Claudia Michelsen: Schauspiel & Realität

Porzellan und Granit

Ohne Glitzerrollen und eitles Getue hat sich Claudia Michelsen ins erste Glied des deutschen Films gespielt. Warum sie dort hingehört, hat sie erst gestern im famosen Melodram Grenzgang bewiesen, aber auch in der Tellkamp-Verfilmung Der Turm, die der WDR am Samstag wiederholt

Von Jan Freitag

Wahre Schönheit, so sagt man, bedarf ein paar kleinerer Makel. Claudia Michelsen besitzt davon gleich mehrere. Ihre Nase hat diesen kleinen Höcker, der sie für Frauenmagazine im Grunde unabbildbar macht. Auch die Augen sind nicht ganz harmonisch, der Mund scheint ebenfalls leicht schief geraten, das ganze Gesicht weist eine leichte Unwucht auf. Schön ist sie ja, gar bildschön, aber eben nicht titeltauglich. Eigentlich. Dass es sie dennoch gerne mal auf Deckblättern diverser Zeitschriften rund um Fernsehen, Glamour, Pesonality verschlägt, muss also andere Gründe haben.

Gründe wie gestern in Grenzgang, wo die 44-Jährige wie schon im grandiosen Fernsehmelodram Und dennoch lieben wir auf gleichem Kanal oder in der versierten Tellkamp-Verfilmung Der Turm kurz darauf auf atemberaubende Weise zeigt, wie gewisse Schauspielerinnen aus gewiss guten Filmen besondere machen, besser: wie besonders diese hier mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus Empathie und Distanz, Leidenschaft und Gelassenheit fernstehtaugliche Rührstücke zu vielschichtigen Dramen adelt, die auch auf der Leinwand bestehen könnten. In allen drei Filmen wie in so manchem zuvor tut sie es als augenscheinlich sprödes, unterschwellig jedoch höchst attraktives Mauergewächs, das Claudia Michelsen auf sehr subtile Weise zwischen Austrocknung und neu Erblühen bewässert.

Wie die Mutter zweier Töchter (vom Schauspielerkollegen Anatol Taubman) der Verzweiflung zwischen Trotz und Abwehr ein Gesicht verleiht; wie sie langsam bricht, ohne durchzubrechen, und aufsteht, ohne sich wirklich grade zu mache; wie sie als nahezu einzige Schauspielerin im fiktionalen Primetimefilm sogar in flachen Schuhen begehrenswert sein darf und ihre strickjackenbewehrte Normalität doch wie eine Monstranz vor sich her trägt – das ist einzigartig, zumal im Fernsehen, diesem Medium, das im Grunde viel zu klein ist für eine wie sie. Das sie allerdings dennoch Jahr für Jahr mit mehreren Beiträgen bereichert.

Seit die Absolventin der Berliner Schauspielschule Ernst Busch 1989 erstmals vor die Kamera trat und parallel „aus politischer Erwägung“, wie sie betont, aufrührerisches Osttheater spielte, seit der Mauerfall den „revolutionären Impuls der Bühne“ in den „Leerlauf banaler Unterhaltung“ riss, Claudia Michelsen legt in solchen Momenten selbst Fremden bekräftigend die Hand aufs Knie, seither spielt sie alles Mögliche: Tatort-Episoden und Historienschinken, TV-Melodramen, US-Produktionen, Kinderfilme, selbst eine Serienkommissarin (Flemming). Auch ein Abstecher in Richtung Hollywood war dabei. Doch je älter, reifer, je besser und bekannter die einstige Max-Ophüls-Preisträgerin wird, desto häufiger sind es eben stille Filme mit Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nicht, dass dies eine bewusste Entscheidung wäre. „Aber dieses Erwachen“, sagt sie dann, „dieses Gegenangehen“, es fasziniere sie schon.

Und so erwachen ihre Figuren regelmäßig aus seltsam wattierten Wohlstandswelten. Als Mutter einer Ausreißerin in Sieben Tage, als Frau eines DDR-kritischen, aber geölt mitlaufenden Schwerenöters in Der Turm, zuletzt als Frau zwischen Nebenbuhlerin und Ehe im ARD-Film Und dennoch lieben wir oder nun eben in der hessischen Provinz-Studie Grenzgang, wo sie mit einem anderen Großstadtflüchtling (Lars Eidinger) verbissen um ein Stück Geborgenheit im räumlich-sozialen Abseits kämpft. Fast ausnahmslos wirken diese Charaktere in Werken zur besten Sendezeit, fast immer öffentlich-rechtlich und zusehends mit Claudia Michelsen auf dem ersten Rang der weiblichen Besetzungsliste.

So selten wie möglich begibt sich die gebürtige Dresdnerin dort allerdings in Zonenrollen. Auch aus Angst vor falschen Bildern. „Es gibt ja nicht die eine Sicht auf die eine DDR“, erklärte sie diese Scheu zum Start vom Turm im vorigen Frühjahr. Zumal ihre „Berührungspunkte“ zum System „eher Freunde und Bekannte, die Stasi-Kontakte hatten“ waren als eigene Kontakte. „Ich bin die Glücksgeneration, knapp 20 als die Mauer fiel“. Und falls sie sich doch mal vom Klischee besetzen lässt, DDR lasse sich am besten DDR-sozialisiert verkörpern, wird daraus garantiert ein preisgekröntes Vorzeigedrama wie 12 heißt: ich liebe dich, wo sie sich als Stasihäftling in ihren Verhörer verliebt. Auch so eine Geschichte vom Zerbrechen und Aufwachen. Claudia Michelsen Paradedisziplin, die sie nicht sucht, aber findet. Auf die man sie geradezu buchen könnte. Aber eigentlich kann sie fast alles.

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