Reportageinterview: Karl Ludwig Schweisfurth

Schmecken, fühlen, riechen

Bis Karl Ludwig Schweisfurth vor 30 Jahren nach einem Fasterlebnis über Nacht zum Biobauern wurde, war er Europas größter Fleischfabrikant. Sein „reformiertes Handwerk“ will seither nicht nur Nutztieren ihre Würde zurückgeben, sondern auch den Menschen, die sie verarbeiten. Eine Begegnung mit einem Bekehrten

Von Jan Freitag

Wer Karl Ludwig Schweisfurth daheim trifft, kann kaum glauben, dass hier ein Pionier deutschen Industriefleischs lebt. Wie aus der Zeit gefallen wirkt sein sanierter Katen im oberbayrischen Glonn. Der Weg dorthin führt über einen Hof, wie er auf Milchtüten kaum schöner sein könnte: Bienen surren übers Blumenbeet, eine Katzen streunt hindurch, Efeu umrankt das Haus, aus dem der weißhaarige Mann mit Strickpulli und Filzhut tritt, ein Miniaturkotelett über der Krempe. Wäre es keine Anstecknadel, das Fleisch stammte fraglos von seligen Schweinen, denn Karl Ludwig Schweisfurth hat seiner Vergangenheit schon 1984 abgeschworen. Damals wird aus dem Fabrikanten ein Bauer und aus dem Milliardär ein Missionar, aus Massenproduktion „reformiertes Handwerk“ und aus Herta-Wurst Öko-Ware. Karl Ludwig Schweisfurth stellt grünen Tee auf den rustikalen Küchentisch, gleich neben ein paar historische Schlachtmesser. „Ich liebe Fleisch“, er lacht, „sofern ich weiß, wo es herkommt“. Und hier, wo Schweisfurth vor 27 Jahren die „Herrmannsdorfer Landwerkstätten“ voll artgerechter Tiere, klarer Prinzipien und guter Vorsätze gründete, weiß er es genau.

freitagsmedien: Herr Schweisfurth, Sie sind vom Saulus der Fleischindustrie zum Paulus des „reformierten Handwerks“ geworden. Was genau ist da passiert?

Karl Ludwig Schweisfurth: Eine Rückbesinnung auf bewährte Handwerkskunst mit moderner Technik. Das Wissen des Meisters, überliefert von Generation zu Generation, statt bloß Erkenntnisse einer Lebensmittelwissenschaft, die vor meiner Zeit noch gar nicht existiert hat. Ich will weg von der automatisierten Tötungsindustrie, in der Hackfleisch eine Woche haltbar gemacht wird. Das hätte ich noch vor zehn Jahren für Utopie gehalten.

Halten Sie es heute für umkehrbar?

Ich will das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Aber während Hühner von Bauernhöfen verschwinden und sich die Zahl der Schweine in den letzen zehn Jahren halbiert hat, schlachten große Fleischfabriken 25.000 Schweine täglich und 25.000 Hühner pro Stunde. Aber nicht durch Schlachter, sondern verlängerte Werkbänke, die bloß einen Handgriff ausüben. Ich gebe ihm sein Handwerk zurück, um zum Wesentlichen, zu Ethik, Moral, sich selbst zurückzukehren. Die Würde des Tieres bedingt die des Menschen und umgekehrt, da setze ich Handwerk gegen die Lidlisierung des Konsums und seiner Befriedigung.

An der Sie ja nicht unschuldig sind.

In den ersten 30 Jahren meines Berufslebens habe ich die Automation der Fleischverarbeitung an vorderster Front gefördert und dem technischen Fortschritt mit Begeisterung gehuldigt.

Hätte es ohne Sie überhaupt eine deutsche Fleischindustrie gegeben?

Ganz sicher, ich war nur wie in so vielem der erste. Auch ohne mein Zutun wäre handwerkliches Wissen verschüttet worden. Von Warmfleischschlachtung übers Abhängen bis hin zum dörflichen Schlachtfest als soziales Ereignis. Damit ging der Schlachter als Experte verloren. Er wurde vom eigenen Beruf entmündigt. Und zwar im Kampf gegen den einen Feind.

Den Mangel.

Genau. Es gab nach 1945 zwei Sorgen: Nie wieder Krieg, nie wieder Hunger! Das waren auch die Maxime meines Handelns.

