Friedrich Rost: Geschenke & Forscher

Socken wärmen wenigstens

Der Berliner Erziehungswissenschaftler Dr. Friedrich Rost gilt als Koryphäe auf einem gerade in diesen Tagen ziemlich aktuellen Gebiet: Der Schenkforschung. Seine These: Geschenkt wird immer, an Weihnachten allerdings oft an der Schmerzgrenze des Finanzierbaren

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Rost, sind Sie als Schenkforscher eigentlich Sockenexperte?

Friedrich Rost: Überhaupt nicht. Dafür ist das Thema Schenken zu vielfältig. Vor allem die Traditionen in den einzelnen Familien sind ziemlich unterschiedlich.

Die Zeit meinte vor nicht allzu langer Zeit, Socken seien noch immer das wichtigste Weihnachtsgeschenk.

Das würde ich nach den mir bekannten Ergebnissen der Schenkforschung bezweifeln. Schlips, Oberhemd, Socken gelten zwar als klassische Geschenke an Männer, wobei die Socken allerdings oft fehlen. Zudem ist die selbst gestrickte Socke mittlerweile eine Rarität, weil kaum jemand noch Socken stricken kann.

Sind solche Socken dann kreative oder einfallslose Geschenke?

Auch da sind die Wertungen erst mal von den empirischen Fakten zu trennen. Socken sind ein sehr traditionelles Geschenk, wie es auch andere gibt, etwa Nahrung. Man könnte heraus zu finden versuchen, worin das Besondere der Socke besteht. Im angelsächsischen Bereich werden Weihnachtsgeschenke in Socken gepackt, bei uns nicht. Aber Socken wärmen und die Frage von Nützlichkeit oder Luxus der Geschenke ist ein wichtiger Gesichtspunkt.

Fahren Sie fort: Gab es eine Entwicklung vom Gebrauchs- zum Überflussgeschenk?

Nur der Arme braucht nützliche Geschenke. Wer alles hat, den kann man nur noch mit Luxusgaben erfreuen. Und daran kann man schon sehen, dass sich was geändert hat in der Geschenkkultur.

Gibt es Geschenke, die unabhängig von Sender und Empfänger gut sind?

Nein, das kann man nur im Kontext schaffen. Aber es hat sich verschoben. Früher gab man etwas von sich selbst …

Die Besten von Ferrero?

Nein, etwas das man selbst angefertigt hatte oder etwas, woran das eigene Herz hing und das wurde mit einer Art magischen Kraft übertragen auf den anderen. Der sollte das haben, damit jenem besondere Kräfte zuwuchsen.

Früher heißt?

Zum Beispiel in der Mittelalter, wenn der Vater sein Schwert auf den Sohn übertrug. Aber in dem Moment, wo man Geschenke im Laden kauft, wählt man für den anderen eine Gabe, die für diesen passt. Und da wird es schwieriger, weil man die Wünsche des anderen nicht so gut kennt wie die eigenen. Und Wünsche dürfen unter Erwachsenen ja nicht offen ausgesprochen werden. Deshalb muss man sich sehr in den anderen hineinversetzen. Adorno hat behauptet, wenn man sich ein bisschen Zeit nimmt, sich ein wenig in den anderen hineindenkt, würde man ein Geschenk finden, dass jenen beglückt.

Adorno hat bewusst geschenkt?

Das weiß ich nicht, aber er hat ja 1946 einen Essay geschrieben über den Verfall des Schenkens…

In der Minima Moralia.

…und das kann man dort so interpretieren. Aber auch diese Zeitdiagnose muss man immer überprüfen. Was neuartig ist, sind Beziehungsgeschenke: Man verbindet den Wunsch nach Beziehung über ein besonderes gemeinsames Erlebnis – die Einladung ins Kino, ins Theater, zum Essen.

Womit man sich auch selbst beschenkt.

Genau. Da ist das Egoistische am Schenken nicht so ganz versteckt.

Gibt es Wendepunkte des Schenkens – 68er-Revolte oder die Wende?

Erst mal wurde mit zunehmendem Wohlstand mehr geschenkt und die Kritik der 68er an diesem „Konsumterror“, wie sie es nannten, hat ein wenig zu Irritationen geführt. Aber mehr im psychischen Bereich. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Gerade danach wurde zum Teil sinnlos geprasst und reich beschenkt. Das ging selbst durch schlechtere Zeiten weiter. 1993 war das Jahr mit dem größten Weihnachtskonsum; danach setzte die Rezession spürbar Grenzen und die Gürtel wurden wieder enger geschnallt.

1993 war der Osten in der Geschenkkultur angekommen.

Ja, als die Arbeitslosigkeit noch nicht so schlimm war und Optimismus herrschte. Leute verschulden sich ja auch zu Weihnachten in der Hoffnung, sie in der Zukunft abtragen zu können. Wenn Sie sich angucken, was für Darlehen angeboten werden, was Kaufhäuser und Geschäfte sogar an Null-Prozent-Finanzierungen versprechen, kaufe jetzt, bezahle ab Februar.

Ist die Wiedervereinigung also in diesem Punkt vollzogen?

Es gibt wohl immer noch Nachholbedarf im Osten. Wie man der repräsentativen Studie von Ernst & Young entnehmen kann, wird im Durchschnitt teurer geschenkt als im Westen.

Noch immer?

Noch immer.

Gab es in BRD und DDR unterschiedliche Schenkphilosphien?

