Marietta Slomka – beharrliche Moderatorin

Nicht per se auf Krawall gebürstet

Wie fest Marietta Slomka zubeißen kann, hat die Moderatorin vorige Woche im heute journal bewiesen, als sie Sigmar Gabriel zwischen den Zähnen hatte. Grund genug, ein Interview aus dem Jahr 2010 zu dokumentieren, als sie über ihre Reportagereise in den WM-Kontinent Afrika, Klischees in der Berichterstattung oder Frauen in den Medien gesprochen hat – und auch dabei irgendwie alles andere als handzahm war. Zum Glück!

Interview Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Slomka, wie beginnt man ein spannendes, gehaltvolles, kontroverses Interview – eher diplomatisch oder eher konfrontativ?

Marietta Slomka: Das hängt ganz davon ab, mit wem man spricht und worüber. Wichtig ist vor allem, ob eine Konfrontation zielführend ist, ob man mit ihr herauskriegt was man herauskriegen will. Wenn Sie zum Beispiel mit Augenzeugen einer Katastrophe sprechen, ist der konfrontative Ansatz ganz sicher fehl am Platze. Mit einem medienerfahrenen Politikprofi hingegen kann er durchaus sinnvoll sein.

Der kann das ab.

Und der ist als Funktionsträger durch die harte innerparteiliche Schule gegangen und entsprechend gecoacht.

Macht es mehr Spaß, zu attackieren als zu tasten?

Also ich bin nicht per se auf Krawall gebürstet, sondern suche Antworten. Das hört man meinen Interviews wahrscheinlich auch an. Aber wenn das Thema geeignet ist und der Gesprächspartner nur mit Floskeln antwortet, muss man als Journalistin auch mal härter zupacken.

Kann es sein, dass Sie mit Ihrer Reportage „Afrikas Schätze“ journalistischen Populismus betreiben?

Wie kommen Sie denn darauf?

Weil Sie wie bereits zu den Olympischen Spielen in China diesmal mit der gesamten Karawane Richtung WM in Afrika reisen, um ihn für ein halbes Jahr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken und danach wieder mit seinen Problemen alleine lassen.

Na da müssten Sie sich selbst fragen, warum wir jetzt ein Interview dazu führen. Oder sollen wir im WM-Jahr gar nicht über Afrika berichten? Das ist ja Quatsch. Ich habe auch vor der EU-Osterweiterung Reportagen aus Osteuropa gedreht oder vor der Bundestagswahl aus Deutschland. Anlässe wie eine WM bieten den Medien die Möglichkeit, andere Blickwinkel auszuprobieren. Das tun wir in Afrika. Und wenn Sie mutmaßen, wir würden den Kontinent nach der WM wieder „alleinlassen“, ist das im übrigen auch eine etwas paternalistische Formulierung – als handele es sich bei den Afrikanern um kleine Kinder.

Eher Ausdruck der Befürchtung, dass die Medien ein paar Monate die Vielschichtigkeit Afrikas beleuchten und dann wie gewohnt die Extreme: Elend und Krieg auf der einen Seite, Urlaub und Natur auf der anderen.

Afrika war schon lange vor der WM ein bedeutender Berichtsgegenstand fürs ZDF. Nicht umsonst haben wir dort zwei ständige Korrespondenten. Insofern haben Sie recht: Afrika hat es nicht verdient, kurz im Fokus zu stehen, und nach dem letzten Pfiff verabschieden wir uns wieder. Aber so ist es auch nicht. In unserer Reportage zeigen wir, wie reich Afrika an Natur- und Bodenschätzen ist, fragen aber nach, wer davon profitiert.

Natur und Ausbeutung – da ist doch wieder.

Nein, denn wir zeigen nicht 90 Minuten lang, dass Afrika ein Armutsproblem in schöner Kulisse hat, sondern was für Potenziale darin stecken. Man kann Armut nicht ausklammern oder relativieren, aber es gibt jenseits von Elend oder der Fotokulisse für Fernsehromanzen viel  Berichtenswertes. Weil so viel über die Entrechteten oder Korrupten und Reichen berichtet wird, fällt zum Beispiel die Mittelklasse oft unter den Tisch. Auch da wollen wir Aha-Effekte erzielen. Und: Afrika sieht oft anders aus als viele es sich vorstellen, die nie dort waren. Wir haben zum Beispiel mit einem indischen Farmmanager in Äthiopien gesprochen, der sagte, er kannte das Land aus dem Fernsehen nur als einzige braune Wüste und sei nun total baff, wie grün es dort ist. Das zeigen wir und ändern damit vielleicht auch ein paar tradierte Bilder.