Das Land liegt in Trümmern, als der Metzgerlehrling vom westfälischen Herten aus erst den elterlichen Betrieb, bald die ganze Branche umwälzt. Voll Elan besucht er die Schlachthöfe in Chicago, doch was Upton Sinclair 1903 angeekelt zum Buch Der Dschungel trieb, treibt den jungen Schweisfurth zum Fortschrittsgläubigen. Aus dem Inferno von sozialem Elend, hygienischem Desaster und verachtetem Tier importiert er das Fließband ins Wirtschaftswunderland. Schweifurth macht aus der Metzgerkette einen Konzern, er führt die Vakuumverpackung ein, das Mindesthaltbarkeitsdatum, die Inhaltskennzeichnung. Herta wächst, Herta expandiert, 1964 auch ins Ausland. Schweisfurth ist ganz oben. Erst Anfang der Achtziger, als seine drei Kinder ergrünen, kommen ihm Zweifel. „Papa, wie lebst du eigentlich?“, fragen sie. Ja wie? „Ich habe keine Schuldgefühle“, sagt Schweisfurth als alter Biobauer und haut bei jeder Silbe auf den Tisch. „Menschen machen Fehler“. Bambam. „Es war eine Pionierzeit“. Bambambambam. Und sie hat nicht nur die Lebensmittelherstellung verändert, sondern auch die Arbeitsbedingungen.

Was kann der Biobauer Schweisfurth seinen Fließbändern von einst heute abgewinnen?

Herta war qualitativ absolut Spitze. Nicht nur, weil wir die neueste Technik hatten, auch wegen des sozialen Klimas. Während die Branche immer steriler wurde und die Fabriken lebloser, habe ich Kunst in die Fabrikhallen gehängt und Fenster mit Blick ins Grüne eingebaut.

War das nicht bloß ein Feigenblatt?

Nein, anständige Arbeitsbedingungen liegen mir seit jeher am Herzen. Deshalb tu ich was für meine Leute und sorge dafür, dass die Fabriken nicht nur zweckmäßig, sondern schön sind.

Ist das Ihre Form der Corporate Social Responsibility?

Den Gedanken hatte schon mein Vater lange, bevor der Begriff entstand. Trotz der automatisierten Abläufe lag Herta ein guter Umgang mit dem Personal am Herzen, das Wort der Meister wurde hoch gehalten; es waren Respektspersonen und ich kannte jede mit Namen. Aber sie haben eben arme Schweine aus intensiver Haltung am Fließband verarbeitet.

Hat ihre Technologiegläubigkeit seither gelitten?

Die Maschine sollte dem Menschen dienen, aber es ist längst umgekehrt. Und wo einmal eine Maschine steht, kommt nie wieder ein Mensch hin. Nur in meinem Metier gelingt es manchmal, Bauern mit Handwerkern zu regionalen Gemeinschaften zusammenzubringen, in denen noch keine industrielle Automation herrscht.

Für andere Branchen gilt das nicht?

Autos und Handys werden doch besser maschinell produziert, aber in Teilen der Wirtschaft halte ich die Rückkehr zu verstehbarer, humaner Tätigkeit für möglich. Unsere 25 Metzger töten auch stundenlang Tiere, sind aber keine Räder einer Maschine, sondern Herz und Hirn. Spezialisierungen finden auch hier statt, aber jeder, ob Geselle oder Meister, kann im Prinzip alles. Wir beschäftigen 140 Leute, alles stolze Handwerker, ihrer fünf Sinne gewahr. Das nenne ich CSR.

Welchen Einfluss nehmen Sie noch?

Da mein Sohn Karl das Unternehmen leitet, rede ich zwar nicht ins Tagesgeschäft rein, setze aber noch immer all meine Kraft daran, dass es in 20 Jahren weiter Bauern, Metzger, Bäcker, Käser gibt. Dass unser Weg gezielt übers Bewusstsein der Lebensmittelhandwerker führt, ist heutzutage geradezu innovativ.

Was sie innovativ nennen, gilt am Markt als Standortnachteil, vor allem überteuert.

