Stoische Sozen und finnische Weihnacht

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

25. November – 1. Dezember

Es war ein, wenn nicht der Paukenschlag des ausklingenden Medienjahres: Ab März, so wurde vorige Woche bekannt, hat es sich fürs Deutsche Fernsehballett ausgetanzt. Das ist zwar nicht ganz so furchtbar, als müsste die Glotze fortan ohne Ansagerinnen, Testbild oder Flipper auskommen. Doch für den Supersausesender MDR, in dessen Sendegebiet das Betongrinsen vor 51 Jahren in die flitternden Showgirlgesichter gegossen wurde, stellt das einen ähnlichen Verlust dar, als entzöge man Carmen Nebel das Haarspray.

Wie gut, dass Marietta Slomka und Sigmar Gabriel im heute journal vom Donnerstag bewiesen, dass es sich auch ohne überschminkte Hupfdohlen überdreht hampeln lässt. Wobei – schöner als Gabriels bockige Reaktion auf Slomkas absurde These, innerparteiliche Demokratie schade der gesamten, war ja ein Häuflein hessischer SPD-Mitglieder im Rücken ihres Parteichefs. Von dort blickten die nämlich gute sieben Minuten so stoisch Richtung Kamera, als böten die Nachrichten hier kein großes Kasperletheater, sondern – sagen wir: eine Nischendebatte um Geschlechterparität in medialen Spitzenpositionen.

Wobei die durchaus humoristisch sein kann: Welche Redaktionen endlich weiblicher werden, misst die Vereinigung ProQuote zurzeit mit der putzigen Maßeinheit Kleiner Kai, die absolute Zahlen weiblicher Führungskräfte ins Verhältnis zur Positionshöhe setzt. Weil es bei der, nun ja, vorbildlichen Zeit sogar echte Ressortleiterinnen, statt nur deren Vizes gibt, landet sie mit 37% deutlich vor der Welt oder auch der Süddeutschen Zeitung, die es auf ein gutes Zehntel bringen. Dass es voran geht, wäre da also noch immer leicht geprahlt.

Einen Schritt vorwärts hat hingegen die lange Suche nach dem neuesten Tatort-Team gemacht. Mit Fabian Hinrichs, der voriges Jahr für seinen Kurzauftritt als Assistent der Münchner Kommissare gefeiert wurde, und Dagmar Manzel, die zu den großen Theatermimen im Land zählt, dürfte das Duo ab 2014 mit Sitz im Frankenland für Furore sorgen. Zu schade, dass Frank-Markus „Pelzig“ Barwasser nebenbei jene Art Dialekthumor liefert, der den Tatort zusehends zur Comedy macht. Dabei liefert das echte Leben doch genug Stoff für Gelächter. RTL-Chefin Anke Schäferkordt zum Beispiel vorigen Montag in New York für ihre Verdienste ums Privatfernsehen mit dem TV-Preis Emmy auszuzeichnen, klingt ähnlich lustig, als erhielte ihr Quotenhengst Mario Barth eine Trophäe für seinen Kampf gegen Sexismus. Ernst gemeint war dagegen die Auszeichnung von Andreas Prochaskas grandiosem ZDF-Drama Das Wunder von Kärnten als bester Fernsehfilm.

TV-neuDie Frischwoche

2. – 8. Dezember

Mit Julia Koschitz übrigens, die all den Anke Schäferkordts der Welt auch heute Abend im Zweiten beweist, dass Fernsehen ohne Zoten, Gewalt und Fremdscham unterhalten kann. In Pass gut auf ihn auf! will Koschitz als todkranke Mutter ihren Mann samt Kindern bei dessen Ex (Barbara Auer) unterbringen. Spannende Idee, versiert verfilmt, ähnlich wie Kleine Schiffe. Am ARD-Freitag zeigt die gewohnt tolle Katja Riemann als Frau, die statt der erwarteten Wechseljahre überraschend ein Kind kriegt, dass nicht alles, was auf diesem Sendeplatz läuft, seifig ist. Selbst ein handwerklich argloser „Mundartkrimi“ wie Dampfnudelblues ist Donnerstag im Ersten gediegener, als das anspruchsvollste Privatformat.

Eingeleitet wird all dies fortan heiter, aber sachlich durch Geliebte Feinde. Ein Zehnteiler, mit dem Arte ab heute werktäglich um 19.30 Uhr die viel beschworene „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen auf den Prüfstand stellt. Ohne dieses Vorprogramm müssen am Wochenende zwei Filme auskommen, die zeigen, von wie grundverschiedener Güte öffentlich-rechtliche Fiktion sein kann: Samstag nämlich kriegt es Veronica Ferres im ARD-Melodram Hafen der Düfte erneut mit Einheimischen exotischer Drehorte (Hongkong) zu tun, die akzentfrei deutsch reden und auch sonst bloß laufende Klischees sind. Tags drauf kommt Ulrich Tukur als frisch von seinem Tumor geheilter LKA-Beamter Murot zu seinem dritten Tatort und es verspricht, abermals großartig zu werden.

Großartiger zumindest als parallel dazu Menschen 2013 mit Markus Lanz (ZDF). Nicht ganz so großartig wie Breaking Bad, das Freitag (Arte, 21.45 Uhr) in die finale Staffel geht. Gefolgt von der sehenswerten Doku It’s more than TV! über die Faszination amerikanischen Serienfernsehens. Den Rest des Besten vom Besten gibt’s dann an den nächsten Freitagen, während auf gleichem Kanal an den Donnerstagen zur besten Sendezeit das russische Serienporträt Dostojewski läuft. Auch gut. Und allemal abwechslungsreicher als jenes Schauspiel, dass sich Runde für Runde im DFB-Pokal bietet: Gibt es ein Live-Spiel, ist garantiert Bayern dabei, diesen Mittwoch in Augsburg. Als gäbe es nicht schon genug Münchner Fußball am Bildschirm.

Und weil es nicht genug radikales Fernsehen gibt, bündelt der Tipp der Woche diesmal am Donnerstag (20.15 Uhr, Tele 5) eine Reihe finnischer Anti-Weihnachts-Kurzfilme namens Rare Exports.



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