Herbert & Karl Knaup: Film- & Realitätsbrüder

So a bleder Hund

Geboren tief im Allgäu, leben Karl und Herbert Knaup längst als gut gebuchte Schauspieler in Berlin. Im so genannten Kluftingerkrimi: Milchgeld standen die zwei Brüder voriges Jahr zum ersten mal gemeinsam vor der Kamera. Zum nächsten Heimatmordfall dieser Art (Seegrund, Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD) zeigen die freitagsmedien dasn Doppelinterview mit beiden über damals und heute

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Karl und Herbert Knaup, im Kluftingerkrimi geraten Sie mehrfach aneinander. Wie im richtigen Leben?

Karl Knaup: Ach, Herbert war unter meiner Knute (der lacht), aber wir sind sechs Jahre auseinander, da prügelt man sich doch nicht mit dem Jüngeren. Als er sechs war, kam ich in die Pubertät; da hat man nichts miteinander zu tun.

Herbert Knaup: Keine Ahnung, ob du mich da nicht doch auch mal verprügelt hast.

Karl: Aber selbst wenn, war und ist unsere Familie bis heute so konzipiert, dass sich alle unterstützen. Neid gibt es zum Beispiel nicht.

Auch nicht darauf, dass Ihr Bruder die weitaus größeren Rollen kriegt?

Karl: Es ist mühselig, darüber nachzudenken. 80.000 Schauspieler, die grad keinen Job haben wünschen sich eine Chance auf Größeres. Auch ich. Das ist halt so in dem Job. Jeder will zeigen, was er kann, aber nur eine Handvoll schafft es auch. Aber ich habe meine Karriere, er hat seine, die hatte nur andere Glücksmomente.

Herbert: Und Karl kann es mindestens genauso wie ich, das ist das Ärgerliche, dass er nie meine Chancen gekriegt hat, es auch zu zeigen. Man muss manchmal nur in den richtigen Momenten am richtigen Ort sein wie ich 1993.

Karl: Du meinst Die Sieger von Dominik Graf.

Herbert: Als der Hauptdarsteller an Hirnhautentzündung starb, wurde ich nachbesetzt. Das war der Einstieg. Dann braucht’s halt zwei, drei repräsentative Chancen als Motor. Mein Bruder bekam die leider nicht. Dabei war Karl lange mein Vorbild. Wir haben zusammen musiziert, acht Jahre zeitgleich in Hamburg gelebt, sind zusammen um die Alster gejoggt, wir haben uns im Laufe der Zeit immer besser verstanden.

Verstünde es ein Außenstehender, wenn Sie jetzt wie daheim miteinander reden?

Herbert: Sie meinen den Dialekt? Wir können auch anders: So a bleder Hund, diesa Repoata, Karl. Aber nein, wir reden so, wie wir jetzt miteinander reden. Das macht der Beruf.

Karl: Da ist kein Rest-Allgäuerisch mehr. Ausgetrieben. Schon auf der Schauspielschule wurde den kleinen Haien die klare Aussprache eingetrichtert.

Herbert: Andererseits steckt das Idiom tief in einem. Fragen Sie mal Jan Josef Liefers, wie die ihm das Sächsische abgewöhnt haben. Trotzdem wird er zuhause ins Dresdnerische zurückfallen. Die Heimat kriegt man nie ganz aus einem raus.

Das macht Filme wie Milchgeld so erfolgreich – diese Sehnsucht nach Heimat.

Karl: Zum Glück. Denn regionale Farben wie den Dialekt zu erhalten, ist ungeheuer wichtig, sonst verschwinden sie irgendwann.

Herbert: Das schafft auch Selbstbewusstsein, weil man eher lernt, zu seinen Eigenheiten zu stehen, wenn sie in der Öffentlichkeit kultiviert werden. Ohne die Pflege des Idioms zum Beispiel, könnten Leute, die Fränkisch sprechen, sonst den eher dialektfreien Hamburgern nicht mehr auf Augenhöhe begegnen, weil es als vorsintflutlich gelten würde.

Karl: Die Medien, vor allem das Internet, schleift da alles ab. Unter Jugendlichen ist Dialekt doch oberuncool.

Herbert: Durch unseren Beruf haben wir dagegen die Chance, den Schalter umzulegen und von Hochdeutsch auf Dialekt und zurück zu schalten, ganz nach Bedarf. Sehr komfortabel. Aber dass der Bedarf auch über den Sprachraum hinaus groß ist, zeigt ja der Kluftingerkrimi. Der erste Teil war 2009 das erfolgreichste Fernsehspiel Europas. Deshalb hat ihn die ARD aus seinem bayerischen Exil erlöst und über die Weißwurstgrenze exportiert. Dialekt lohnt sich.

