Reise: Surfen vor Irland

Beifang im Schnee

Vier Surfer, eine alte Feuerwehr, 13 Boards und ein windsicherer Herbsttrip nach Irland – eigentlich war für vier Norddeutsche alles für den perfekten Surfurlaub gerichtet. Eigentlich.

Von Jan Freitag

Wer solche Bedingungen hat, flüchtet sich schon mal ins Philosophische. „Wir sind immer auf der Suche nach dem großen Fisch“, Christian Tesche krault sich versonnen im Kinnbart, „und dabei kriegen wir eine Menge Beifang ins Netz“. Er sagt das mit viel Bedacht. Das ist nicht immer die Art des bekennend einfach gestrickten Mecklenburgers. Wie gesagt – die Bedingungen müssen Gedankenspiele zulassen. Gerade bei Surftrips in die Ferne, gerade, wenn die Erwartung groß, die Realität jedoch ernüchternd ist. Und die Erwartungen an eine Reise nach Irland, vier Surfer, ein Journalist und eine ausgebaute Feuerwehr mit 13 Boards auf dem Dach, sind natürlich enorm.

Kein Wunder, mitten im stürmischen Herbst. Und an der rauen Atlantikküste, versichern alle Wetterexperten, ist die Windgarantie fast einklagbar. Dazu dank Golfstrom mildes Klima und herrliches Licht. Ein Surfertraum in grün. Leider sieht die Realität etwas anders aus: Kaum ein Lüftchen, unzuverlässiges Wasser, dafür viel Regen und Temperaturen nah am Gefrierpunkt. Da wird Beifang, wie Christian Tesche ihn definiert, besonders wichtig. Wellenreiten zum Beispiel, mehr aber noch Land und Leute, Kultur, Natur, alles pur. „Durchs Surfen komm ich an die schönsten Orte der Welt“, sagt der exzentrische Künstler. Und die irische Westküste zählt ohne Zweifel dazu.

Um sie sehen zu können, muss Sören Klement zunächst mal putzen. Er ist wie jeden Morgen als erster erwacht und die Scheiben des Daimlers sind wie jeden Morgen beschlagen, dass es nur so tropft. „Es hat geschneit“, ruft er plötzlich in den dunstigen Innenraum und die Mitreisenden wählen im Geiste die Nummer der nächsten Psychiatrie. Zwei Tage später wird ihnen ein Einheimischer mit Brett unterm Arm erzählen, ansonsten lasse er im Oktober außer Neopren nur T-Shirts an seine Haut und dann das: Die zierlichen Berge im Rücken des Küstenorts Easky tragen weiße Kappen. Immerhin – es gibt Wellen!

Die Gruppe schält sich aus ihren Schlafsäcken, begräbt alle Hoffnungen, dass fünf schlafende Männer einen Sechs-Meter-Bus vor der Außentemperatur bewahren und steht einen Kaffee später am Ufer. Wie verrückt prügelt die Flut Ozeanwogen zum Strand. Dumm nur, dass es fast völlig windstill ist. Noch am Abend zuvor waren Sören und Matze Wellenreiten. Im Dunkeln. Als Aufwärmtraining für den heutigen Windsurf sozusagen. Dachten sie wenigstens. Drei Tage lang sind sie nun schon auf Spotsuche. Und das nach ebenso langer Anreise von Rostock, Hamburg, Cuxhaven über Harwich und Wales Richtung irische Westküste. Drei Tage auf den geräumigen Fähren der DFDS-Seaways oder im schwerfällig knatternden 508er, nur kurz unterbrochen von einem Ritt im kühlen walisischen Kanalwasser von Fresh Water West und zwei Guinness im Pub an der Landstraße. 70 Stunden bis zum Surfhimmel – die Donagal Bay unweit der nordirischen Grenze. 70 weitere auf der Suche nach einem anderen, manchmal durch Schneematsch. „Die letzten zehn Tage waren hier einfach perfekt.“ Die Worte des Windsurfshopbesitzers der Bezirkshauptstadt Sligo dröhnen dem Quartett noch immer in den Ohren. Das zermürbt die gelassensten Norddeutschen. Der Weg ist eben nicht immer das Ziel.

