Quatschen.

Da wären wir wieder bei der Familie.

Ja, sobald ich die Möglichkeit kriege, Dinge kommunikativ zu regeln, bin ich froh.

Also: Sind Sie ein guter Vater?

[lacht] Das müssen Sie meinen Sohn fragen. Ich würde mir aber mehr Beständigkeit in der Anwesenheit wünschen. Kinder lieben Rituale, Regelmäßigkeit, Vereinbarungen, die ich ihm leider nicht immer bieten kann. Was umso schlimmer ist, wenn ich mich daran erinnere, wie furchtbar es für mich war, wenn der Vater wochenlang unterwegs war wegen irgendwelcher Karnevalssitzungen der neuen Session, die er organisiert hat. Andere Kinder hatten präsente Väter, richtige Bauernburschen, mit denen es raus ging in die Natur. Unserer arbeitete an Büttenreden.

Und für die Stasi.

Und für die Stasi.

Empfinden Sie diese Erkenntnis heute als Belastung?

Im Gegenteil: als Erleichterung. Wir hatten es ja irgendwie immer geahnt und ständig nachgefragt. Als er es dann nach Leben der anderen endlich von sich aus zugegeben hat, war das ein wichtiger Schritt, auf den jetzt allerdings der zweite folgen muss: in zwei Jahren kriegen wir Akteneinsicht. Ich will wissen wer der Vater  überhaupt war, mit dem wir die Achtzigerjahre verbracht haben und will ihn einfach verstehen,

Im Sinne von Verständnis aufbringen?

Vielleicht. Wo hat er zum Beispiel – das ist die Hoffnung des liberalen Sohnes – falsche Fährten gelegt. Wo hat er aber auch – das ist seine Angst – richtig Mist gebaut?

Und wenn ja?

Würden wir Kinder uns grade machen und sagen, wie’s war.

Drüber reden.

Immer drüber reden.

“Eltern” von Robert Thalheim läuft ab morgen im Kino

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.