Wobei es darüber hinaus auch um Charakterzeichnungen geht. Dabei kommen die meisten Figuren ziemlich verschroben weg, Ihre besonders, ein echtes Landei.

Karl: Das stimmt, und es erfolgt sehr bewusst. Das Lustige war: Bei der Überlegung, was ich in der Rolle anziehe, hab ich mir Kleidung ausgesucht und draußen am Drehort gemerkt: Der echte Bauer sah genau aus wie ich, Blaumann, Cordhut. Wenn die Realität sich so mit der Darstellung deckt, ist da keine Verächtlichkeit versteckt.

Herbert: Die Autoren und Kostümbildner suchen sich bei der Ausstattung der Charaktere quasi ihre eigenen Mütter und Väter aus. Das schafft bei aller Merkwürdigkeit aus städtischer Sicht eine besondere Art von Respekt, die sich etwa in beruflicher Kompetenz hinter der bäuerlichen Fassade äußert. Die ist bei mir ja durch eine stattliche Leibesfülle gekennzeichnet, für die ich mir nicht nur ein paar Pfunde anfuttern musste, sondern auch so einen Bauchgürtel trug. Andererseits sind dicke Menschen oft schwungvolle Tänzer, und auch Kluftinger nimmt ja manchmal beachtlich Fahrt auf. Was ich sagen will: es liegt im Auge des Betrachters.

Karl: Die Allgäuer selbst lieben die Darstellung ihres Schlags sogar, das wissen wir.

Herbert: Die sind das komplett uneitel, weil sie sich ohnehin permanent gegenseitig mit so einer bauernschlau-schlagfertigen Art, sich freundschaftlich zu beleidigen, wachrütteln.

Ist das hinterfotzig?

Karl: Nein, hinterfotzig ist eher so leicht verschlagen, hinterm Rücken. Aber wir sind ja auch keine Bayern. Nicht so eigenständig wie die Franken, aber der Allgäuer gehört seit 1802 zu Bayern.

Herbert: Was du alles weißt.

Karl: … und wir haben auch keine Hauptstadt wie Nürnberg.

Herbert: Unser Dialekt ist viel vermischter, mit Schweizerischem, Alemannisch.

Sind Sie noch in Ihrer Heimat verwurzelt?

Karl: Ach, so richtig nur noch durch Gräber.

Herbert: Obwohl es unsere Mama, die mit 92 immer noch sehr rüstig ist, wie einen Lachs dorthin zurückzieht. Aber keine Frage: Wir lieben das Allgäu beide, kriegen nur unseren Arsch nicht hoch von Berlin aus in diesen Winkel, noch mal 170 Kilometer von München aus. Wie eine steinerne Gebärmutter, rechts und links diese Berge…

Karl: Ich kenn das ja auch schon.

Ist der Kluftingerkrimi das Allgäu Ihrer Kindheit oder der Gegenwart?

Herbert: Schon der Gegenwart. Die Kindheit war idyllischer, zumindest oberflächlich. Wir sind barfuss gelaufen, alles war so gastfreundlich. Die Dampflokomotive fuhr, es gab kaum Tourismus.

Karl: Man hat direkt beim Bauern seinen Käse gekauft, die Milch kam frisch aus dem Euter und wir waren mit aufgeblasenen Lkw-Reifen rodeln.

Sie waren also, obwohl Ihr Elternhaus ein musisch-kultiviertes war, echte Landkinder?

Herbert: Nein, wir stammen ja aus einer echten Arbeitersiedlung. Mein Vater war Schlosser und Musiker, meine Mutter hat trotz ihrer bäuerlichen Herkunft extrem auf Ordentlichkeit geachtet, auf saubere Kleidung. Das war fast bürgerlich; wir waren Arbeiterkinder mit Kultur.

Karl: Das Kultivierte haben wir uns eher selber angeeignet, so wie mit Messer und Gabel zu essen (lacht). Aber das Fluchen haben wir ganz proletarisch gelernt – und beibehalten.

Herbert: Da gibt es noch so einen Arbeiterstolz in uns. Vielleicht wähle ich deshalb noch immer SPD (lacht). Die Herkunft ist einem halt wichtig. Aber so diesen Pfeffer meines Vaters, in dessen Umfeld sofort mit der Faust gesprochen wurde, dieses Derbe, das haben wir beide nicht. Da gab es eine Weiterbewegung, einen Ausbruch.