Immerhin, im Internetcafé nebenan gibt es bessere Nachrichten. Olaf, mit 36 der Senior der Reisegruppe, hält triumphierend den Ausdruck hoch. „Guck dir die Isobaren an“, jubelt der eher stille Kieler mit 22 Jahren Surferfahrung. Dicht wie eine LP-Rille liegen die Luftdrucklinien über Irlands Westen. „Ab morgen wird’s gut und Samstag geht es richtig rund“, interpretiert er die Daten. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Doch erst mal liegt die gute Laune im Sterben. Donegal Bay samt Topspot Tullan Beach, die sonst so windsichere Sligo Bay, eine idyllische Bucht am Aughris Head, auch Easky, das irische Surfmekka und Sitz der Irish Surf Association – alles wunderhübsch gelegen, voll feinstem Beifang, doch alle wollen aufs Wasser. Allen voran Matze Bade. Der schwarzgelockte Holsteiner, dem man eine Reihe seiner 28 Jahre nicht ansieht. Sonst eine schier unerschütterliche Frohnatur sitzt er frierend im Bus und mault. „Wir haben hier den perfekten Spot und eine 8-Beaufort-Ansage für Samstag und statt die zu catchen checken wir heute aufwändig einen Spot mit fünf und die sind auch noch sketchy.“

So lautet die Übersetzung seines Unmuts darüber, dass die anderen trotz akzeptabler Bedingungen mal wieder noch bessere anpeilen. Ein Mehrheitsbeschluss. Demokratisch korrekt. Aber auch meteorologisch? Auf dem Weg zur Killala Bay, noch so ein Tipp aus dem Surfshop, treffen sie ein echt irisches Original. Speckiger Sturmmantel, lange Haare, Vollbart, Gummistiefel. Nur seine Herkunft kratzt am Klischee. „Tolle Bucht hier“, sagt der emigrierte Hamburger inmitten alter Fischerboote. Angenehm ruhig, keine Touristen, gute Wellen. Aber zum Windsurfen, das weiß der 40-Jährige, seit es ihn 1984 eigens dafür nach Irland verschlug, „müsst ihr noch weiter“. Auf die Halbinsel The Mullet, um genau zu sein. Dann geht alles sehr schnell: Abfahrt gen Westen, 50 holprige Kilometer Secondary Road, Ankunft kurz vor der Dämmerung und die Nase in den Wind. Es frischt auf. Endlich! Dann geht es noch schneller. Alles runter vom Dach. Alles. In wenigen Minuten schrumpft die Wagenhöhe von knapp vier auf gut zwei Meter. Keine halbe Stunde später ist der letzte in der Brandung. „Ich hab noch nie so fix aufgeriggt“, keucht Olaf nach gewonnenem Kampf mit seinem 5,3er Segel, dem klammen Neopren und läuft zum Strand.

Ihn erwarten vielleicht fünf Windstärken. Matze, der beste unter vier Könnern, macht daraus ein paar schöne Sprünge. „Auf den kannst du dich verlassen“, lobt Sören, der surfende Pressefotograf aus Rostock, und blickt etwas wehmütig auf das, was ihm grad entgeht. Hohes Tempo ins Abendrot zum Beispiel. Oder Christians vielleicht beste Welle seiner 29 Jahre. Er hat es gerade selbst gemerkt, so spitz fegt sein Schrei durch die kalte Luft. Ein kurzes Geburtstaggeschenk, aber ein schönes. Und nicht das letzte. Ein weiteres kommt von den Einheimischen, die tags drauf zum Wellenreiten herbei strömen. Surfen, das ist am Atlantik wie Skifahren in der Schweiz. Und noch ein Unterschied zu Deutschland: Der Frauenanteil ist enorm. Die Hälfte auf dem arktisch kühlen Wasser ist, grob geschätzt, weiblich. Und am Wochenende – Stichwort 8 Beaufort – treffen sie sich alle genau dort zum Windsurfwettbewerb, wo gerade Sörens Feuerwehr parkt. Auf der Westseite zum Freestyle, auf der Ostseite zum Supercross. „Hier ist einer der besten Windsurfspots in Irland“, schwärmt Dave, der wie so viele hier jeden Abend von der Arbeit zum Strand fährt. Ein Traum: Board statt Büro in Minuten, aus dem Blaumann in den Neo. Schade nur, dass die Außentemperatur weiter gegen Null tendiert.

So ähnlich übrigens, wie die Trefferquote der Wettervorhersagen. Denn (natürlich) herrscht am Samstag fast Flaute – das nervt die irischen Teilnehmer kaum weniger als die außer Konkurrenz surfenden Deutschen. „Ich fang gleich an zu trinken“, kündigt Matze schon mittags an und kann von Glück reden, es nicht getan zu haben. Gegen Abend frischt es auf. Am zweiten Tag lautet das Motto erneut: Erst der Contest, dann das Vergnügen. Denn mit der Dämmerung kommt der Sturm. Und nach dem Sturm die Party. Mittendrin: die vier „courageous germs“, die für die beste Welle im Zweifel die Klippen rasieren und einen Wagen bewohnen, der den Locals als Landefahrzeug feindlicher Invasionstruppen vorkommen muss. „Die denken doch, hier steigen gleich zehn Leute aus“, mutmaßt Sören lachend über die Surfboardparade auf dem Dachgepäckträger.

