Kabarettlücken & Kluftingerkrimis

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

18.-24. November

Dass das gute alte Fernsehen soziokulturell, also über Gebührendebatte und Quotendiskussion hinaus, noch wirklich was bewirken kann, kennt man eigentlich nur noch aus Zeiten, als ihm Dieter Hildebrandt noch subversiv stammelnd seinen Stempel aufgedrückt hat. Lang ist’s  her. Zehn Jahre genau. Damals verließ Deutschlands einflussreichster Nachkriegskabarettist gerade noch rechtzeitig den Scheibenwischer, bevor es darin Richtung Comedy ging. Jetzt ist er friedlich eingeschlafen – und das im Bewusstsein, keine Lücke im politischen TV-Humor zu hinterlassen; schließlich kennt das Nichts keine Zwischenräume. Da ist es beinahe tröstlich zu hören, dass Hildebrandts Verbreitungsplattform auch nach seinem Tod noch was im Publikum bewegt. Obwohl: wenn die wachsende Zahl an Serien mit Spionagethemen von 24 bis Homeland dafür sorgt, dass die Zuschauer selbst geheimdienstliche verordnete Folter positiv bewerten, wie eine US-Studie ergab, würde man dem Medium vielleicht doch so wenig Einfluss aufs Publikum wünschen wie, sagen wir: Wetten, dass…?.

Wer das moderiert, belegte vorige Woche eine repräsentative Forsa-Umfrage, ist den meisten nämlich längst mehrheitlich egal. In der Publikumsmissgunst landet der aktuelle Moderator Lanz zwar immer noch stolze drei Prozent hinter seinem Vorgänger Gottschalk. Aber wenn selbst Freundschaftsspiele die Quote von Europas noch immer erfolgreichster Fernsehshow locker ums Doppelte überholen, scheint es längst egal zu sein, wer das ZDF-Lagerfeuer leitet. Sogar die parallel zur Nationalmannschaft gezeigte Traumschiff-Wiederholung brachte es mit gut fünf Millionen Zuschauern auf einen Wert, der gar nicht so weit von seiner letzten Ausgabe in Halle lag.

Da fragt sich natürlich, ob je wieder etwas kommt, was jenseits vom Lieblingssport der Deutschen derart realsozialistische Einschaltquoten erzielen könnte. Irgendwas auf Skiern vielleicht, deren zugkräftigste Disziplinen seit vorgestern monatelang die öffentlich-rechtlichen Bildschirme fluten werden – Olympische Spiele inklusive, bei denen im Frühjahr nach ein paar Momenten wohlfeiler Basiskritik am korrupten Gigantismus der Marke Putin rasch wieder nur die Zuschauerresonanz zählen wird.

TV-neuDie Frischwoche

25. November – 1. Dezember

Die dürfte dann auch heute Vorabend wieder groteske Ausmaße annehmen, wenn die leicht abgehangene ARD-Serie Großstadtrevier in ihre sage und schreibe 27. Staffel geht. Stammkunden des Ersten Programms stehen um diese Tageszeit eben ungebrochen auf bürgerlich verabreichte Alltagsrelevanz im heiteren Grundton. Und weil es seit einiger Zeit auch auf Polizeiformate in Mundart und Tracht steht, schiebt die ARD am Donnerstag gleich noch den nächsten Kluftingerkrimi mit Herbert Knaup als eigenbrötlerischem Ermittler in seiner Allgäuer Heimat hinterher. Da es insgesamt aber bei Mordfällen doch den Tatort bevorzugt, wird der schwäbische am Sonntag – völlig zu Recht – wohl doch den höheren Zuspruch erzielen.

Zuvor aber zeigt die ARD aber noch das, was ihr Mittwochsfilm vermag, wenn er mit Darstellern à la Claudia Michelsen oder Lars Eidinger besetzt ist. In Grenzgang zeigen die zwei Ausnahmeschauspieler, wie reduziert man die Liebesgeschichte zweier unfreiwilliger Provinzler nach dem gefeierten Debütroman von Stephan Thomas inszenieren kann, ohne an Wirkung zu verlieren. Mit so viel gediegenem Understatement kann eine Alexandra Neldel natürlich nicht dienen, die in der Sat1-Schmonzette Die verbotene Frau am Dienstag 91 der 125 Minuten Sendezeit ihr zuckersüßes Lächeln durch eine klebrige Orientwelt spazieren führt. Wobei die überzählige halbe Stunde natürlich keine seriös dreinblickende Neldel zeigt, sondern Werbung – wo erfahrungsgemäß auch eher wohlfeiler Frohsinn herrscht.

Da seien dann doch besser Kanäle ohne Werbepause empfohlen. Der Pay-TV-Sender AXN zum Beispiel, wo am Mittwoch die wirklich allerletzte Folge von Breaking Bad läuft. Besser aber noch Arte, das tags zuvor im Rahmen seines Dokumentarfilmfestivals das unterhaltsame Porträt The Big Eden über den angeblich letzten Playboy Rolf E. zeigt. Oder tags drauf zur besten Sendezeit auf ZDFkultur: Kate (Moss), Untertitel: Vom Model zur Ikone. Ein Typ Superstar, den Günther Jauch kaum auf die RTL-Couch kriegt, wenn er Sonntag den alljährlichen Rückschaumarathon eröffnet. Bei 2013! sorgen halt doch eher die üblichen Boulevard- und Ballermann- nebst einiger Sendergesichter wie den Klitschkos für Menschen, Bilder, Emotionen. Menschlicher, bildreicher, emotionaler, aber dabei ungleich besser lautet  da der Tipp der Woche: Tilda Swinton im Trinker-Roadmovie Julia von 2008 (Dienstag, 22 Uhr, Servus TV). Die ganze Kraft des Films in einer einzigen Schauspielerin.

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