Wer ist zuerst ausgebrochen?

Herbert: Mein Bruder. Ohne ihn als Vorbild wäre ich kein Schauspieler geworden. Als ich so alt war wie er damals kam die Kommune-Zeit, ich wusste nicht, was ich werden wollte und schob die Entscheidung immer weiter raus. Musikalisch sollte was passieren; eine  Band hatte ich, meine Schwester sang bei Amon Düül. Da ging mein Bruder auf die Schauspielschule und sagte: mach das doch auch.

Karl: Ich machte damals als Regieassistent gerade was über den Mortimer aus Schillers „Maria Stuart“; das hab ich ihm zum Vorsprechen an der Falckenberg-Schule mitgegeben und ein Stück aus Tennessee Williams’ Glasmenagerie. Aber was heißt sprechen…

Herbert: Ich mach’s mal eben vor (kniet sich mit dem Rücken zu Karl vor einen Stuhl und murmelt Maria Stuart vor sich hin). Da sagten die Lehrer: Herr Knaup, jetzt drehen Sie sich doch mal um. Und ich meinte in meiner Naivität: Wieso, die Hauptfigur sitzt doch auf dem Stuhl. Das war schon mal ein Lacher. Und es hat geklappt. Dank meines Bruders.

Gibt es eine Rolle Ihres Bruders, die Sie zu gern gespielt hätten?

Karl: So einen Adolf Eichmann meinen Sie? Klar, große Rolle, brillant umgesetzt. Nur zu!

Oder würden Sie gern wie Ihr Bruder malen können und fünf Sprachen sprechen?

Herbert: Sehr gerne sogar. Sprachen kann ich nicht so. Spanisch kann meine Frau, Französisch war schon in der Schule nicht so dolle. Ich kann auch ein bisschen zeichnen, aber fotorealistisch zu malen wie mein Bruder, die Gerhard-Richter-Richtung, das würde ich natürlich gern können. Selbst Götz George hat ihm eins abgekauft, ein echter Kunstkenner. Karl ist ein guter Maler.

Karl: Aber mein Herz brennt schon für die Schauspielerei. Malen tue ich eher, wenn die Zeit dazu ist. Jetzt gerade ein Familienporträt mit fünf Personen, das ist sehr zeitintensiv. Da muss ich mich wirklich zwischen Theater und Staffelei entscheiden.

Herbert: Und es ist ja auch nicht immer leicht, seine Talente gegeneinander zu gewichten. Da bin ich froh, dass ich nur eins so richtig habe. Obwohl ich jetzt gerade das erste Mal inszeniert habe, eine neue Erfahrung und durchaus erfolgreich, am Theater in Luxemburg, kommt demnächst als Gastspiel in Hamburg und Berlin. Wir können auch beide ganz gut schreiben, aber in unserer Kultur heißt es oft, man solle sich für eine Tätigkeit entscheiden. In den USA etwa traut man dir grundsätzlich alles zu, hier muss man schön in seiner Schublade bleiben.

Aber schauspielerisch stecken Sie in keiner Schublade.

Herbert: Dieses Glück habe ich mir am Theater erarbeitet. Eichmann und Kluftinger spielen zu dürfen, ist ein Geschenk…

Haben Sie eigentlich schon mal gemeinsam vor der Kamera gestanden?

Herbert: Nicht direkt. Wir haben zwar bei Margarethe Steiff und in ’ne günstige Gelegenheit neben Benno Fürmann und Armin Rohde gespielt, jeweils ein Brüderpaar. Aber nie in derselben Szene, also gemeinsam am Set. Das ist jetzt die Premiere.

Karl: Und da ist gleich ein anderes Vertrauen da

Herbert: Sich an die Wäsche zu gehen wie wir in Milchgeld, fällt unter Brüdern leichter. Und wie er da in seine Bauernrolle eingetaucht ist, das hat richtig Spaß gemacht.

Karl: Man bleibt Kollegen, aber es sind sehr vertraute Kollegen. Wie ein gemachtes Nest.

Herbert: Ich würde das auch gerne wiederholen, gern auch ohne Dialekt. Mal ein g’scheites Brüderpaar auf Augenhöhe, das wäre mir eine Freude. Aber das müssten wir selber machen; fragen tut man uns da nicht. Warten wir mal ab, wie Milchgeld ankommt.

Karl: Wir kämpfen dafür.

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