Auch die eigenen?

Ich habe eine äthiopische Freundin, deshalb wusste ich schon vorher einiges über Äthiopien. Und es war auch nicht meine erste Afrika-Reise. Aber auch ich war vor Ort immer wieder erstaunt.

Kann Fernsehen das Denken der Zuschauer beeinflussen?

Wenn sie sich von mir mitnehmen lassen als jemand, der ihnen vertraut ist, vielleicht. Ein guter Seismograph dafür sind vielleicht die Reaktionen auf  das Land Ruanda. Als ich von meiner Reise dorthin erzählte, meinten viele: Ruanda, ist das nicht gefährlich? Da denkt jeder an Völkermord.

Nicht an die letzten Gorillas.

Daran dachte nur ein Freund von mir, der schon mal dort war. Interessanterweise ist Ruanda für Ausländer eines der sichersten afrikanischen Länder überhaupt. Da kann man als Tourist wirklich entspannt durchreisen. Natürlich nicht als Oppositionelle oder kritische Journalisten aus Ruanda selbst, für die ist es dort alles andere als sicher. Davon abgesehen ist Ruanda auch unglaublich sauber, Plastiktüten sind verboten. Eine ökologische Entwicklungsdiktatur, die so aufgeräumt ist, dass es kaum noch, pardon: afrikanisch aussieht. Die Mittelklasseviertel in Kigali sehen aus wie in einer englischen Kleinstadt. Ich denke, das wird viele Zuschauer überraschen.

Und deren Sicht auf die Dinge verändern?

Das ist mir ein echtes Anliegen. Und ich versuche es, indem ich das Afrika zwischen den Extremen zeige, mehr aber noch die Menschen darin. Deshalb möchte ich weniger über Afrika reden, sondern mehr mit Afrikanern. Einfach mal zuhören, statt unsere europäischen Afrikaexperten zu befragen. Wir haben in der Doku nur einen Deutschen befragt, einen Völkerrechtler in Ruanda, weil der sich politisch kritischer äußern kann als die Ruander selbst. Ansonsten waren wir immer mittendrin.

Wenn Sie also aus den Diamantminen Sierra Leones oder Ruandas Urwald, von den Fischern auf Sansibar oder Immobilienspekulanten in Angola zurückkehren, erholen Sie sich in Ihrem komfortablen Devisenhotel von der Arbeit.

(lacht) Ich musste mich nicht „erholen“, weil ich eine solche Arbeit als spannend und nicht als erschöpfend empfinde. Übrigens leben auch nicht alle Afrikaner in Lehmhütten. Man übernachtet als Journalistin weder in Fünfsternehotels noch unter Brücken, aber wenn man in großen Städten Zwischenstation macht, versucht man natürlich in ein Hotel zu gehen, das nicht nur fließend Wasser sondern auch Internetanschluss hat. Ich muss mich wohl auch nicht dafür rechtfertigen, auf einer Drehreise nicht ständig nur auf Luftmatratzen zu schlafen. Was wir aber auch hatten.

Gibt es den Anspruch an sich selbst, bei einer Reportage im Dschungel dort zu übernachten, statt in der Lodge außerhalb, um tiefer in die Materie einzutauchen?

Die Logistik richtet sich nach Terminplan und Reiseroute, nicht nach den eigenen Ansprüchen.

Sind Sie privat eher eine Trekking-Touristin, die auch mal ein paar Tage ohne warme Dusche auskommt?

Wenn’s sein muss, sogar ohne fließend Wasser. Aber ich finde es gar nicht so gut, wenn Journalisten da ihre Belastbarkeit bezeugen; es ist eine Selbstverständlichkeit, auch Entbehrungen hinzunehmen. Privat mögen mein Mann und ich nun so gar nicht die Abteilung Strandurlaub. Wenn wir durch Indien fahren oder in Südamerika tauchen, geht es eher mal mit Bussen übers Land. Ich will Dinge von der Welt sehen, nicht nur Hotelresorts.

