Märchen: Weihnachtsfernsehdauerbrenner

Glaube, Liebe, Hoffnung

Mit den vier aufwändigen Verfilmungen voller Topstars des deutschen Fernsehens, erhöht die ARD ihren Kanon alter Märchen im neuen Gewand seit 2008 nun auf stolze 30 frische Filme. Nicht nur die Adventszeit ist voller Klassiker auf fast allen Kanälen, zumindest den öffentlich-rechtlichen. Warum eigentlich? Und warum nie bei den kommerziellen?

Von Jan Freitag

Es war einmal… Ach, eigentlich ist noch immer und gewiss erzählen unsere Enkel noch den ihren von bösen Hexen, guten Feen, Schneiderlein und Stadtmusikanten und was sich noch so alles in den uralten Erzählungen für Kinder tummelt. Märchen sind für die Ewigkeit – selbst im schnelllebigen Fernsehen. Und so füllt es sich dieser festlichen Tage mit allem, was das Genre hergibt. Seit 2008 aktualisiert die ARD das Werk der Brüder Grimm, ergänzt durch populäre Werke Hans Christian Andersens oder wie im vorigen Jahr der opulenten Modernisierung von Nils Holgerssons wunderbare Reise, dargeboten von Topstars wie Hinnerk Schönemann, Bastian Pastewka, Yvonne Catterfeld, solche Kaliber.

Vier brandneue Fassungen kommen unterm Reihentitel 6 auf einen Streich allein am ersten und zweiten Weihnachtstag hinzu: Vom Fischer und seiner Frau, Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, dazu Die kleine Meerjungfrau und nach einer Neufassung des ebenfalls aktiven ZDF nun auch im Ersten Der Teufel mit den drei goldenen Haaren. Schon merkwürdig. Denn eigentlich galt der Kanon 2012 als abgeschlossen, was seinerzeit ja schon die frischen Titel belegten: Jorinde und Joringel oder Die Sterntaler durften im Grunde nur noch Kennern echte Begriffe sein. Aber was zählt, ist ja auch das Gesamtpaket.

Denn zu den Debüts gibt es ja noch die Klassiker, gern mal schwarz-weiß, oft aus dem Osten. Um die 50 deutsche wie tschechische Perlen laufen Jahr für Jahr zur Weihnacht, darunter gleich ein knappes Dutzendmal Drei Haselnüsse für Aschenbrödel von 1973. Nur die Privatsender bleiben selbst in ihren Kindersparten komplett Grimmfrei. Seltsam. Fragt sich also: Sind Märchen überhaupt noch zeitgemäß. Die Antwort lautet: jein. Erzählt werden antiquierte Geschichten barocker Charaktere in einer Welt, die der unseren fremd ist, mit konservativem Sippendenken, dass modernen Patchworkfamilien zuwider läuft, in einem Tempo, das jungen Sehgewohnheit hinterherhinkt, mit einer Bildsprache, die allen digitalen Tricks zum Trotz selbst der Dynamik von Bob der Baumeister unterliegt.

Doch dann ist da dieser Zauber, ein „mythischer Kern“, wie ihn Norbert Schneider nennt: „Klare Verhältnisse mit der Überraschung des Wunders“. Dank des Wiederkennungswertes schafft das aus Sicht des Medienkontrolleurs einen Kosmos, „in dem man sich total gehen lassen kann“. Und zwar ethisch grundiert statt haltlos wie im kommerziellen Reizgewitter. Märchen sind deshalb unzerstörbar, schreibt die Literaturkritikerin Evelyn Finger, „weil sie von unseren Träumen und unserer Verzweiflung handeln“. Weil sie Moralbegriffe bebildern, die altbacken sein mögen, aber nicht nutzlos.

Mit ihrer klaren Einteilung in gut und böse, richtig und falsch, ordnen sie die Realität vor. Mit mal despotischen, mal gütigen Herrschern heroischer bis feiger Untertanen, dieser Berechenbarkeit menschlichen Handelns bei konsequenter Verlässlichkeit des positiven Endes unter tierischer Mithilfe, dem Mix fataler Lagen, magischen Beistands und individuellen Eifers, lehren sie uns Fehlbarkeit, Fantasie, Widerstand, Gehorsam und den Glauben, einst vom Prinz aus dem dunklen Wald geholt zu werden. Darum sind Märchen eine Schule des Herzens. Sie nähren in uns Hoffnung und Zweifel zugleich.

Verglichen mit dem Restprogramm ist das ein ziemlich komplexes Vergnügen für die Kernzielgruppe der 3- bis 13-Jährigen. Schließlich sammelten die Grimms vor zwei Jahrhunderten ja eher für Wissenschaftler als deren Sprösslinge, wie Heinz Rölleke herausfand. Mit jeder Auflage aber wurden ihre „Kinder- und Hausmärchen“, die der Germanist 1975 als Anthologie französischen Ursprungs entlarvte, so lange verniedlicht, bis sie zum Vorlesen dieser literarischen Dürrephase für Heranwachsende passten. Umso erstaunlicher, dass ihr Kern subversiv blieb. Jede Figur, so Rölleke, verstoße für den Reifeprozess gegen Gebote. „Auch Rotkäppchen schert sich nicht um Ermahnungen.“

Unangepasst, autoritätskritisch, fast rebellisch, vor allem aber: familiär. Jacob Grimm war lange verärgert, dass bloß für den Verkaufserfolg „Kind“ im Buchtitel stand. Heute versammeln „nur Märchen alle Generationen am Lagerfeuer des Medienzeitalters“, erzählt KiKa-Planer Stephan Rehberg vom festen Sendeplatz am Sonntagmittag mit bis zu zwei Millionen Zuschauern. Den Eltern darunter, glaubt Rehberg, „geht es weniger um Erziehung als Romantik“. Die Moral von der Geschicht’ sei eher ein Zubrot. Auch für die Sender und ihre Darsteller, diesmal von Nina Kunzendorf oder Jörg Hartmann über Ben und Meret Becker bis hin zu Katharina Schüttler. Grimms Werke werden schließlich auch neu verfilmt fast unweigerlich zum Standardwerk in Endlosschleife, deren Wiederholungen sich schon kurz nach der Premiere kaum zählen lassen. Anders als die totale Abstraktion hektischer Comic-Märchen oder die ungewollte der Marke Degeto haben die Originale ewige Halbwertszeiten. Gestrig und aktuell, grausam und schön, real und zauberhaft – wie das Leben.

1. Weihnachtstag, 14.10 Uhr: Vom Fischer und seiner Frau; 15.10 Uhr: Das Mädchen mit den Schwefelhözern
2. Weihnachtstag, 14.10 Uhr: Die kleine Meerjungfrau; 15.10 Uhr: Der Teufel mit den drei goldenen Haaaren
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