Dazu sind mir keine Untersuchungen bekannt. Aber zu Weihnachten, wenn viele Menschen beschenkt werden sollen und wollen, spielen heute Beziehungsnetzwerke eine größere Rolle. Es werden nicht mehr alle Verwandten und Freunde beschenkt, aber ein bestimmter Kreis. Oft wird auch schon ausgemacht: Wir schenken uns nichts mehr.

Nur bei Kindern werden keine Abstriche gemacht.

Die sind auch auf Geschenke angewiesen. Das ist der Grund, warum wir am Schenken so festhalten: Diese frühkindliche Freude, diese naive Magie, dass der andere uns beschenkt, weil wir offenbar liebenswert sind, beseelt uns und lässt uns auch als Erwachsene für Geschenke empfänglich bleiben. Auf der anderen Seite schenken Kinder auch gerne, sind also nicht nur Empfänger. Und Erwachsene beschenken Kinder viel lieber als Erwachsene.

Dummerweise werden Kinder immer anspruchsvoller.

Ja. Sie sind immer besser informiert, sie gucken Werbung, lesen Anzeigen und Spielzeugkataloge. Auf der anderen Seite: Wenn klar ist, dass nicht der Weihnachtsmann die Geschenke bringt, muss man über finanzielle Möglichkeiten reden und darauf hinweisen, dass es reichere und ärmere Menschen gibt.

Dennoch gehen Eltern oft bis an die Schmerzgrenze.

2005 gab es eine repräsentative Umfrage eines Internet-Spielzeughandels, dass pro Kind zu Weihnachten im Durchschnitt 326 Euro ausgegeben wurde. Das glaube ich nicht, aber an den Kindern wird sicherlich zuletzt gespart.

Nach dem Motto: Ist ja nur einmal Weihnachten.

In der Tat spielt das eine wichtige Rolle. Es ist eine Jahresschlussfeier und schon im alten Rom wurde das mit gegenseitigen Geschenken gefeiert, um ein gutes Omen fürs nächste Jahr magisch zu erzwingen.

Was für Schenkprinzipien gibt es sonst noch?

Ich habe keine Idealtypen herausgearbeitet, die ja so in der Realität nicht vorkommen. Es gibt bisher keine Theorie, die die vorhandene Praxis des Schenkens wirklich erklären kann. Es kommen sehr alte Traditionen zum Tragen. Dass das Schenken immer mehr zunimmt, wird mit einer Tendenz zur Großzügigkeit erklärt, die der „Geiz ist geil“-Mentalität des Feilschens und Kaufens antithetisch gegenübersteht.

Wie schenkt eine vierköpfige Familie mit sagen wir 3000 Euro Nettoeinkommen?

Die wissen, dass Weihnachten kommt, und kluge Menschen werden etwas gespart haben. Das Weihnachtsgeld, so denn noch welches gezahlt wird, wird oft auch dafür verwendet. Erwachsene haben zumindest eine Vorstellung, wer auf jeden Fall zu beschenken ist und wie hoch sich die Ausgaben insgesamt belaufen dürfen. Ansonsten gibt es ganz bestimmte Abstufungen nach Kriterien der Nähe. Etwa, dass man tunlichst die eigene Ehefrau höherwertig beschenkt als die eigene Mutter. Aber die Kinder, so denn welche vorhanden sind, stehen im Mittelpunkt. Weihnachten rangiert weit vor dem Geburtstag in der Hitparade der Geschenkfeste.

Welchen Einfluss hat die anhaltende Staats-, Banken- und Finanzkrise aufs Schenkverhalten der Deutschen?

Ich bin kein Hellseher, aber in Krisenzeiten, denken Sie auch an Kriegs- oder Nachkriegszeiten, wurde der Gürtel natürlich enger geschnallt.

Die Krise hat erstmals seit langem die Reichen fast ebenso hart getroffen wie so manchen Armen. Sind also Umsatzeinbußen des Einzelhandels im Luxussegment zu erwarten?

Ob härter, ist noch nicht absehbar, denn der Arbeitsplatzverlust des einfachen Arbeitnehmers hat für seine Familie meist existentiellere Auswirkungen als der Verlust der einen oder anderen Millionen bei den wirklich Reichen. Wie es beim Mittelstand aussieht, hängt sicher auch davon ab, wie sicher der Arbeitsplatz ist und wie viel Vermögen verloren ging.

Und davon, ob die Menschen erwarten, Ihr Geld sei bald nichts mehr wert und sie es deshalb ausgeben.

Wenn man der Studie von Ernst & Young folgt, dann sieht es eher danach aus, dass auch diesmal alle knapper kalkulieren, so wie dies eben in Krisenzeiten üblich ist.

Und was schenken wir uns in 25 Jahren – doch wieder Socken?

Also wenn es nach Joel Waldfogel geht, dem amerikanischen Ökonomieprofessor, schenken wir uns dann nur noch Bargeld; ein Trend zu Geld oder Gutscheinen ist auch bei uns in Deutschland zu beobachten. Beim Schenken in den USA wurde nach seinen Forschungsergebnissen viel Geld verschwendet, weil die Empfänger die erhaltenen Geschenke für sie inadäquat fanden. Und um den volkswirtschaftlichen Schaden zu minimieren, rät Waldfogel seit Jahren zu reinen Geldtransaktionen. – Das hat meines Erachtens mit dem traditionellen Schenken nicht mehr viel zu tun. Der Reiz manch schöner, selbst gemachter oder praktischer Geschenke fehlt dem Scheck oder Gutschein unter Weihnachtsbaum erst einmal. Die Socke wärmt wenigstens.

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