Im agroindustriellen System ist mit Innovation stets technische Innovation gemeint, zu selten soziale und kulturelle. Wie wir Landwirtschaft betreiben, das hat mit dem lateinischen Wortursprung colere, also wohnen, pflegen, verehren, nichts mehr zu tun. Da hilft ein Buch wie Tiere essen von Jonathan Safran Foer, das sogar einen Fleischesser wie mich zum Nachdenken bringt. Ich bin Vegetarier, sobald ich nicht weiß, wo mein Essen herkommt.

Wer Visionen hat, empfahl einst Bundeskanzler Schmidt Schmidt, soll zum Arzt gehen. Karl Ludwig Schweisfurth hat eine Vision, als er während des jährlichen Fastens erwacht und seiner zweiten Frau Dorothee sagt, „wir fangen noch mal ganz von vorn an“. Männer um die 50 spüren manchmal diesen Drang nach Brüchen: Neue Liebe, alte Zöpfe – Wege aus der Midlifecrisis sind vielfältig. Doch mit so großer Klinge wie Schweisfurth kann wohl nur ein Metzger ins Leben schneiden. Mit 54, kaum zwölf Monate nach dem Fastenerlebnis, verkauft er sein Wurstimperium, mit 5000 Mitarbeitern und 1,6 Milliarden Mark Umsatz Europas größtes, an Nestlé. Vom Erlös erwirbt er 1984 ein altes Gut, 40 Kilometer östlich von München, wo bald darauf die Schweisfurth-Stiftung zur Förderung seiner Ideale entsteht. Ein Vierteljahrhundert später führt ihr Gründer seelenruhig Gäste durch die Stallungen, begrüßt die Verkäuferin im quirligen Hofladen mit Vornamen, lädt zum Kotelett ins gutseigene Restaurant, stapft durch knöcheltiefen Morast. „Dreck ist Leben“, ruft er und schildert den Traum der symbiotischen Landwirtschaft, wo Mensch und Tier eine Einheit bilden, kein Wirtsverhältnis. 1000 neue Herrmannsdörfer – das ist seine neue Vision.

Im Rahmen der Expo 2000 ist schon das zweite Herrmannsdorf gescheitert.

Das hat wehgetan. Ich wollte zu perfekt sein, aber man muss scheitern können, um zu lernen. Fang ruhig mal klein an, bescheiden. Wachsen kann man immer noch.

Ihr Sohn Georg, Gründer der Bioladen-Kette Basic, hat es mit dem Wachstum übertrieben und eine Kooperation mit Lidl vereinbart.

Und da hat Karl gesagt, wenn dieser Geist bei Basic einzieht, liefere ich nicht mehr. Das war richtig, weil Lidl seine Lebensmittel zwar wie andere Discounter produzieren lässt, aber wie Schlecker auf dem Drogeriemarkt zudem eine extrem aggressive Preispolitik auf dem Rücken der Mitarbeiter betreibt. Der Druck bei Lidl gehört zu den härtesten. Lebensmittelchemisch ist da alles in Ordnung, sozial weniger.

Trotzdem hat auch Lidl Ökoprodukte im Regal.

Schon. Aber Industriebio mag ökologische Mindeststandards einhalten – die Methoden sind geprägt vom agroindustriellen System: Arbeitsteilung, Automation, Masse. Da finde ich die Hofladenecken bei Edeka nachhaltiger, auch wenn die Waren nicht biologisch entstehen.

Regionale sind wie biologische Waren weiter Nischenprodukte. Macht es einen Überzeugungstäter wie Sie nicht verrückt, dass die Masse wieder besseren Wissens isst?

Den Spruch, Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun, müsste man heute umdrehen: Herr vergib ihnen, denn sie tun nicht, was sie wissen.

Das klingt missionarisch.

Wer was verändern will, kommt zum Missionieren, ob er will oder nicht. Aber ich verkünde keinen Glauben, das ist der Unterschied. Ich verkünde den gesunden Menschenverstand.

Kurz nach der Fleischindustrie verlässt Karl Ludwig Schweisfurth auch die Kirche. Weil sie ihm zu anthropozentristisch sei. Vom Katholizismus zum Buddhismus bekehrt, geht er nach erstmal in den Himalaya. Abschalten, Loslassen. Schon immer war der 83-Jährige ein Mann großer Schritte und tiefer Schnitte. Sein reformiertes Handwerk ist wohl nicht sein letzter.

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