Aktenzeichen XY: Aufklärung & Denunziation

Unter Generalverdacht

Zum 12. Mal hat das ZDF gestern mutig Menschen, die sich mutig dem Verbrechen entgegenstellen, mit dem XY-Preis prämiert. Doch was im Kern ein guter Ansatz ist, verfährt wie die Sendung insgesamt nach dem Grundsatz: Besser ein falsch Beschuldigter zuviel als ein freier Täter. Aus Anlass der diesjährigen Verleihung zeigen die freitagsmedien heute ein Porträt der Sendung aus Zeiten, als Wolfgang Schäuble noch für Recht und Ordnung zuständig war.

Von Jan Freitag

Rudi Cerne ist ein gebranntes Kind. Es war im Jahr 1978, als ein Klima der Hysterie den Verbrecherjäger des ZDF ins Fadenkreuz der Ermittler trieb. „Auf einem Flughafen bin ich irrtümlich verhaftet worden“, erinnert sich der heutige Moderator von Aktenzeichen XY … ungelöst. 30 Jahre später auf dem sicheren Terrain des Ludwig-Erhard-Hauses in Berlin. Ein „zappeliger Polizist“, habe den amtierenden deutschen Eiskunstlaufmeister mit Christian Klar verwechselt. Jetzt kann er darüber lachen: „Der hatte doch mehr Angst vor mir als ich vor ihm.“

Tja, so war das eben damals, rund um den Deutschen Herbst. Es herrschte eine Atmosphäre diffuser Phobien vor allem und jedem. Wer Gitanes rauchte, galt als verdächtig, wer BMW fuhr ohnehin, wer irgendwie aus der Rolle erst recht – und sei es durch bloße Ähnlichkeit mit dem Bösen. Bei Rudi Cerne war es die optische Übereinstimmung mit dem Passbild eines gesuchten Terroristen. Kleiner Kollateralschäden, sagen die einen, Pech gehabt. Ergebnis politischer Panikmache, die anderen, ein Vergehen namens Generalverdacht.

Cerne gehört zweifellos zu ersteren, denn der Journalist scheut auch mit 50 Jahren das Feuer falscher Verdächtigungen nicht. „Bei so einem schrecklichen Verbrechen müssen wir keine Statistiken bedienen“, kommentiert er entsprechend die Vergabe des XY-Preises 2008 durch Wolfgang Schäuble. Zum siebten Mal prämierte damit ein Bundesinnenminister zivilcouragierte Bürger, die irgendwie dem Verbrechen trotzen. Fünf davon werden in der heutigen Sendung von Aktenzeichen XY vorgestellt: Ein Sportlerduo, das zwei Kinderschänder überführt, eine 44-Jährige, die in einer Straßenschlägerei interveniert, und eine Spaziergängerin, die ein Mädchen vor ihrem Vergewaltiger gerettet hat.

Diese drei Fälle wählte eine zehnköpfige Jury aus Kriminalisten, Sicherheitsdiensten, Versicherern und dem ZDF unter 100 Vorschlägen aus. Eine seltsame Gewichtung, betrachtet man die deutsche Straflandschaft: zwei pädophile Missbräuche bei einer Körperverletzung – macht 66,66 Prozent der Auszeichnungen, obwohl diese (zweifellos furchtbare Tat) einen kaum messbaren, zumal rückläufigen Anteil an der Kriminalstatistik aufweist. Ob diese Unwucht nicht vor allem Stammtische befriedigt und sich inhaltlich auf dem Niveau der Bild-Zeitung bewegt? „Nein, nein“, antwortet da Rudi Cerne. Es läge an der Medienvielfalt, dass bestimmte Taten stärker in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, „ganz sicher nicht am Zweiten Programm“.

Ganz sicher?

Beispiel sexueller Missbrauch. Während seine Zahl in 15 Jahren um 22 Prozent sank, tippten 89 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage auf massive Steigerung. Ähnlich sieht es bei Mord aus: statt des Rückgangs um zwei Fünftel, glaubten die Teilnehmer im Schnitt an eine fast ebenso große Zunahme. War sexuelle Nötigung im Spiel, betrug die Verschätzung satte 475 Prozent. Der Kommunikationsforscher George Gerbner erklärte das als „Kultivierungstheologie“: TV-Zuschauer denken nicht nur, die Flut an Fernsehverbrechen sei real; sie halten sogar Berufsgruppen, die im Film häufig morden, für krimineller. Arme Zahnärzte.

Und ob die nun tatverdächtig sind oder doch eher stoppelbärtige Kiezgestalten – mindestens 40 Prozent aller vorgestellten Fälle, rühmt sich die XY-Redaktion, wurden seit 1967 im Anschluss an die sinistren Nachstellungen, schwarzweißen Fahndungsfotos und präsentierten Tatwerkzeuge aufgeklärt. Davon abgesehen, dass der enorme Überhang an Gewalt- und Kapitalverbrechen – vornehmlich in Kombination mit sexueller Gewalt gegen Kinder – den Eindruck erweckt, wir leben in einem Land der Mörder und Vergewaltiger, bleibt offen, wer zu Unrecht verdächtigt wird und wer gezielt denunziert. Schon 1970 druckte Die Zeit eine Liste fälschlich Verhafteter vom vermeintlichen „Hertie- Knacker“ über eine Frau, die mehrmals zu Unrecht des Betrugs bezichtigt wurde, bis hin zu einem Landarbeiter, der sich verdächtig machte, während der Sendung aufgesprungen zu sein. Und dieses Frühjahr ging der Fall zweier Deutscher durch die Presse, deren Foto versehentlich als das eines amerikanischen Serienmörder-Pärchens gezeigt wurde.

Es gibt Suizide in U-Haft, revidierte Urteile, zerstörte Renommees zuhauf, Rudi Cerne aber sagt, es könne schon mal zu Verwechslungen kommen und fragt: „Soll man lieber einen Täter laufen lassen, als ein paar mal daneben zu liegen?“ Genau das ist die Kardinalfrage bürgerlicher Übernahme exekutiver Hoheitsaufgaben und Kern des ausufernden Sicherheitsstaates, den Formate wie XY befeuern. Gesellschaftlich bleibt sie heiß diskutiert, beim ZDF gilt sie als beantwortet: Selbstzweifel kennt man dort nicht, der Vorwurf von Böll bis zur „Vereinigung sozialdemokratischer Juristen“, die Sendung sei Denunziantenfernsehen für Spießer wird mit fast 600 gefassten Mördern und Millionen treuer Fans gekontert. Und die die aktuellen Preisträger belegen ja, dass die Inkaufnahme übler Nachrede mit 10.000 Euro und einem Händedruck von Minister Schäuble honoriert werden kann.

Welche Blüten das treibt, zeigt der Film zur Tat, in dem sich die prämierten Michael Pieper und Peter Dahnke selber spielen. Beim Training in einem Kasseler Badesee fielen den beiden Triathleten zwei Männer an der Seite kleiner Jungen auf, „die deren Großeltern sein konnten“. Ach was… Dass die sich am Ende tatsächlich als Triebtäter herausstellten, ist eine Sache und das Eingreifen aller Ehren Wert. Dass ältere Männer mit potenziellen Enkeln an der Hand per se als dubios gelten eine andere. „Natürlich geht immer mal etwas schief“, sagte Law-and-Order-Mann Schäuble in seiner Laudatio und lobte Eduard Zimmermann, der unsere Gesellschaft lebenswerter gemacht habe. Zumindest für jene, die nicht versehentlich ins falsche Visier geraten.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2027304/XY-Preis-2013

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