Und kein Cluburlaub.

Genau. Aber das soll jeder machen wie er mag. Ich persönlich finde es nur spannender, in Afrika bergzusteigen als in Kenia am Strand zu liegen. Wenn ich ständig über die Welt berichte, kann es nicht schaden, viel davon gesehen zu haben, und zwar auch die hässlichen Seiten.

Ist so eine mehrwöchige Arbeit in Afrika, hässliche Seiten inklusive, auch Urlaub vom Schreibtisch?

Absolut, und ich empfinde so eine Reportage auch gar nicht als Arbeit. Man kriegt zwar wenig Schlaf und ackert wie irre, aber das merkt man in diesem Rausch der Eindrücke kaum. Ich empfinde es als großes Privileg, solche Reisen beruflich machen zu dürfen. Davon habe ich geträumt, als ich zum Fernsehen gekommen bin. Von solchen Reisen wie nach Afrika.

Wie ist man Ihnen dort als Frau begegnet? Afrika gilt noch immer als äußerst patriarchal.

Noch so ein Klischee. Ich hatte, zumindest in schwarzafrikanischen Ländern, durchaus nicht das Gefühl, Frauen würden überall nur unterdrückt. In Ruanda etwa ist die Hälfte des Kabinetts weiblich. Es gibt kaum irgendwo ein Land mit so vielen Frauen in Spitzenpositionen von Politik und Wirtschaft. Und in Äthiopien haben wir eine Frau getroffen, die hat ihren Mann rausgeschmissen, der soff und sie schlug, dann an einem landwirtschaftlichen Ausbildungsprogramm teilgenommen und für ihre kleinen Felder völlig neue Bewirtschaftungsmethoden entwickelt. Jetzt ist sie als Alleinerziehende die reichste Frau des Dorfes. Und in Ruanda habe ich mich bei einem Abend mit hochgebildeten, selbstbewußten und sehr humorvollen Businessfrauen in einer Bar nicht anders gefühlt als mit meinen deutschen Freundinnen.

Keine strukturelle Benachteiligung mehr in Afrika?

Doch, natürlich. Es gibt zum Beispiel nach wie vor Beschneidungen, auch wenn wir das in unserem Film nicht thematisieren. Oder das große Aids-Problem haben wir auch ausgeklammert, man kann in einem Film nicht immer alle Aspekte berücksichtigen. Es ist keine Frage, dass Afrika gewaltige Probleme im Umgang mit Frauen hat, aber es ist auch nicht so, daß in allen 53 afrikanischen Staaten überall die Frauen zuhause sitzen und unterdrückt werden. Ich habe auf dieser Reise jedenfalls viele hart arbeitende selbstbewußte Frauen gesehen.

Empfinden Sie sich durch Ihre Rolle vor Kamera berufen, etwas für Gleichberechtigung in Deutschland zu tun?

Ich hoffe, dass ich das lebe und äußere mich ja auch zu dem Thema. Aber ich muß nicht Aktivistin einer Frauenorganisation sein.

Wie weit sind wir denn in den Medien mit der Gleichberechtigung?

Ich kenne jetzt nicht so viele Intendantinnen und Chefredakteurinnen. Da könnten es ruhig noch mehr werden.

Vor der Kamera sieht es besser aus.

All die Talkshowmoderatorinnen oder Nachrichtenmoderatorinnen haben doch auch noch genügend starke Mann an ihrer Seite. Neben mir moderiert auch noch Claus Kleber. Und außer Anne Will und Maybritt Illner gibt es ja auch noch die Plasbergs und Beckmanns. Aber ich glaube, wir wären schon einen Schritt weiter, wenn ich zu einer Afrika-Reportage nicht über Frauenbelange im deutschen Fernsehen sprechen müsste.

Fahren Sie wieder hin?

Ganz sicher, vor allem in Länder, in denen ich noch nicht war.

Und zur WM?

Leider nicht. Das sende ich schön unser heute journal aus Deutschland.



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