Falsche Bärte & Hamsterräder

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

11. – 17. November

Wenn es doch nur so einfach wäre: Einen Bart, empfahl Annette Bruns zum Karnevalsauftakt, sollten sich all jene Frauen ankleben, die es im Journalismus zu Höherem zieht als, sagen wir: dufte Artikel zu schreiben. Eigentlich war das ein Vorschlag, so antiquiert und doof wie die Männerseilschaften ihrer Branche selbst – käme er nicht von der Vorsitzenden des Interessenverbands ProQuote, dem es seit Jahren misslingt, die Herrenrunden an den Redaktionsspitzen mit Sachargumenten von weiblicher Durchdringung zu überzeugen. Grund für die Faschingsidee war ein besonders schlagendes: im Medienmagazin journalist nämlich suchte ein süddeutsches Verlagshaus seinen Chefredakteur allen Ernstes mit den Worten: „Als publizistischer ‘erster Mann’ und redaktioneller Macher geben Sie Impulse und Anregungen“.

Zu dumm für Frauen also, die Sache mit dem doppelten X-Chromosom. Zu dumm auch für Alina Levshin, die es aus Sicht öffentlich-rechtlicher „Medienfrauen“ im neuen Erfurter Tatort mit den üblichen Klischees weiblicher Krimifiguren zu tun kriegte: Heilige, Hure, herrische Vorgesetzte und ein Mordopfer“, beklagten Vertreterinnen von ARD, ZDF nebst ORF und verliehen dem strukturelle geriatrischen Sender hinterm bislang jüngsten Ermittlerteam der Reihe (MDR) angesichts so viel Rückständigkeit die „Saure Gurke“ für ungewöhnlich frauenfeindliches Fernsehen in einem ungewöhnlich staubigen Medium. Und um die schlechter Woche für den Großteil des Publikums zu komplettieren, hat auch noch die erste dpa-Chefredakteurin seit Agenturbestehen unvermittelt den Dienst quittiert. Angeblich, weil Isabelle Arnold sich „neuen beruflichen Herausforderungen widmen“ will; tatsächlich wohl auch, weil ihr die Männer des Metiers Tag für Tag das Leitungsleben zur Geschlechterhölle gemacht haben.

Dafür ist gerade einer zurück auf der Medienbühne, dem die männlich dominierte Erregungsgesellschaft voriges Jahr gezeigt hatte, wie gern sie im Zweifel auch X-Chromosmenmutanten durch die Zähne mahlt: Christian Wulff. Der einst erste Mann im Staate steht also wieder im Rampenlicht. Zum Glück nicht als Politiker, geschweige denn als Bundespräsident, aber als Nachrichtenthema. Ein vorherrschendes sogar – auch wenn es sein Fall verglichen jetzt bloß zu zwei Talkshowthemen gebracht hat statt zu 17 wie im Frühjahr 2012. Damit war Wulff fast so oft am Bildschirm zu sehen wie Helene Fischer. Die allerdings schafft es derzeit sogar, den berüchtigten Bambi zurück in die Quotenspur früherer Jahre zu ziehen, was zumindest ein bisschen kaschiert, dass die ARD da Jahr für Jahr eine Dauerreklame des Burda-Verlags unterm Deckmantel eines medial völlig bedeutungslosen Fernsehpreises ausstrahlt.