Das ausgediente Mehrzweckfahrzeug einer bayerischen Ortsfeuerwehr, mit Baudatum 1975 sogar zwei Jahre älter als Sören, sein Besitzer, scheint das Halbinselgespräch zu sein. So ist wenigstens bei der Frage nach dem Weg zu spüren. Kein Wunder – außen signalrot mit zwei stattlichen Strahlern vorn und achtern, innen skurrile Typen: Matze Bade, optisch irgendwo zwischen Tom Hanks und Mehmet Scholl, Topsurfer und wandelnder Dresscode auf der einen Seite, viel beschäftigter Ingenieur und Bausparer auf der anderen. Daneben, fast einen Kopf größer, Olaf Barth, irgendwie sein Gegenteil. Gerade im Neopren mit Kappe erinnert der zweifache Vater mit Wohnsitz Postbus an die Nihilisten bei Big Lebowsky, schneidet aber statt Zehen ab lieber Surfboards zu. Auf Rädern – eines gediegenen Zirkuswagens – lebt auch Autofreak Sören Klement, der dank blonder Mähne, Zahnpastalächeln und unerschöpflicher Energie jeden Surferbildband schmücken würde. Abzüglich des Arbeitseifers trifft das auch auf Christian Tesche zu, daheim an der Ostsee sein Nachbar. Ein Freund bizarrer Bärte, hübscher Frauen und großer Steine, die er unentwegt an Irlands Stränden sammelt, um sie auf seinem Hof bei Rostock in rostigen Stahl zu schweißen.

In jeder Ecke des überladenen Wagens liegen sie herum. Glattgewaschene Findlinge, Kunstwerke in spe. Doch was die Restbesatzung erst nervt, wird nach der nächsten Weiterfahrt plötzlich nützlich – als Ballast. Es stürmt. Land unter an der Südküste. Das schlimmste Unwetter seit mindestens 60 Jahren, titeln die Zeitungen. Das geilste Wetter seit mindestens sechs Tagen, jubeln die Surfer. Red Strand, Ownachincha – beste Spots bei Nordostwind. Und weiter östlich, am Galley Head und Old Beach, unterhalb von Cork, wird es beinahe zu heftig. „Absolut hardcore“, meint Matze und kämpft bei heftigen Böen mit dem Segel. An Land wackelt der Wagen wie bei einem Erdbeben. Auf dem Wasser bricht Olafs Mast, sein Gesicht macht Bekanntschaft mit einer Riesenwelle und schwillt linksseitig auf Kiwigröße an. Es beginnt die Zeit der 1000 Reißverschlüsse: Segel- und Boardbag, Wasch- und Reparaturbeutel, Foto- und Videotasche, Jacken und Neos – alles bleibt auf Standby.

Vor allem die Bademode. Weil manche Spots zu heftig, andere zu kabbelig sind, geht es im Wagen hin und her. Wie üblich. Doch die Hoffnung hat gesiegt: Vorsorglich bleiben die Anzüge am Leib. Bei den Fahrten über geflutete Landstraßen, durch dicke Regenfronten, wird auch im Wageninnern die Luft greifbar. Immerhin, Christian kriegt sein drittes Geburtstagsgeschenk: die erste Dusche seit bald zwei Wochen. Das vierte folgt sogleich, schon auf dem gedehnten Rückweg zur Fähre. Ardmore, ein perfekter Windsurftag bei strahlendem Sonnenschein und kräftigem Nordostwind. Das Wasser ist hier schon nicht mehr richtig offener Atlantik und noch nicht wirklich Irische See, die Stimmung ist noch nicht Abreise, aber auch nicht mehr so recht Urlaub. Die Stahlkiste auf dem Dach, einst prall gefüllt mit Wurst und Fleisch, ist jedenfalls ebenso leer wie der Schrank mit den Spaghettibeständen. Also wird es abends im Pub wehmütig. Geschichten von früher, von den schönsten Orten der Welt, von völlig windstillen Trips in den Neuseeländischen Surferhimmel, gigantischen Kuppen vor Hawaii und Südafrikas legendären Rechtshänderwellen, von den Freundinnen daheim und der drohenden Lohnarbeit machen mit jedem neuen Bier etwas melancholischer die Runde. „Eigentlich war es doch richtig geil, oder“, bittet Sören um Zuspruch für seine immense Vorbereitung.

Auf jedem Fall! Und wie!, folgen die anderen. Nur das Gruppenleben im Bus, fügt Matze bierselig hinzu, „war manchmal so stressig wie auf’m Boot.“ Es fehle nur das Geschaukel. Dafür gab es am Ende doch noch tolle Surftage. Und reichlich Beifang.

Der Text ist in der SURF erschienen: http://www.surf-magazin.de/reisen/irland/irland-roadtrip/a609.html



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