TV-neuDie Frischwoche

18. – 24. November

Werbung in eigener Sache darf übrigens auch Michael Herbig machen, wenn er ab heute auf Pro7 seinen Kinofilm Buddy mit dem Casting Bully macht Buddy bewerben darf, das sicher rein zufällig exakt zum Kinostart mit der sechsten Folge endet. Kommen wir also zu etwas Erbaulicherem als Strafprozessen um fünfstellige Veruntreuungsbeträge oder als Unterhaltung getarnte Reklameblöcke von drei Stunden Länge. Zum Beispiel den ARD-Mittwochsfilm Ein Schnitzel für alle, Fortsetzung der fast gleichnamigen Unterschichtenkomödie mit Fleischlappen für zwei vor drei Jahren. Oder die importierte Pro7-Serie Apartment 23, über New Yorker WG-Befindlichkeiten, Donnerstag nach Mitternacht. Oder das, was 3sat gleich die ganze Woche macht. Jeden Tag zur besten Sendezeit zwei Filme zu zeigen nämlich, die zwar allesamt schon gelaufen sind, aber dennoch zum Besten zählen, was das fiktionale Fernsehen 2013 geliefert hat. Kreutzer kommt … ins Krankenhaus zum Beispiel, morgen um 20.15 Uhr, mit dem sehgewohnheitssprengenden Christoph Maria Herbst als durchgeknallter Ermittler. Und im Anschluss die famose Theateradaption Die Frau von früher. Mittwoch dann das Schweizer Familienmelodram Kursverlust, gefolgt vom Kundus-Reenactment Eine mörderische Entscheidung, was Donnerstag im Alzheimer-Drama Die Auslöschung mit dem furiosen Klaus Maria Brandauer gipfelt.

So gut kann Fernsehen also auch heute noch sein, so abseitig, reichhaltig, vielseitig. Wie übrigens auch der heutige Spreewaldkrimi namens Feuerengel, der mit Christian Redl als Kommissar zum fünften Mal die Ereignisarmut wunderschön gefilmt zum Stilelement jenseits der Langeweile adelt. Das genaue Gegenteil davon und trotzdem ungebrochen brillant ereignet sich parallel bei Pro7, wo die 500. Folge der Simpsons läuft, einer Zeichentrickserie, die hoffentlich nie, nie, nie endet. Das ZDF dagegen gibt diese Woche Anlass zu einer exakt gegenteiligen Hoffnung: Mittwoch, Mittwoch, Mittwoch möge doch bitte, bitte, bitte der Irrsinn, Aberwitz, Stromlinienquatsch enden, uninspirierte Moderatoren wie Johanns B. Kerner uninspirierte Formate wie Der Quiz-Champion moderieren zu lassen. Stattdessen aber geht es damit schon Samstag weiter und dann immer, immer, immer wieder.

Das Regelprogramm ist manchmal wie ein Hamsterrad des Wahnsinns. In das Sixx heute um 17 Uhr eine neue Kochshow schickt. In das die ARD morgen das nächste Fußballfreundschaftsspiel schickt. In das Pro7 zum Wochenendauftakt sein notorisches TV total Turmspringen schickt. In das die ARD tags drauf den nächsten Tatort schickt. Obwohl – der ist diesmal wirklich gelungen, weil Wotan Wilke Möhring als norddeutscher Kommissar endlich abruft, was man schon im ersten Teil von ihm erwartet hatte: Fiktionales Fernsehen der Extraklasse.

Nonfiktionales in dieser Liga liefert heute das Zweite – auch wenn Carolin Schmitz’ Schönheit, eine Dokumentation über plastische Operationen im Rahmen der ZDF-Reihe 100% Frauen, natürlich erst nach Mitternacht laufen darf. Etwas früher macht es der Ableger ZDFkultur morgen (21.50 Uhr) mit The Transatlantic Feedback, dem preisgekrönten Porträt der Rockband Monk, die dem Punk bereits Mitte der 60er den Weg bereitet haben. Da kann selbst der Tipp der Woche nicht mithalten, glänzt aber durch zeithistorische Relevanz: Zu John F. Kennedys 50. Todestag zeigt die ARD am Freitag den zugehörigen Blockbuster von Oliver Stone (0.45 Uhr), nachdem Pro7 mit dem US-Drama Parkland das Attentat zur Primetime jenseits der bekannten Erzählstränge gezeigt und 3sat JFK in die Sendereihe Legenden einfügt hatte.

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